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Wie kommen Sie dazu zu beerdigen?

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Wie kommen Sie dazu zu beerdigen?
So wirklich ausgesucht habe ich mir das nicht. Das Ganze begann mit der folgenschweren Entscheidung, Theologie mit dem Ziel Pfarramt zu studieren. Schon als ich mit dem Studium anfing, dachte ich mir so: „Oh Mann, mit Jugendlichen – ich war damals ja selbst noch ziemlich jung – komme ich sicher gut zurecht. Aber wie ist das mit Menschen, die 30 oder sogar 60 Jahre älter sind als ich? Nehmen Menschen mich überhaupt ernst, wenn ich sie durch schwierige Lebenssituationen begleite? Und traue ich mir selbst das überhaupt zu.“
Na ja, die Zweifel konnte ich während des Studiums gekonnt ignorieren. Denn da beschäftigt man sich mit allem ja nur theoretisch und mit dem Tod eher selten.
Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums ging es ab ins Vikariat (der praktische Teil der Ausbildung zum Pfarrer). Nun wurde es ernst. Denn bei Beerdigungen interessiert es niemanden, ob ich das zum 1. oder zum 1000. Mal mache. Und nachdem ich meinem Mentor einige Male zugeschaut hatte, wie man Trauergespräche führt und Beerdigungen würdig gestaltet, war es auch bald so weit: Meine erste selbst gestaltete Beerdigung.
Ich will mich nicht selbst loben, aber es hat alles gut hingehauen. Sowohl das Trauergespräch als auch die Beerdigung verliefen gut. Ich habe mich in der Rolle als Seelsorger auf Anhieb wohlgefühlt und anscheinend hatten die Angehörigen ebenfalls das Gefühl, bei mir gut aufgehoben zu sein.
Im Laufe der Zeit habe ich sehr großen Gefallen an meiner Rolle als Seelsorger gefunden. Ich empfinde es als eine besondere Ehre, Menschen in schwierigen Zeiten Beistand leisten zu dürfen. Ich glaube, dass Menschen niemals offener und ehrlicher sind als im Trauergespräch. Für mich sind diese Begegnungen einzigartig. Sie berühren mich immer wieder aufs Neue.
Auch das Gestalten von Abschiedsfeiern ist für mich eine wundervolle Aufgabe. Der Anlass an sich mag traurig sein. Doch gibt es etwas Schöneres, als Menschen in Zeiten der Trauer beizustehen? Für mich sind Beerdigungen Dienst am Nächsten. Das bereitet mir – so schräg das klingen mag – Freude.


Ist es nicht viel schöner, Menschen in den Sonnenstunden des Lebens zu begleiten? Stichwort Trauung oder Taufe?

Beides hat seinen Reiz. Selbstverständlich ist es ganz toll, dabei sein zu dürfen, wenn sich zwei Lebenswege dauerhaft verbinden oder wenn eine Beziehung durch die Geburt eines Kindes bereichert wird. Auch bei der Vorbereitung und Durchführung solcher Zeremonien lerne ich viel über das Leben, darüber wie andere die Welt wahrnehmen und deuten. Und natürlich ist die Freude der Brautpaare und frischgebackenen Eltern ansteckend, doch das tut der Besonderheit von Abschiedsfeiern keinen Abbruch. Ich denke, man die beides nur schwer miteinander vergleichen. Klar, in beiden Fällen stehe ich Menschen bei einem gewichtigen Übergang zur Seite. Doch in einem Falle entspringt gerade etwas Neues und im anderen Fall heißt es loslassen.

Wie wirkt sich Ihr theologischer Hintergrund bei der Gestaltung von Beerdigungen aus?
Auch wenn ich als Pfarrer Beerdigungen durchgeführt habe, war eine wichtige Frage an die Hinterbliebenen immer: „Was glauben Sie, wo sich der/ die Verstorbene nun befindet? Bzw. glauben Sie, dass nun nach dem Tod noch etwas kommt?“ 
Von dieser Frage hängt alles ab. Natürlich könnte man einwenden, wenn die Angehörigen nicht an die den Tod besiegende Liebe Gottes glauben, dann sollen sie doch einen freien Redner buchen. Doch so sehe ich das nicht. Wer Mitglied der Kirche ist, hat das Anrecht auf eine kirchliche Bestattung. Selbstverständlich kann ich als Pfarrer keine „atheistischen Predigten“ halten, doch ich kann die Vorstellung der Angehörigen aufnehmen und würdigen. Das Mindeste, was ich tun kann, ist meine persönliche Überzeugung als solche zu kennzeichnen. Beerdigungen sind keine missionarische Gelegenheit in dem Sinne, dass ich andere Menschen von meiner persönlichen Weltanschauung überzeuge, sondern nur in dem Sinne, dass ich als Pfarrer gute Arbeit leiste und damit zeige, dass Kirche weltoffen und empathisch ist. 
Ich glaube, das ist das Wichtigste, was ich in meiner Zeit als Pfarrer gelernt habe: offen für die Weltsicht der mir anvertrauten Menschen sein. (Und ich gestehe ein, dass das am Anfang eine nicht sehr leichte Lektion war. Vermutlich stehe ich damit nicht alleine auf weiter Flur. Die wenigsten Menschen neigen dazu, ihren Standpunkt relativ zu setzen. Doch genau das ist er. Und das ist wohl die wichtigste Erkenntnis die ich meiner theologischen Reflexion zu verdanken habe). Ich denke, dass gerade diese Offenheit und das Zugehen auf die Menschen auch Jesus geprägt hat. Mehr als authentisch Nächstenliebe leben kann ich nicht tun. 

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