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Sei gefälligst dankbar!

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Hast du in der Kindheit auch gelegentlich den Spruch gehört: „Nun sei doch mal dankbar!“ Vermutlich haben Eltern nicht ganz unrecht, wenn sie Kinder zu Dankbarkeit auffordern und dann noch hinzufügen „dass ich immer für dich da bin“, „du eine Schwester hast“ oder „du zumindest eine Kugel Eis bekommst“. 
Doch ganz ehrlich? Bei den Kindern löst dieser Spruch immer nur Kopfschütteln aus. Und ganz nüchtern betrachtet, lassen auch wir Erwachsene uns Dankbarkeit nicht vorschreiben. Auch mir persönlich gelingt es nur bedingt, jederzeit so richtig dankbar durch den Tag zu schlendern. Da nützt es auch nicht viel, dass mir als Theologe passende Bibelzitate einfallen wie: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an euch“ (1. Thessalonicherbrief 5,18). Dankbarkeit lässt sich nun einmal nicht befehlen. 
Da ich nun seit einiger Zeit an einer Bildungseinrichtung (Gymnasium) tätig bin, habe ich mich gefragt, ob man Dankbarkeit denn wenigstens lernen kann. Es wäre ja sehr praktisch, wenn an allen Schulen das Fach „gelingendes Leben“ mit Teilbereichen wie „Glück“, „Zufriedenheit“ und eben „Dankbarkeit“ etabliert werden könnte und somit alle SchülerInnen (und damit die gesamte künftige Generation) automatisch zu glücklichen und dankbaren Menschen würden.
Also kann man Dankbarkeit lernen, sei es in der Schule, sei es bei einem weisen Guru? Meine Antwort lautet: Bedingt. Ich glaube nicht, dass es irgendeinem Menschen gelingt, jeden Morgen, Tag für Tag aufzustehen und schlichtweg dankbar zu sein. Ich kann mir schlichtweg nicht vorstellen, dass man eine solche Haltung erlernen oder sich antrainieren kann. Wille Gottes hin oder her.
Was ich mir durchaus angewöhnen kann, ist scheinbar selbstverständliche Dinge nicht mehr als selbstverständlich hinzunehmen. Ich glaube allerdings, dass es sich hierbei nicht um einen Automatismus handelt. Vielmehr kann ich mir lediglich angewöhnen, mir immer wieder bewusst zu machen, dass „das Alltägliche“ nicht selbstverständlich ist.
Ein großes Aha-Erlebnis hatte ich persönlich vor einigen Jahren. Seit zwei Tagen lag ich mit hohem Fieber im Bett. Meine Selbstdiagnose war eindeutig: Männerschnupfen. Nicht jammern, sondern durchstehen.
Allerdings war es am dritten Tag immer noch nicht besser. Langsam wurde ich unruhig, da ich noch eine Beerdigung zu halten hatte. Kurzerhand schob ich mir fiebersenkende Mittel ein und ließ mich von meiner Frau zum Friedhof fahren. Bei der Beerdigung hatte ich irgendwie das Gefühl: „Ach in dieses gemütliche Loch könnte ich mich glatt hineinlegen.“ 
Danach ging es gleich zum Arzt, denn ich war echt fertig. Blutabnahme. Besprechung mit dem Arzt: „Herr Kiefer, Ihre Werte sind im Himmel. Aber sie sind ja noch hier!“ Diagnose mit der Aufforderung, unverzüglich ins Krankenhaus einzutreten.
Nach über zwei Jahren der Krankheit und einigen Operationen kann ich eines mit Sicherheit sagen: Es ist nicht selbstverständlich, jeden Morgen wieder die Augen öffnen zu dürfen. Es ist nicht selbstverständlich, in einem Land mit einem funktionierenden Gesundheitssystem leben zu dürfen. Und in der heutigen Zeit: Es ist nicht selbstverständlich, in Frieden leben zu dürfen.
Habe ich nun durch diese unerfreuliche Situation zur dauerhaften Dankbarkeit gefunden? Nein! Allerdings habe ich gelernt, mir immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass vieles nicht selbstverständlich ist. Ich laufe (leider) nicht als dauerhaft dankbarer Mensch durch die Gegend. Zu oft ärgere ich mich über Kleinigkeiten oder darüber, dass es im Leben mal nicht so läuft, wie ich es gerne hätte. Kurz: Ich bin oft kurzsichtig und undankbar. Doch ich rufe mir immer wieder in Erinnerung, wie viele gute Gründe es zur Dankbarkeit gibt. Ich glaube, dass mich das insgesamt zu einem dankbareren Menschen macht, auch wenn noch viel Luft nach oben ist.
Ich bleibe jedenfalls dran und überlege mir vor dem Schlafen gehen oft, was mir an diesem Tag begegnet ist, wofür ich dankbar bin. Ich persönlich danke dann Gott für all das Gute. Vermutlich reicht es aber bereits, sich selbst bewusst zu sein, dass unser Leben wundervoll und nicht selbstverständlich ist.

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