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Was möchtet ihr von einem Trauerredner/ Pfarrer hören?

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Angesichts des Todes sind die meisten Menschen sprachlos. Doch einer Berufsgruppe kommt die Aufgabe zu, Trauernden beizustehen und einen würdigen Abschied zu gestalten.

Als studierter Theologe bin ich in solchen Fällen mit meinen eigenen Erwartungen konfrontiert. Sollte ich nun nicht irgendetwas unheimlich Kluges sagen? Ist es nicht meine Aufgabe, momentan untröstlichen Menschen irgendwie Trost zu spenden? Oder setze ich mich unnötig selbst unter Druck und meine Anwesenheit und mein aktives Zuhören reichen bereits aus?

Heute frage ich einmal ganz offen: Was erwartet ihr von einem Trauerredner/ Pfarrer?

Selbstverständlich habe ich mir auch ein paar Gedanken gemacht, die ich nun zum Besten gebe. Ich bin aber total gespannt, ob ihr etwas zu ergänzen habt oder das ganz anders seht.

Das Leben des Verstorbenen würdigen
„Von dem Menschen, den du geliebt hast, wird immer etwas in deinem Herzen zurückbleiben: Etwas von seinen Träumen, etwas von seinen Hoffnungen, etwas von seinem Leben, alles von seiner Liebe. Wir leben alle von dem, was uns Menschen in bedeutungsvollen Stunden unseres Lebens gegeben haben“, schreibt der Dichter Novalis. Damit bringt er zum Ausdruck, was sich viele Menschen von einer Trauerfeier erwarten: In der Rede soll der Verstorbene noch einmal lebendig werden. Durch die Würdigung seines Lebens entsteht vor dem geistigen Auge der Trauergemeinde ein Bild des Menschen, der nun verabschiedet wird. All das, was er für Familie und Freunde bedeutet hat, kommt nochmals zur Sprache und unterstreicht die Erinnerungen, die die Hinterbliebenen in ihren Herzen tragen.
Den Verstorbenen in guter Erinnerung zu halten, ist eine kaum zu überschätzende Ressource im Trauerprozess und hilft dabei, ihm einen bleibenden Platz im eigenen Leben zuzuweisen. Nur wer den Toten einen angemessenen Platz einräumt, kann in die Zukunft voranschreiten.

Das Leben des Verstorbenen zu würdigen, ist folglich eine der wichtigsten Aufgaben eines Trauerredners bzw. Pfarrers unabhängig davon, ob weitere Punkte hinzukommen oder nicht.

Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits vermitteln
Ich wäre wohl ein schlechter Theologe, wenn ich die Möglichkeit eines Wiedersehens im Himmel verneinen würde. Andererseits ist es gerade in der Trauerarbeit wichtig, niemandem die eigene Weltsicht aufzuzwingen. Religiöse Vorstellung erscheinen mir dann als sinnvoll, wenn sie lebensfördernd sind, dem Individuum helfen, die Welt zu deuten und sich in dieser besser zurechtzufinden.

Wunderbar drückt diese tröstliche und Zuversicht spendende Dimension der Religion der Dichter Joseph von Eichendorff in seinem Gedicht Der Umkehrende aus:

Es wandelt, was wir schauen
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.

Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir müssen alle scheiden
Von allem, was uns lieb.

Was gäb es doch auf Erden,
Wer hielt’ den Jammer aus,
Wer möcht geboren werden
Hieltst du nicht droben Haus!

Du bist’s, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Daß wir den Himmel schauen –
Darum so klag ich nicht.

Es geht Eichendorff nicht darum zu sagen, dass hier alles schrecklich ist. Die Welt ist kein Jammertal und dennoch ist jedem Menschen immer wieder zu jammern zu Mute. Denn dieses wunderschöne Leben stellt uns immer wieder vor schwierige Aufgaben und unschöne Momente wie das Abschiednehmen von einer geliebten Person.

Mir persönlich spendet die Hoffnung darauf, Vorausgegangene eines Tages wieder zu sehen, Hoffnung. Die Schönheit des Bildes garantiert selbstverständlich nicht die Richtigkeit, aber was wäre schöner als das, was Paulus den Christen in Thessaloniki schreibt? „Dann werden zuerst die Toten auferweckt, die zu Christus gehören. Und danach werden wir, die dann noch am Leben sind, zusammen mit ihnen weggeführt. Wir werden auf Wolken in die Höhe emporgetragen, um dem Herrn zu begegnen. Dann werden wir für immer beim Herrn bleiben“ (1Thess 4,16f.).

