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Liebe und Freundschaft

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Ich kann mich noch gut an ein Traugespräch für eine kirchliche Trauung vor einigen Jahren erinnern. Auf meine Standardfrage, was die beiden denn verbinde und zusammenschweiße, antwortete der Ehemann augenblicklich: „Die Leidenschaft.“ Wir haben uns dann ein bisschen darüber unterhalten, was Leidenschaft eigentlich bedeutet.
Ich ließ dann auch einfliessen, dass Leidenschaft eine wichtige Sache in einer Beziehung ist, das stehe sogar in der Bibel: „Denn die Liebe ist stark wie der Tod, unersättlich wie das Totenreich ist die Leidenschaft. Sie entflammt wie Feuerflammen, wie der Blitz schlägt sie ein. Kein Meer kann die Glut der Liebe löschen, keine Sturzflut reißt sie mit sich fort“ (Hohelied 8,6f.). Und es ist ja auch wirklich wundervoll, wenn zwei Menschen sich leidenschaftlich zueinander hingezogen fühlen. Doch leider kam auf die Nachfrage, ob es über Passion hinaus weitere Züge der Partnerschaft gebe, die das Paar ganz fest verbinden, nicht mehr viel. Wie es bei Theologen so üblich ist, habe ich dann noch etwas über das Wesen der Liebe monologisiert, aber wer hört einem Pfarrer schon zu?
Was macht Partnerschaft nun aber aus? Es sind wohl ziemlich viele Aspekte. Ich greife willkürlich einen heraus, der mir wichtig erscheint: Die Freundschaft.

Aristoteles, Godfather of Philosophie, unterscheidet drei Formen von Freundschaft. Zunächst mal die ersten beiden Varianten: „Diejenigen, bei denen die freundschaftliche Verbindung durch den Vorteil gestiftet ist, hegen solche freundliche Gesinnung nicht um der Persönlichkeit willen, sondern um des Guten willen, das ihnen wechselseitig vom anderen zufließt. Das Gleiche gilt von denen, deren Zuneigung in dem Streben nach Annehmlichkeit wurzelt. So liebt man die guten Gesellschafter nicht um ihrer Persönlichkeit willen, sondern wegen des Vergnügens“ (Nikomachische Ethik).
Ich fasse kurz zusammen: Manche Freundschaften schließt man des Vorteils wegen, z.B. weil der Freund einen coolen Porsche hat und einen damit rumfährt (brummbrumm!). Das ist natürlich eine feine Sache, aber hoffentlich nicht das Fundament eurer Beziehung (brummbrumm!). Manchmal werden Freundschaften auch geschlossen, weil man dieselben Interessen hat, beispielsweise Pokémonkarten sammeln. Die Freundschaft bleibt dann so lange bestehen, wie beide demselben Hobby frönen. Auch nicht verkehrt vermutlich aber auch keine solide Basis für eine dauerhafte Beziehung.

Neben diesen nicht ganz so uneigennützigen Arten der Freundschaft nennt Aristoteles jedoch noch eine wunderbare dritte Variante: „Die vollkommenste Zuneigung aber ist die, die Menschen von edler Art und gleicher sittlicher Gesinnung verbindet. Diese wünschen einander als Menschen von edler Gesinnung gleichmäßig alles Gute, und von edler Gesinnung zu sein macht ihr Wesen aus. Das aber bezeichnet die innigste Freundschaft, den Freunden alles Gute zu wünschen, rein um ihrer selbst willen; denn da gilt die Zuneigung der Persönlichkeit selbst abgesehen von Nebenrücksichten.“
Wahre Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man dem Freund alles Gute wünscht, einfach weil es ihn gibt. Da geht es nicht um (geheime) Hintergedanken um Nutzen, Vorteil oder das eigene Vergnügen. Man freut sich schlicht und ergreifend an der Freude des anderen, und man leidet mit, wenn es dem Freund schlecht geht. Ein wahrer Freund hilft dem anderen, ohne etwas zu erwarten. Er gibt, ohne zu hoffen, etwas zurückzubekommen. 
In Liebe und Freundschaft darf es nicht darum gehen, sich sein Traumgegenüber zu backen. Freundschaft und Liebe bedeuten Akzeptanz und Reibung. Denn mit den Menschen, mit denen man sich besonders verbunden fühlt, kommt es auch mal zu Meinungsverschiedenheiten und Konflikten. Doch eine gute Partnerschaft übersteht solche Differenzen nicht nur, sondern wächst an ihnen. Gerade am Kontakt mit starken Persönlichkeiten reifen wir selbst. Besonders hilfreich sind diese Beziehungen, wenn wir uns der Spannung aussetzen, nicht nur sagen „OK, du bist so, ich bin so“, sondern uns selbst reflektieren. Das bedeutet nicht, dass wir uns in das Spiegelbild unseres Partners verwandeln sollen, so wie er nicht zu unserem geistigen Zwilling werden soll. Doch sich selbst und seine Sicht der Dinge zu hinterfragen und dann mit neuer Sicherheit in die Welt zu gehen, hat noch niemandem geschadet. Sich immer wieder herauszufordern, ohne den anderen dabei ändern zu wollen, empfinde ich als wesentlich für Freundschaft und Partnerschaft, natürlich neben Leidenschaft und brummbrumm

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