Von der Gnade, Theologe zu sein

Von der Gnade, Theologe zu sein

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Neulich ist mir mal wieder bewusst geworden, was für ein Privileg es ist, Theologe zu sein. Da habe ich nämlich etwas in der Zeitschrift „Psychologie heute“ geschmökert. Wir Theologen halten uns ja alle für Psychologen und Philosophen. Denn dank des guten Drahts nach oben haben wir für alle Probleme einen klugen Ratschlag genau in die Fresse parat. Und nebenbei bauen wir die erhabensten Gedankengebäude, selbstverständlich ohne Anhalt an der Realität, aber who cares? Aber nun schweife ich, wie es zu einer guten Predigt gehört, schon wieder ab. In besagter Zeitschrift habe ich einen Artikel gefunden (und gelesen!), in dem der Frage nachgegangen wird, wieso Therapeuten immer in der Kindheit herumwühlen und jedes Problem auf ein Vorkommnis in der Kindheit zurückgeführt wird. Einfache und irgendwie bestechend logische Antwort: „Das ist die professionslogische Erklärung, die kann man allerdings in allen möglichen Berufen finden. Das, was die Menschen als Handwerkszeug gelernt haben, möchten sie auch zur Anwendung bringen.“

Ha! Da freut sich der Theologe. Denn ein solcher verbringt gut und gerne sechs bis acht Jahre seines Lebens damit, irgendetwas zu lernen, was keinerlei Realitätsbezug hat und im späteren Beruf garantiert nicht angewendet wird! Und eigentlich ist das auch ganz gut so. Denn Hand aufs Herz: Ich hätte überhaupt keinen Bock für die Predigtvorbereitung ins Novum Testamentum Graece zu schauen. Ich hätte auch gar keine Lust dazu, meine Gemeinde mit Latein zu quälen. Ganz zu schweigen, dass mir dazu auch die Fähigkeiten fehlen.

Deswegen sind wir Theologen auch die besseren Therapeuten, auch wenn wir uns Seelsorger nennen. Denn wir haben keine Ahnung davon, wie sich Ereignisse der Kindheit auf das Hier und Jetzt auswirken. Das ist auch gut so, denn mich persönlich nervt es auch immer etwas, wenn jedes Fehlverhalten, jede „Charakterschwäche“ darauf zurückgeführt wird, dass der Vater dienstags nicht zum Mittagessen da war.

Ich empfinde es da schon als Gnade, Theologe zu sein. Also allein wenn man bedenkt, dass ich meine Seele auch hätte an den Teufel verkaufen und BWL studieren können… Wie auch immer. Jedenfalls passiert mir nicht das, was anderen Menschen immer wieder passiert. Ich versuche gar nicht erst mein erlerntes „Handwerkszeug“ zum Einsatz zu bringen. Denn dieses ist ja gar nicht vorhanden. Stattdessen erkläre ich, ohne Ahnung von Tuten und Blasen zu haben, anderen Menschen wie die Welt funktioniert. Und hinterher klopfe ich mir selbst auf die Schulter, weil ich wieder einmal eine arme verlorene Seele zu meiner Wahrheit geführt habe. Denn dazu sind wir Theologen ja da. Wir sind die Übermenschen, die Nietzsche uns lehren wollte. Ja, wir sind quasi göttlichen Status. Der einzige Unterschied zwischen uns und dem lieben Gott: Der liebe Gott weiss alles, aber wir Theologen wissen alles besser.

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