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Tradition oder Überzeugung?

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Darum haben wir eine christliche Trauzeremonie gewählt.

Eine kirchliche Trauung ist heute nicht mehr erforderlich. Der gesellschaftliche Druck hat nach gelassen. Jeder kann heiraten, wie er möchte. Etwas überspitz: Die einzige Person, der eine kirchliche Trauung noch wichtig ist, ist die kirchlich sozialisierte Oma.

Aus welchen Gründen entscheiden sich junge Paare dennoch für eine kirchliche Trauung oder eine christliche freie Trauung?

Die Location
So ein bisschen traditionell ist immer schick. Und so ein Kirchengebäude macht natürlich etwas her. Es unterstreicht die Wichtigkeit der Trauung. Nicht, dass die Paare sich aus religiösen Gründen zu einer kirchlichen Trauung hinreissen lassen, aber die Ehrwürdigkeit des Bauwerks überzeugt dann doch. Eine Fotografin meint, dass die Kulisse für viele Paare eben ansprechend sei: „Was interessanterweise auch meine Brautpaare manchmal entscheiden, also ich möchte in der Kirche eine Hochzeit, weil es schön aussieht“.

Ein Ehemann, dem die kirchliche Trauung von seiner Frau aufgenötigt wurde, hält nüchtern fest: „Als Location sehr attraktiv. Abgesehen vom Religiösen.“

Der ästhetische Aspekt ist für viele Paare ein entscheidender Grund. Sie heiraten nur einmal in ihrem Leben. Die Trauung ist ein einzigartiger Moment und der soll perfekt sein. Folglich heiraten viele Paare auch nicht mehr in der Kirchengemeinde, in der sie leben, sondern suchen sich ihre Traukirche ganz gezielt aus. Schön gelegen sollte die Kirche sein, am besten bei einem Weinberg oder auf einem Berg mit Seeblick. Die Hochzeit will schliesslich inszeniert werden.

Für die Paare, die in der Trauzeremonie auf religiöse Elemente verzichten und dennoch in einem altehrwürdigen Gebäude heiraten möchten, bieten säkularisierte Kapellen eine gute Alternative.

Die Riten
Ich bin ja inzwischen ein alter Mann (Jahrgang 1985) und zusätzlich in einem Pfarrhaus aufgewachsen, daher mag mein Urteil leicht verfälscht sein. Doch wenn mich nicht alles täuscht, waren christliche Rituale wie das Gebet vor dem gemeinsamen Mittagessen oder dem Zubettgehen bis vor kurzer Zeit in unseren Breitengraden recht weit verbreitet. Den meisten Brautpaaren sind durch Kindergottesdienst, Konfirmanden- bzw. Firmunterricht sowie den Religionsunterricht Elemente eines christlichen Gottesdienstes wie das Vorlesen eines Psalms oder das Vater Unser bekannt. Wahrscheinlich sind den wenigsten von uns Gebete oder Lieder aus dem Gesangbuch in Fleisch und Blut übergegangen, doch ich unterstelle, sie sind den meisten Menschen auch heute noch (!) vertraut. 

Die klare Struktur einer kirchlichen Trauung, die Bekannten Texte, die viele Menschen mitsprechen können sowie das immer noch vorhandene Vertrauen in Pfarrerinnen und Pfarrer sorgen dafür, dass das Brautpaar sowie die Festgemeinde sich im Traugottesdienst geborgen und beheimatet fühlen. 

Der Ehrlichkeit halber muss ich zugeben, dass dieser Schatz der kirchlichen Tradition auch leicht verspielt werden kann. „Weil ich damit gross geworden bin und weil das gibt mir theoretisch schon Halt gibt, aber wenn ich dann den Pfarrer seh und was er draus macht, dann denke ich mir, wahhh das passt überhaupt nicht oder das ist dann so ein Schlag ins Gesicht“, hält eine Fotografin resigniert fest. Riten und Tradition können ihre Wirkung nur entfalten, wenn sie Anschluss ans Leben der Menschen finden.

Religion ist uns wichtig
Ja, es gibt sie tatsächlich noch, Menschen, denen Religion wichtig ist. Ich zähle mich selbst ja dazu. Religion ist Lebensdeutung. Ohne Deutung kommen wir gar nicht durch das Abenteuer, das wir Leben nennen. Jeder interpretiert das, was er erlebt hat. Jeden Menschen tragen Hoffnungen. Und bei manchen Menschen spielt eben auch die Hoffnung, dass es da eine höhere Macht gibt, die uns – in welcher Weise auch immer – beschützt und durch unser Leben begleitet.

