Wie viel ist genug?

Wie viel ist genug?

  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Das Lebensglück hängt auch vom Besitz ab, so denke ich zumindest häufig. Ich wäre doch viel glücklicher, wenn ich mir nun endlich ein eigenes Haus leisten könnte. Wie schön wäre es, für ein Jahr eine Weltreise zu unternehmen. Wenn ich das erreicht hätte, wäre ich endlich glücklich.

Bereits im Alten Testament wird zu dem Wunsch nach immer mehr Wohlstand kritisch angemerkt: »Wer das Geld liebt, will mehr davon. Und wer den Reichtum liebt, bekommt nie genug. «Auch das ist Windhauch! »Wenn der Besitz wächst und wächst, gibt es auch mehr Leute, die davon essen.« Welchen Vorteil hat dann sein Besitzer davon? Er darf dabei zuschauen! »Süß ist der Schlaf des Arbeiters, ganz gleich, ob er wenig oder viel zu essen hat.« Wer aber reich ist und alles hat, dem raubt der Überfluss den Schlaf“ (Kohelet 5,9ff.).

Dabei will ich gar nicht abstreiten, dass ein gewisser Wohlstand das Leben deutlich erleichtert. Ich kann mich noch gut an die Zeit des Studiums und des Vikariats erinnern: Da mussten meine Frau und ich jeden Cent umdrehen. Wir mussten sogar beim Kauf von Lebensmitteln immer nach Schnäppchen Ausschau halten. Da haben wir es heute deutlich einfacher, ich kann mir ohne gross nachzudenken, neue Kleidung, ein neues Handy oder notfalls auch einen neuen Computer zulegen. Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. 

Doch beschert mir mein Wohlstand auch Glück? Da bin ich schon etwas kritisch. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war ich als Student immer sehr zufrieden, womöglich gar zufriedener als heute. Ich hatte zwar weniger Geld, doch dafür unterlag ich auch weniger Zwängen. Kurz: Ich war freier. Und diese Freiheit habe ich genossen. Es ist nun nicht so, dass ich meine Freiheit gegen Geld eingetauscht hätte. Ich habe keinen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Das ist einfach der Lauf des Lebens: Irgendwann muss man arbeiten, sein eigenes Geld verdienen. In meinem Fall stehe ich ja auch unter dem Sachzwang, eine Familie ernähren zu müssen. Meine Familie macht mich übrigens sehr glücklich. Ergo: Ich benötige Geld, um glücklich zu sein.

Ich glaube, das ist auch der rechte Umgang mit Geld. Das Geld für sinnvolle Dinge einsetzen, die glücklich machen. Ungesund wird es dann, wenn wir Geld um seiner selbst willen anhäufen. Davor warnt auch Kohelet, wenn er sagt, dass der Überfluss den Schlaf raubt. Der Habgierige möchte immer mehr habe. Egal wie viel Geld und Vermögen er anhäuft, es ist nie genug. Der antike Philosoph Seneca meint dazu: „Wer des Reichtums bedarf, der fürchtet ihn. Niemand aber hat Genuss von einem Gute, das ihm Sorge macht. Immer ist er darauf bedacht, noch etwas hinzuzufügen; und über all dem Sinnen und Trachten nach Vermehrung vergisst er die Nutzung.“

Dazu ein passendes Märchen: Der Arme und der Reiche
Der liebe Gott wandelt selbst auf der Erde, um zu schauen, was die Menschen so treiben. Um nicht erkannt zu werden, nimmt er die Gestalt eines armen Wanderers an. Abends gelangt er zu zwei Häusern. Das eine Haus ist gross und prächtig. Kurzerhand entschliesst sich der liebe Gott, dort um ein Nachtlager zu bitten. Denn er denkt so bei sich: „So einem reichen Mann werde ich sicher nicht zur Last fallen.“ Doch der Reiche weist den lieben Gott unwirsch und unfreundlich ab.

So geht der liebe Gott zu dem kleinen, heruntergekommenen Haus gegenüber. Er klopft an und bittet um ein Nachtlager. Das arme Ehepaar nimmt ihn mit Freuden auf, teilt das Wenige, das sie haben. Und als der liebe Gott schlafen möchte, bieten sie ihm ihr Bett an, während sie sich mit Stroh ein Lager machen möchten. Der liebe Gott will erst nicht, doch die armen Leute nötigen ihm das Bett auf.

