Was darf ich vom Leben erwarten?

Was darf ich vom Leben erwarten?

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Worauf darf ich im Leben hoffen? Muss ich mit dem zufrieden sein, was ich habe? Der Philosoph Epiktet meint dazu: „Deine Aufgabe (im Leben) besteht darin, die dir zugedachte Rolle hervorragend zu spielen; sie auszuwählen jedoch steht einem anderen zu.“

Einerseits empfinde ich diesen Ratschlag als sehr weise. Denn wir können tatsächlich nur bedingt Einfluss auf unser Leben nehmen. Studien haben unlängst erwiesen, dass der soziale Aufstieg auch in unserer modernen Gesellschaft alles andere als einfach ist. Eine gewisse Gelassenheit dem Leben und den Umständen gegenüber tut gut. Wer immer mehr erwartet, wird nicht glücklich. Er ist nie zufrieden mit dem, was er hat, weil es ja immer noch besser sein könnte.

Andererseits – und ich schäme mich fast schon, dass ich ständig Menschen widerspreche, die viel klüger sind als ich – erscheint mir Epiktets Empfehlung, etwas reaktionär zu sein. Wenn die Menschheit sich immer mit dem zufriedengegeben hätte, was gerade ist und jeder stets seine Rolle akzeptiert hätte, hätten wir uns nicht weiterentwickelt. 

Ich glaube, dass es zum Wesen des Menschen dazu gehört, sich weiterzuentwickeln, Grenzen auszuloten und zu überschreiten oder es zumindest immer wieder zu versuchen. Ich bin der Überzeugung, dass Zufriedenheit und Entwicklungsdrang sich nicht ausschliessen. Ich kann in meinem Leben durchaus glücklich sein und dennoch versuchen, etwas hinzuzulernen oder mich zu verändern, nicht weil ich unglücklich wäre, sondern schlicht und ergreifend, weil ich es möchte. 

Es wäre doch geradezu langweilig, wenn jeder ausschliesslich die ihm „zugedachte Rolle“ spielen würde. Und wer sagt überhaupt, dass – ja, wer eigentlich? Gott? Das Schicksal? – uns überhaupt irgendjemand eine Rolle zugewiesen hat? Möglicherweise ist ja alles Zufall und es gibt keine höhere Instanz, die sich dafür interessiert, was wir aus unserem Leben machen. Und wenn es eine höhere Instanz geben sollte, wer weiss, möglicherweise erwartet sie ja gerade, dass wir unsere Rollen kritisch hinterfragen und uns aus zu klein gewordenen Kleidern befreien. In der Bibel finden sich sogar Geschichten darüber, dass Gott Menschen dabei hilft, sich zu entwickeln und sich in neuen Rollen zurechtzufinden:

David ist der vierte Sohn eines unbedeutenden Schafhirten aus dem Provinznest Betlehem. An sich ein niemand, der vom Leben nicht viel zu erwarten hat. Als jüngster Sohn wird er irgendwann wohl als Handlanger seines ältesten Bruders arbeiten.

Doch eines Tages geschieht etwas Merkwürdiges. Der berühmte Prophet Samuel kommt in das Dorf. Er sagt zu Davids Vater, er habe von Gott den Auftrag erhalten, den neuen König von Israel zu salben. Der neue König solle einer seiner Söhne sein. Schnell holt der Vater seine drei ältesten Söhne herbei. „Als sie kamen, sah Samuel den Eliab und dachte: »Ja, das ist er! Vor dem Herrn steht sein Gesalbter!« Doch der Herr sagte zu Samuel: »Sieh nicht auf sein Aussehen und seine große Gestalt! Ich habe ihn nicht in Betracht gezogen. Denn bei mir zählt nicht, was ein Mensch sieht. Der Mensch sieht nur auf das Äußere, der Herr aber sieht auf das Herz« (1. Samuel 15,6f.). Und so wird schlussendlich der kleine David zum neuen König gesalbt. 

Gott ruft den kleinen David aus der Rolle heraus, von der jeder normale Mensch gesagt hätte: Die ist ihm zugedacht! Doch Gott schaut nicht auf das, was alle Menschen sehen, sondern auf das Herz, auf das Potenzial, das in jedem Einzelnen von uns schlummert. Und diese Ermutigung durch Gott setzt in David Kräfte frei. Er erkämpft sich grosse Siege. Den übermütigen Riesen Goliat – ich hoffe, die Geschichte ist bekannt, ansonsten bitte 1. Samuel 16 lesen – überwindet er im Kampf. 

Nun ist David andererseits kein Übermensch. Immer wieder begeht er in seinem Leben schwere Fehler. Und bis er tatsächlich als König anerkannt ist, hat er viele Abenteuer zu bestehen. Immer wieder wird er verfolgt und geschmäht. Doch er ist sich sicher: Ich kann das Schaffen. Ich muss nicht der bleiben, der ich früher war. Ich kann mich weiterentwickeln. Ich muss keine Rolle spielen, die mir irgendjemand zugeteilt hat, meine Rolle suche ich mir selbst und wenn mir diese Rolle zu blöd wird, dann lege ich mir eine neue zu.

Ich glaube, dass es bei uns genauso ist wie bei David. Es wäre ein Fehler, sich auf eine bestimmte Rolle, die einem die Familie, die Gesellschaft oder wer auch immer aufdrängt. Was wir aus unserem Leben machen, das liegt auch bei uns. Wir würden uns – um einmal theologisches Vokabular zu benutzen – versündigen, wenn wir uns in Rollen pressen lassen würden. Wir würden uns an uns selbst versündigen, weil wir nicht glücklich würden, würden wir das Leben eines anderen führen. Und wir würden auch an der Gesellschaft schuldig, wenn wir unser Potenzial nicht nutzen würden. Denn nur, wenn jeder seine Fähigkeiten einsetzt, kann sich unsere Gesellschaft zum Besten entwickeln.

Wir alle haben ein Recht darauf, wir selbst zu sein, uns in diesem Leben zu verwirklichen und zu klein gewordene Rollen abzulegen. Und ich erwarte mir dabei vom Leben, dass es spannend bleibt und ich durch die vielen Rollen, die ich im Laufe der Zeit spiele, viel dazu lerne und mich über meine Entwicklungsschritte freue.

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