You are currently viewing Werde ich erst durch eine Partnerschaft ein vollständiger Mensch?

Werde ich erst durch eine Partnerschaft ein vollständiger Mensch?

  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Mit meinen Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Klasse mache ich mir derzeit Gedanken über Liebe und Partnerschaft. Denn Liebe und Partnerschaft sind einfach toll, besonders vorteilhaft ist es natürlich, wenn beides zusammenkommt.
Da ich als Theologe meiner zeit ja immer etwas hinterherhinke, habe ich meine Schutzbefohlenen kürzlich mit einem nicht mehr ganz aktuellen Text gequält. Gemeinsam haben wir uns der Lektüre eines Teils von Platons (ca. 428-347 v. Chr.) Symposion auseinandergesetzt. Die Geschichte ist dem ein oder anderen vielleicht bekannt: Das Gleichnis von den Kugelmenschen.
Platon erklärt sich das Bedürfnis nach Liebe und Partnerschaft so: Vor langer Zeit waren die Menschen ganz anders beschaffen: „Ferner war damals die ganze Gestalt eines jeden Menschen rund, indem Rücken und Seiten im Kreis herumliefen, und ein jeder hatte vier Hände und ebenso viele Füße und zwei einander durchaus ähnliche Geschlechter auf einem rings herumgehenden Rücken, zu den beiden nach der entgegengesetzten Seite von einander stehenden Gesichtern, aber einen gemeinschaftlichen Kopf.“ Zwei Menschen, wie wir sie heute kennen, bildeten damals einen. Manche dieser Kugelmenschen waren zweimal weiblich, manche zweimal männlich und andere männlich und weiblich.
Da die Kugelmenschen den Göttern zu mächtig wurden, entschloss sich Zeus dazu, die Menschen in zwei Hälften zu teilen. Das minderte ihre Macht erheblich, machte die Menschen aber auch traurig. Jeder begann nach seiner Hälfte zu suchen. Diejenigen, die vorher Mann-Mann waren, suchten jeweils nach einem Mann, die die Frau-Frau waren nach einer Frau und die, die Mann-Frau waren nach dem jeweils anderen Geschlecht. (Was die Toleranz für gleichgeschlechtliche Paare übrigens sehr fördert.)
Und so sucht nun jeder Mensch nach seiner anderen Hälfte, um so wieder vollkommen zu werden.
Das klingt zunächst alles ganz wundervoll und romantisch. Irgendwie wäre das doch fantastisch: Ich finde meinen Traumpartner, meinen Seelenverwandten und durch ihn werde ich zum Menschen im wahren Sinne. 
Doch meine Schülerinnen und Schüler fanden die Vorstellung auch irgendwie abschreckend. Werde ich denn erst durch meinen Partner zu einem wirklichen Menschen? Das wäre irgendwie traurig. Und was ist erst mit den Menschen, die keine Partnerschaft eingehen möchten oder keinen geeigneten Partner finden? Bleibt man ohne Partner immer nur ein Bruchstück eines Menschen? 
Daran schloss ich die Frage an: Wer bin ich eigentlich? Und was macht mein Leben zu einem erfüllten Leben? Ich glaube, das sind ganz wichtige Fragen, die jeder für sich selbst klären muss. Selbstverständlich kann es für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit sehr hilfreich sein, einen lieben Menschen an der Seite zu haben, mit dem man alles teilen kann. Aber macht dieser Mensch mich erst zum Menschen?
Ich habe im Unterricht mal ganz frech die Gegenthese aufgestellt: Erst wenn ich weiß, wer ich selbst bin, bin ich in der Lage, eine erfüllende Partnerschaft einzugehen. Da dies selbstverständlich nur die These eines weltfremden Theologen ist, erlaube ich mir abschließend die Frage zu stellen: Wie kann man deiner Meinung nach zu einer reifen Partnerschaft finden? Und dient eine Beziehung der Vervollkommnung der eigenen Person?

Schreibe einen Kommentar