Eingang in die ewige Ruhe
Manchen Menschen spendet die Vorstellung, dass uns am Ende dieses Lebens nichts erwartet, Mut. Das mag auf den ersten Blick paradox wirken. Denn das Nichts können wir Menschen uns gar nicht vorstellen. Und wieso sollte es schön sein, wenn auf einmal gar nichts mehr ist?

Bei genauerem Nachdenken scheint die Vorstellung vom Nichts aber nicht mehr so unheimlich oder bedrohlich. Denn wie bereits der antike Philosoph Epikur festhält: „Gewöhne dich an den Gedanken, dass der Tod uns nichts angeht. Denn alles Gute und Schlimme beruht auf der Wahrnehmung. Der Tod aber ist der Verlust der Wahrnehmung. Darum macht die rechte Einsicht, dass der Tod uns nichts angeht, die Sterblichkeit des Lebens genussreich, indem sie uns nicht eine unbegrenzte Zeit dazugibt, sondern die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit wegnimmt.“ 

Aus der begrenzten Zeit, die uns zur Verfügung steht, können wir das beste machen, viele wundervolle Erfahrungen sammeln, das Leben anderer bereichern und uns an dem erfreuen, was uns begegnet. Immer wieder werden uns allerdings auch Dinge zustossen, die wir als unangenehm oder traurig empfinden. Das Leben beschert uns wundervolle, ergreifende Momenten und schlägt uns zugleich immer wieder Wunden. Kurz: Was kann es Schöneres geben, als am Ende eines langen und erfüllten Lebens zu sagen: Ich habe mein Leben gelebt und erlebt, was wichtig war. Jetzt kann ich getrost aus dieser Welt scheiden und in die ewige Ruhe eingehen. Ein schönes Wort, das bereits Luther in seiner Bibelübersetzung gebraucht, lautet „Lebenssatt“: „Und Abraham verschied und starb in einem guten Alter, als er alt und lebenssatt war, und wurde zu seinen Vätern versammelt“ (1. Mose 25,8). In diesem Sinne kann man der letzten Ruhe getrost entgegensehen.

Kein falscher Trost
Mit Schülerinnen und Schülern der 10. Jahrgangsstufe habe ich mich über den Tod und was uns danach erwarten könnte, gesprochen. Dabei ist uns aufgefallen, wie verschieden bereits in eine recht kleinen (zumindest auf dem Papier evangelischen) Gruppe die Vorstellungen über das „Jenseits“ sind. 

Im Unterricht haben wir einen Trostbrief des antiken Schriftstellers Plutarch gelesen. In diesem Brief versucht er, seine Frau, die den Tod der jungen Tochter betrauert, zu trösten. Er schreibt: „Versuche dich aber in Gedanken öfters zurückzuversetzen, in der unser Kind noch nicht geboren war und wir noch keinen Grund hatten, das Schicksal anzuklagen. Und dann verbinde jene Zeit mit der Gegenwart, und stelle dir vor, dass es uns nun wieder ähnlich ergeht wie damals. Doch es sähe so aus, meine Liebe, als ob wir die Geburt unseres Kindes bedauern, wenn wir die Zeit vorher besser fänden. Die zwei Jahre dazwischen dürfen wir jedoch keinesfalls aus unserer Erinnerung löschen, sondern müssen sie, da sie uns die Freude an unserem Kind geniessen liessen, zu unseren Glückszeiten rechnen. Es war ein kurzes Glück, aber wir wollen es deshalb nicht zu einem grossen Unglück erklären. Weil das Schicksal uns nicht noch obendrein geschenkt hat, was wir erhofften, wollen wir nicht undankbar sein gegenüber dem, was uns geschenkt wurde…“

Manche von uns fanden den Brief tröstlich, andere eher etwas weltfremd. Ich persönlich kann die Gedanken theoretisch nachvollziehen. Allerdings bin ich mir unsicher, ob mir die Aussage im Falle aktueller Trauer tatsächlich hilfreich wäre. 

Genau das ist die wichtigste Aufgabe eines Trauerredners bzw. Pfarrers, herauszufinden, was die Hinterbliebenen hoffen und glauben und was ihnen tröstlich erscheint. Nur das, was die Angehörigen selbst erhoffen und als hilfreich empfinden, darf zur Sprache kommen. 
Was ist das bei dir?

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