Man denkt sich halt so seinen Teil…

Man denkt sich halt so seinen Teil…

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Als Mensch denken wir uns ja gerne unseren Teil: Der Nachbar grüsst uns nicht. Der hat seit Neustem was gegen mich. Hat dieser Kerl nicht gestern schon so merkwürdig geguckt? Ja, da kommt man schon ins Grübeln, wenn der Nachbar nicht grüsst. 
Merkwürdigerweise denken die meisten von uns automatisch, dass etwas nicht stimmt. Ja, denken ist – zumindest bei mir – ja Glückssache, wie mir einer meiner Lehrer seiner Zeit versichert hat. Aber mal Hand aufs Herz geht es euch da besser? Was denkst du, wenn dich der Nachbar nicht grüsst. Bist du eher der Ansicht, dass er dich nicht mehr mag oder gehst du vielleicht davon aus, dass er es besonders eilig hat und dich im Stress schlicht und ergreifend nicht registriert hat.

Das Problem an der ganzen Sache ist, dass wir uns unser eigenes Leben versauen, wenn wir ständig vom Schlimmsten ausgehen. Der nicht grüssende Nachbar mag uns nicht mehr, die kurz angebundene Kollegin hat über Nacht begonnen, uns zu hassen und wenn dann die beste Freundin kurzfristig das Treffen cancelt, dann steht endgültig fest: Die gesamte Welt hat sich gegen uns verschworen!

Dabei ist eigentlich gar nichts passiert: Der Nachbar ist im Stress, die Kollegin wurde gerade vom Chef angeschnauzt und die beste Freundin hat in der S-Bahn die Liebe ihres Lebens kennengelernt. Niemand hat etwas gegen uns. Wir haben lediglich etwas beobachtet und unsere voreiligen (und natürlich vollkommen falschen) Schlüsse gezogen. Die Dinge, die wir beobachtet haben, sind neutral. Sie sagen nichts aus. Ein eilig vorbeigehender Nachbar ist nicht der Beweis, dass uns irgendjemand hasst. Die reine Beobachtung müsste uns an sich nicht verunsichern. Doch wir können die Welt nicht wahrnehmen, ohne sie zu interpretieren. Und Interpretationen sind immer unsicher. Das weiss ich spätestens, seit wir in Deutsch Franz Kafka behandelt haben. Letzten Ende resultiert unser Unglück nicht aus unserer Wahrnehmung, sondern unserer Deutung der Wirklichkeit. Das stellt schon der antike Philosoph Epiktet fest: „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen, die wir von den Dingen haben.“

Kurz: Wir sehen einen Bekannten, der uns nicht grüsst. An sich kein Problem. Aber wir denken: Der hasst uns. Das Problem ist unsere Interpretation des Vorgangs. Natürlich überprüfen wir diese Interpretation nur in den seltensten Fällen. Denn tief in uns wissen wir ja bereits, dass alle gegen uns sind. Dieses Gefühl scheint so alt zu sein wie die Menschheit selbst und selbst Könige sind davor nicht gefeit, wie folgende Geschichte verdeutlicht:

„Und David zog aus, und wohin Saul ihn sandte, hatte er Erfolg. Und Saul setzte ihn über die Kriegsleute, und er gefiel allem Volk gut und auch den Knechten Sauls. Es begab sich aber, als David zurückkam vom Sieg über die Philister, dass die Frauen aus allen Städten Israels herausgingen mit Gesang und Reigen dem König Saul entgegen unter Jauchzen, mit Pauken und mit Zimbeln. Und die Frauen sangen einander zu und tanzten und sprachen: Saul hat tausend erschlagen, aber David zehntausend. Da ergrimmte Saul sehr, und das Wort missfiel ihm, und er sprach: Sie haben David zehntausend gegeben und mir tausend; ihm wird noch das Königtum zufallen. Und Saul sah David scheel an von dem Tage an und hinfort. Des andern Tags kam der böse Geist von Gott über Saul, und er geriet in Raserei im Hause; David aber spielte auf den Saiten mit seiner Hand, wie er täglich zu tun pflegte. Und Saul hatte einen Spieß in der Hand und schleuderte den Spieß und dachte: Ich will David an die Wand spießen. David aber wich ihm zweimal aus. Und Saul fürchtete sich vor David; denn der Herr war mit ihm und war von Saul gewichen“ (1. Samuel 18,5ff.).

Ja, das kann schon ganz schön am Ego kratzen, wenn irgendjemand anders erfolgreicher ist als man selbst. Und logo, so ein erfolgreicher Typ will sein Leben nicht als Hofmusiker und Soldat des Königs fristen. Der muss Pläne haben. Womöglich hat er bereits den lecken Hirschbraten, den der König heute zu Mittag essen möchte, vergiftet…
Auf die Idee, dass dieser David ein treuer und ehrlicher Untertan sein könnte, kommt König Saul erst gar nicht. Und so zerstört Saul sein Leben. Der Hass auf David, die Verfehlungen, die er begeht, werden ihn die Krone und seinen Kopf kosten. So ein Idiot! 

Doch ganz ehrlich: So fremd ist uns dieser Saul nicht. Er begeht lediglich den Fehler, das, was er sieht, zu interpretieren und das ziemlich falsch. Und das passiert doch auch uns immer wieder. Unsere unzulängliche Wahrnehmung der Welt und das, was wir daraus machen, erleichtert uns das Leben oft nicht sonderlich.
Wir haben da Glück, wir riskieren höchstens das gute Arbeitsklima, wenn wir der grimmig dreinschauenden Kollegin die Meinung geigen. Da reden wir uns höchstens bildlich gesprochen um Kopf und Kragen. Und im Idealfall verzeiht uns auch unsere Partnerin, wenn wir sie zusammenstauchen, weil sie mal wieder so distanziert ist.

Nur das Heizungsrohr sollten wir besser zu Hause lassen, wenn wir unserem Nachbarn abends noch einen Besuch abstatten, weil er uns schon wieder nicht gegrüsst hat…

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