Als besonders wichtiges Element einer christlichen Trauung kann daher der Segen angesehen werden. Segen bringt genau diese Hoffnung zum Ausdruck: Gott begleitet euch durch euer Leben. Das heisst nicht, dass euer Leben ein voller Erfolg wird. Doch Gott ist bei euch in allen Höhen und Tiefen.

Segen verbreitet nicht Optimismus getreu dem Motto: „Ja, wir schaffen das! Wir werden unser Leben meistern!“ Der Segen spendet Hoffnung: „Gott ist bei uns in Freud und Leid. Er begleitet uns, in dem, was uns gelingt und auch in den Momenten, in denen wir scheitern. Und gerade weil Gott bei uns ist, muss das momentane Scheitern nicht zwingend ein Scheitern bleiben. In der Hoffnung auf Gott können wir das Scheitern in unser Leben integrieren. So manches Scheitern erweist sich letzten Endes dann doch noch als Gewinn.“

Eine Braut erzählt mir, was sie unter Segen versteht. Kurz nach der Hochzeit erhielt ihr Mann eine sehr schlechte gesundheitliche Diagnose. „Ich bin so froh, dass irgendwie, dass wir verheiratet sind, dass wir kirchlich verheiratet sind, dass wir jetzt von da oben, dass da jemand ist wie so ein Dach, der uns abschirmt, der über uns steht, dessen Nähe hilft, der uns hilft in der schweren Zeit. Das war mir damals so wichtig in der Krankheit.“

Der Segenungsakt während der Trauung wird daher als etwas ganz Besonderes erlebt: „Ja, also wenn ich an Segen denken, muss ich tatsächlich ganz häufig an dieses Handauflegen denken, also ähm wenn die Pastorin einem dann in der Trauung selber dann die Hand auflegt, das ist für mich so dieser, als wäre das der direkte Draht nach oben, so ganz blöd sinnbildlich gesagt. Also das fühlt sich dann für mich an, als wäre das die direkte Verbindung.“

Kirche ist persönlich oder kann es zumindest sein…
Immer wieder hört man, dass kirchliche Trauungen nicht so persönlich seien wie freie Trauungen. Und je nachdem, was man als persönlich bezeichnet, stimmt das auch. Eine kirchliche Trauung ist an gewisse Abläufe gebunden. Der liebe Gott findet Erwähnung und vermutlich wird irgendwo auch ein Gebet vorkommen. 
Allerdings sind kirchliche Trauungen nicht zwingend unpersönlich, wenn es um die Trauansprache oder einzelne Gestaltungselemente geht. 

Und manche Pfarrer sind sogar für so manchen Spass zu haben. Eine Braut hat mir ganz stolz erzählt, dass sie keine 0-8-15-Kirchenhochzeit hatte: „Ja, also wir haben auch. Wir haben im Hinterkopf, also das haben die Gäste nicht gewusst, Game of Thornes gehabt. Und da haben wir auch das Versprechen aus dieser Serie in unsere Trauung reingenommen. Ja, so Sachen.“

Und gerade die traditionellen Elemente einer kirchlichen Trauung können eine persönliche Note erhalten. Das Fürbittgebet kann beispielsweise von Freunden und Verwandten übernommen und sogar selbst formuliert werden. Viel persönlicher geht nicht.

In der Kirche ist also mehr möglich, als man so gemeinhin denkt. Allerdings stimmt auch, dass viele Pfarrer immer noch darauf bestehen, dass Kirchenlieder gesungen werden und die Trauung möglichst traditionell abläuft. Eine Braut bringt es auf den Punkt: „Sie ist schon, sie ist irgendwo auf ihre Art offen für viele Dinge, aber auch nicht für allzu viel Zirkus und Firlefanz. Also ich hätte mir vorstellen können, wenn Leute mit ganz ausgefallenen Sachen kommen, sie dann gesagt hätte: „‘Ne also Leute, das gehört in Kirche nicht rein.‘“

Alternative: freie christliche Trauung
Für all diejenigen, die nicht kirchlich heiraten können oder wollen, stellt die freie christliche Trauung eine wundervolle Alternative da. Wenn ihr befürchtet, dass der Pfarrer nicht cool genug ist oder in seiner Batmanverkleidung (Talar) die Gäste erschreckt, schaut euch nach einem freien Theologen – na ja, warum suchen, wenn ihr schon auf meiner Homepage seid – um.

Als Theologe und „normaler Mensch“ mit der nötigen Portion Verrücktheit bin ich für fast jeden Spass zu haben. Segen und christliche Elemente verknüpfe ich mit Freude mit Eurer Lebensgeschichte und Eurer Lebenseinstellung. Und weil ihr es seid, verzichte ich notfalls gar auf Kirchenlieder.

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