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Was Trauernde nicht hören möchten

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Mit einer 10. Klasse habe ich mir Gedanken über den Tod und das, was danach kommen könnte, gemacht. Ich glaube, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens eine eigene Antwort auf diese Frage finden muss. Dementsprechend sind wir auch zu keinem einheitlichen Ergebnis gelangt, was uns nach dem Verlassen dieser wunderschönen Welt erwartet. Doch einig sind wir uns darüber geworden, dass es in der Trauerbegleitung die Hoffnungen und Vorstellungen der Trauernden aufzunehmen gilt (und, zwar unabhängig davon, wovon man selbst überzeugt ist).
Darauf gekommen sind wir durch die Lektüre eines Trostbriefs, den Plutarch (griechischer Schriftsteller ca. 45 – 125 n. Chr.) seiner Frau schreibt, als er vom unerwarteten Tod seiner zweijährigen Tochter erfährt: „Versuche dich aber in Gedanken öfters zurückzuversetzen, in der unser Kind noch nicht geboren war und wir noch keinen Grund hatten, das Schicksal anzuklagen. Und dann verbinde jene Zeit mit der Gegenwart, und stelle dir vor, dass es uns nun wieder ähnlich ergeht wie damals. Doch es sähe so aus, meine Liebe, als ob wir die Geburt unseres Kindes bedauern, wenn wir die Zeit vorher besser fänden. Die zwei Jahre dazwischen dürfen wir jedoch keinesfalls aus unserer Erinnerung löschen, sondern müssen sie, da sie uns die Freude an unserem Kind geniessen liessen, zu unseren Glückszeiten rechnen. Es war ein kurzes Glück, aber wir wollen es deshalb nicht zu einem grossen Unglück erklären. Weil das Schicksal uns nicht noch obendrein geschenkt hat, was wir erhofften, wollen wir nicht undankbar sein gegenüber dem, was uns geschenkt wurde…“
Rein kognitiv konnten alle den Argumenten Plutarchs folgen. Allerdings waren wir uns auch darin einig, dass uns diese Aussage im Falle eines kürzlich erlittenen Verlustes kaum trösten würde. Das Abschiednehmen und Vermissen eines lieben Menschen ist eben doch etwas anderes als das Verlieren eines persönlichen Gegenstands, mit der man so viele schöne Momente verbindet.
Immerhin kam uns Plutarchs Brief sehr ein- und mitfühlend vor. Der gute Mann hat also nicht alles falsch gemacht (und, alles richtig macht man ja sowieso nie).
Folglich haben wir noch etwas herumphilosophiert, wie man Trauernde vollständig brüskieren kann.

1. „Er / sie ist jetzt im Himmel.“
Na, halleluja! Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass sie, nachdem sie aus diesem Leben abberufen wurden, die Ewigkeit in unüberbietbarer Freude in Gottes Gegenwart verbringen dürfen, sind selbstverständlich zu beneiden. (Das meine ich nicht sarkastisch!) Die Gewissheit, in eine unüberbietbar schöne Zukunft zu gehen und selbst durch den Tod nicht von Gottes Liebe getrennt werden zu können, ist toll.
Und auch den Hinterbliebenen spendet die Hoffnung, die geliebte Person eines Tages in Gottes neuer Welt wiedersehen zu dürfen, Trost. 
Doch wie unsensibel und platt ist es denn bitteschön im Moment der Trauer zu sagen: „Na ja, so schlimm ist es ja gar nicht!“ Denn nichts anderes bedeutet diese Plattitüde letztlich. Der / die Verstorbene hat es jetzt ja gut. (Deine Trauer ist eigentlich unbegründet.) Danke dafür!

2. „Er / sie war ja nun schon lange krank. Zumindest ist er / sie nun aus seinem Leiden erlöst.“
Das mag auf der Sachebene ja richtig sein. Möglicherweise hat der Verstorbene den Tod bereits längere Zeit herbeigesehnt. Doch selbst das ist nur sicher, wenn die Person das vor ihrem Ableben ausdrücklich so kommuniziert hat. Denn viele Menschen klammern sich trotz persönlichen Leids an ihrem Leben fest.
Auch für die Angehörigen mag es ein gewisser Trost sein, den Verstorbenen nicht mehr leiden sehen zu müssen. Dennoch würde ich persönlich es als unangebracht erleben, wenn mir jemand vorschreiben würde, dass ich mich letztlich noch für den Verstorbenen freuen sollte, weil er nun ja keinen Schmerz mehr empfindet. Möglicherweise hätte ich ihn trotz allem noch gerne etwas länger bei mir gehabt…

3. „Er / sie war ja schon alt.“
Vielleicht, aber für die Hinterbliebenen kommt der Tod immer zu früh, selbst wenn der Verstorbene 150 Jahre alt geworden ist. In aller Regel trauern wir auch nicht um das Alter eines Menschen, sondern um das, was wir mit ihm verlieren…

4. „Ich weiss genau, wie du dich fühlst…“
Nein! Jeder Mensch denkt und fühlt individuell. Selbst wenn zwei Menschen eine ganz ähnliche Verlusterfahrung gemacht haben (z.B. den frühzeitigen Tod des Ehepartners), empfinden sie die Situation ganz verschieden, da sich ihre Weltsicht unterscheidet sowie ihr Lebenskonzept sowie der Umgang mit dem Verlust sich unterscheiden usw. 
Gerade als Pfarrer und Trauerredner muss auch ich mir immer wieder bewusst machen: Ich treffe hier auf einzigartige Menschen, die auf ihre ganz eigene Art trauern. Durch unser Gespräch kann ich ansatzweise nachvollziehen (und hoffentlich auch nachempfinden), was sie fühlen. Aber ich kann nie ganz genau wissen, wie sie sich fühlen. Doch alles Hineinfühlen bleibt Stückwerk. Ich bin immer ich mit meiner Wahrnehmung und meinen Gefühlen. Ich kann nicht zu meinem Gesprächspartner werden.

5. „Er / sie hätte nicht gewollt, dass du trauerst…“
Ja, klar. Niemand möchte, dass ihm nahestehende Menschen „seinetwegen“ traurig sind. Im Trauerprozess geht es allerdings nicht ausschliesslich um den Verstorbenen, sondern vielmehr um die Hinterbliebenen. Trauer zu verbieten ist schlichtweg unmenschlich. Jeder hat das Recht zu trauern, sich innerlich mit dem schweren Verlust auseinanderzusetzen und zwar in der Form, die ihm guttut.

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