Resilienz und Religion

Resilienz und Religion

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Das Wort Resilienz ist ein absoluter Modebegriff. In der Arbeitswelt und auch in Coachings kommt man daran nicht mehr vorbei.

Zum ersten Mal kam mir der Begriff unter, als ich gerade einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Im Kirchenvorstand habe ich erzählt, was sich aus meiner Sicht zugetragen hat und wieso ich mitten auf der Konfirmandenfreizeit eines Morgens zitternd und weinend aufgewacht bin. Ich habe dann über mangelnde Wertschätzung und Sticheleien bei der Arbeit berichtet. Eine Person: „Dir fehlt es an Resilienz.“ Ich habe wie ein Auto in die Runde geschaut. Daraufhin erklärte sie: „Du musst dir ein dickeres Fell zulegen.“

„Ja, danke“, dachte ich mir. Das klingt so einfach und ist es doch nicht. Wer kann schon so einfach seine Wahrnehmung der Welt ändern. Wem gelingt es schon, alle Probleme einfach an sich abprallen zu lassen. Denn das meint der aus der Werkstoffphysik stammende Begriff Resilienz eigentlich: Ein Material wird durch äussere Einwirkung verformt, tritt aber wieder in den Ausgangszustand zurück. Es ist elastisch.

Das sind wir Menschen allerdings nicht. Nach einer Krise können wir nicht einfach in den Zustand zurück, in dem wir einmal waren. Unser Denken, Fühlen und Handeln verändert sich. Selbst wenn eine Krise am Arbeitsplatz konstruktiv überwunden werden kann, ist es danach nicht mehr genauso, wie es zuvor war. Irgendwie hat sich alles verändert. Wir Menschen können mir Krisen umgehen, an ihnen wachsen, doch eines können wir nicht unverändert durch sie hindurchgehen.

Die christliche Religion bietet ein alternatives Konzept zum „dicken Fell“ und zu der Vorstellung, dass Konflikte quasi spurlos an einem vorbeigehen müssten. Es sind eben nur die Ausnahmen, die es zu einer stoischen Ruhe finden und das Schicksal demütig anlächeln, wenn sie mitansehen müssen, wie ihre berufliche Karriere den Bach runtergeht oder ihre gesamte Familie unter den Trümmern eines einstürzenden Hauses begraben wird.

Das Christentum folgt nicht dem Ausspruch Nietzsches: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Na ja, Nietzsche war ja sowieso Der Antichrist. Wäre ja auch blöd, dem recht zu geben.

Nun habe ich aber lange genug lamentiert, was die christliche Religion nicht tut und was die anderen falsch machen.

Das Positive an der christlichen Religion ist, dass sie lebenszugewandt ist. In ganz vielen Texten der Bibel wird das reale Leben aufgegriffen und interpretiert. Man mag es kaum glauben, wenn man sich die heutige Kirchenlandschaft betrachtet, aber für ihre Entstehungszeit waren die Texte der Bibel hochmodern und im Leben des „normalen Menschen“ verankert.

Und so wird auch das Leiden in der Bibel ganz realistisch betrachtet. Schwierigkeiten und Leid treffen den Menschen ganz unerwartet. Da kann man nicht einfach resilient sein. Und schon gar nicht sollte man zu jemandem sagen, dass er doch einfach nur ein dickeres Fell bräuchte. Die biblischen Erzählungen legen sehr viel Wert auf menschliches Verhalten. Es ist wenig hilfreich, einem Menschen, der gerade am Leben zweifelt oder mit den Herausforderungen seines Lebens nicht zurechtkommt, auch noch kluge Ratschläge zu geben. Die angemessene Haltung ist die des Mitleidens, die des empathischen Mitfühlens. Beispielhaft verweise ich auf die Hiobgeschichte des Alten Testaments:

„Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie wurden eins, dass sie kämen, ihn zu beklagen und zu trösten. Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war“ (Hiob 2,11ff.).

Doch die christliche Religion bietet vor allem im Neuen Testament eine realistische Sicht auf Leid und Zweifel am Leben. Die ganzen Probleme, die uns im Leben treffen, prallen nicht einfach ab, ohne Spuren an uns und unserer Seele zu hinterlassen. Das Leben geht weiter, aber anders als zuvor. Das Tröstliche an der christlichen Botschaft ist: Es muss nicht so bleiben, wie es zuvor war. Auch nach einem Scheitern geht es weiter. Gott ermöglicht Heilung und Wachstum gerade durch Leid. Die Welt mag noch so dunkel sein, Gott geht mit. Und da, wo wir das Gefühl haben, total versagt zu haben, am Leben gescheitert zu sein, da lässt Gott Neues entstehen. Selbst die grösste Niederlage kann uns noch von Nutzen sein. D.h. nicht, dass wir deshalb nicht zweifeln oder eine Zeit lang gar verzweifeln. Doch Gott ist mit in diesem Zweifel, im -Sich-von-Gott-verlassenfühlen dabei. Und irgendwann sehen wir, dass es weitergeht, auch wenn es ganz anders weitergeht, als wir es geplant hatten.

Anschaulich bringt das der biblische Bericht über Kreuzigung und Auferstehung zum Ausdruck:

„Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König. Da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Er ist der König von Israel, er steige nun herab vom Kreuz. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat… Von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? … Aber Jesus schrie abermals laut und verschied! Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mt 25,31ff.).

Die Kreuzigung ist das grösst mögliche Scheitern, das Jesus erleben konnte. Eigentlich der Beweis, dass er sich geirrt hat. Wäre er wahrhaft Gottes Sohn hätte ihn ein Engel retten müssen. Doch mit seinem Tod wird deutlich, dass seine Botschaft falsch ist. So zumindest die Interpretation der religiösen Elite, die Jesus am Kreuz verspottet. 
Logischerweise fallen die Anhänger Jesu auch erst einmal in eine Schockstarre. Auch sie glauben nicht mehr so recht an die Botschaft der Liebe Gottes. Sie zweifeln. Und fürchten, ihr Leben verschwendet zu haben. Sie sehen keine Perspektive für ein gelingendes Leben. Doch in eben diesem Moment geschieht das Wunder: Jesus ersteht von den Toten auf. Seine Freunde finden das Grab leer. Das wird ihnen klar: Gott geht mit uns durch das Leben, durch Höhen und Tiefen, durch Sonnenstunden und die tiefste Finsternis. Sein Licht lässt die Dunkelheit nicht einfach verschwinden, doch es zeigt uns den Weg in Richtung Zukunft. Die Zeit in der Finsternis wird uns verändern, jedes Scheitern, jeder geplatzte Traum lässt uns zweifeln oder zumindest unseren Weg kritisch reflektieren. Doch mit Gottes Hilfe geht es immer weiter. Ich muss nicht in dem Sinne resilient werden, dass Probleme an mir abprallen, sondern vertrauen. Das ist das christliche Prinzip: Hoffnung. Hoffen trotz und obwohl.

„Denkt nicht mehr an das, was früher geschah. Beschäftigt euch nicht mit der Vergangenheit. Schaut her, ich schaffe etwas Neues! Es beginnt schon zu sprießen –merkt ihr es denn nicht? Ich lege einen Weg durch die Wüste an, im trockenen Land lasse ich Ströme fließen“ (Jes 43,18f.).

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