Am nächsten Tag macht der liebe Gott sich nach dem Frühstück wieder auf den Weg. Als er das Haus verlässt, dreht er sich noch einmal um und sagt zu dem armen Ehepaar: „Ihr habt mich so freundlich aufgenommen. Ich gewähre euch drei Wünsche.“ „Uff“, sagt der Mann, „ausser der ewigen Seligkeit und daß wir zwei, solang wir leben, gesund dabei bleiben und unser notdürftiges tägliches Brot haben. Einen dritten Wunsch haben wir nicht.“ Darauf entgegnet der liebe Gott: „Hättet ihr nicht gerne ein schönes, grosses Haus?“ „Ja, das wäre durchaus nicht schlecht. Da würden wir uns freuen.“ Der liebe Gott gewährt die drei Wünsche und zieht weiter.
Als der Nachbar aufwacht, sieht er das neue Haus und erblasst vor Neid. Nachdem er herausgefunden hat, was los ist, macht er sich mit seinem Pferd auf den Weg. Er holt den lieben Gott ein, entschuldigt sich und bittet ebenfalls um drei Wünsche. Der liebe Gott meint: „Die kannst du haben, aber ich rate davon ab, da sie dir nur Unglück bringen werden.“ Der reiche Mann besteht auf die drei Wünsche und reitet nachdenklich Richtung Heimat. „Was soll ich mir nur wünschen?“, fragt er sich. Das Geschaukel beim Reiten lenkt ihn derweil vom Nachdenken ab und so sagt er völlig aus dem Konzept gebracht: „Ach, wenn das Pferd doch tot wäre!“ Zack liegt das Pferd tot auf der Erde. Da er geizig ist, nimmt er zumindest den Sattel mit. Läuft weiter und denkt so: „Wenn ich mir auch alle Reiche und Schätze der Welt wünsche, so fällt mir hernach noch allerlei ein, dieses und jenes, das weiß ich im Voraus, ich wills aber so einrichten, daß mir gar nichts mehr übrig zu wünschen bleibt.“ So im Nachdenken fällt ihm plötzlich ein, wie gut es seiner Frau gerade gehen muss. Da sagt er: „Wenn doch meine Frau auf diesem vermaledeiten Sattel sässe, den ich hier herumschleppen muss, und nicht mehr herunterkäme.“
Als er nach Hause kommt, klebt die Frau am Sattel und kommt nicht mehr los. Da helfen auch alle Versprechen, dass er Geld ohne Ende herbeiwünsche könne, nichts, die Frau will vom Sattel runter. Und so opfert er den letzten Wunsch, um sie zu befreien.

Das arme Ehepaar aber lebte glücklich bis zu seinem seligen Ende.

Das Problem des Reichen ist, dass er nie zufrieden ist. Er möchte immer mehr haben. Nie kommt er zu einem Ziel. Reichtum bringt nur etwas, wenn man ihn vermehrt. „Nicht, wer wenig hat, sondern wer immer mehr haben will, der ist arm“, mahnt Seneca. Und es stimmt, der wahrhaft Reiche in der Geschichte ist der Arme, der mit dem, was er hat, zufrieden ist. Er ist in seiner Armut zufrieden. Und selbstverständlich freut er sich umso mehr, als er einen gewissen Wohlstand geschenkt bekommt.

Ich glaube, das ist die Kunst im Leben: Mit dem, was man hat, zufrieden sein. Dabei hilft es schon, wenn man zuerst auf sich schaut und sich nicht mit anderen vergleicht. Genau das tut ja der Reiche in dem Märchen. Er sieht das neue, schöne Haus des Nachbarn und wird eifersüchtig. Er kann es nicht ertragen, dass ein anderer scheinbar mehr hat als er. Allein der Anblick macht ihn unglücklich.

Als Student war ich zufrieden, weil ich nicht auf das geschaut habe, was ich noch haben könnte, sondern mit dem zufrieden war, was ich hatte. Wie schwierig ist es, sich diese Haltung zu bewahren. 

Ich wünsche mir und uns allen, dass wir es schaffen, in jeder Lebenslage zufrieden zu sein. So wie Paulus sagt: „Ich habe gelernt, in jeder Lage allein zurechtzukommen: Ich kenne den Mangel, ich kenne auch den Überfluss. Alles und jedes ist mir vertraut: das Sattsein wie der Hunger, der Überfluss wie die Not. Ich bin allem gewachsen durch den, der mich stark macht“ (Philipper 4,11ff.).

Denn Lebensglück hängt nicht von den Umständen ab, sondern ist eine innere Einstellung. Wer vertrauensvoll und zufrieden durch sein Leben geht, wird nicht unglücklich, wenn er einmal weniger hat, als noch vor einiger Zeit hatte. Er wird auch nicht neidisch, wenn jemand mehr hat als er selbst. Er geniesst das Leben, wie es gerade kommt. Dem ist das, was er hat, genug.

Schreibe einen Kommentar