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Tod und was dann?

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Seit Anfang dieses bin ich als Religionslehrer tätig. Mit einer 10. Klasse mache ich mir derzeit Gedanken darüber, wozu Menschen Religion benötigen bzw., ob Religion überhaupt konstitutiv zum Menschsein dazugehört. Im Rahmen der Unterrichtseinheit haben wir uns auch Gedanken über den Tod gemacht und ob auf uns nach unserem Dahinscheiden noch etwas bevorsteht.

Ich war ehrlich gesagt doch etwas überrascht, als ich feststellen durfte, dass die meisten Schülerinnen und Schüler damit rechnen, dass es nach dem Abschied aus dieser schönen Welt irgendwo und irgendwie weitergeht.

Meine so geliebten stoischen und epikureischen Philosophen haben diese jungen Menschen nicht so recht überzeugen können. Mit Senecas Meinung: „Der Tod bedeutet Nichtsein. Wäre es wohl nicht töricht, glauben zu wollen, es sei schlimmer für die Lampe, wenn sie erloschen ist, als bevor sie angezündet wird. Auch wir werden angezündet und erlöschen wieder; in der Zwischenzeit empfinden wir Schmerz; vorher und nachher aber ist tiefe Ruhe“, sind sie nicht so recht warm geworden. Irgendwie empfanden es die meisten schon als tröstlich, dass mit dem Tod jede Empfindung und damit auch alles Schlechte und Traurige ende, aber für die Angehörigen sei diese Vorstellung wenig tröstlich. 
Der Tod betrifft uns also schon, vielleicht nicht in dem Moment unseres eigenen Dahinscheidens wohl aber, wenn eine uns liebe Person diese Welt für immer verlässt. Insofern kommt die Frage, was uns nach dem Tod erwartet, vor allem bei jüngeren Menschen wohl eher auf, wenn sie mit dem Tod eines anderen konfrontiert werden.

Allerdings führt die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod nicht automatisch dazu, dass wir modernen Menschen nun alle brave evangelische Christen wären. Ich glaube, ich muss meine Schülerinnen und Schüler demnächst noch mit dem Heidelberger Katechismus quälen. Dieser beginnt wie folgt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre… Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“ 

Die christliche Hoffnung auf ein ewiges Leben empfinden die Schülerinnen und Schüler als tröstlich. Allerdings wird die Form der weiteren Existenz – kommt jemand in den Himmel oder in die Hölle? – vom ethischen Verhalten des Menschen abhängig gemacht oder alternativ mit einer Allversöhnung (jeder kommt in den „Himmel“) gerechnet.

Das ist so was von unprotestantisch. Denn seit Martin Luther weiss doch jeder gute Christenmensch, dass der Glaube allein selig macht. Schon Paulus schreibt im Römerbrief: „Denn aus dem Herzen kommt der Glaube, der gerecht macht. Und aus dem Mund kommt das Bekenntnis, das zur Rettung führt“ (Röm 10,10). Folglich führt nicht ethisch korrektes Verhalten, sondern der tiefe Glaube, den ein ordentlicher Christenmensch natürlich nicht für sich behält, schnurstracks in den Himmel. Gute Taten sind selbstverständlich die logische Konsequenz des Glaubens und daher wunderbar. Doch ohne Glauben nützen sie nichts. Der Christ glaubt sich also ins ewige Leben hinein.

Ich fasse kurz zusammen: Es gibt Menschen, die davon ausgehen, dass mit dem Ende des Lebens alles vorbei ist. Diese Idee ist meinen Schülerinnen und Schülern fremd. Damit ist allerdings noch lange nicht bewiesen, dass diese Meinung auch falsch ist. 

Zumindest an Luthers Verständnis gemessen, sind die Schülerinnen und Schüler auch keine Superchristen, da sie nicht davon ausgehen, dass der Glaube die Voraussetzung für den Eingang ins Paradies ist. Das finde ich ehrlich gesagt auch ganz sympathisch. Denn wenn Gott, wie es im 1. Johannesbrief heisst, die Liebe ist, sollte er meiner Auffassung nach auch so gnädig sein, jeden (oder zumindest fast jeden) in den Himmel zu lassen. Allerdings bin ich nicht der Papst und kann den lieben Gott folglich nicht zwingen, irgendjemanden in den Himmel zu lassen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Auch ich kann nicht garantieren, ob es ein ewiges Leben gibt und wer an dieser Party letzten Endes teilnehmen darf. Dennoch halte ich an dieser Hoffnung fest, da sie mir schon im Hier und Jetzt Mut schenkt und mich immer dann tröstet, wenn es an der Zeit ist, einen lieben Menschen zu verabschieden.

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