Lebensglück und der Tod

Lebensglück und der Tod

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Bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. Entstandenen Gilgameschepos spielt die Auseinandersetzung mit dem Tod eine entscheidende Rolle. König Gilgamesch versucht, den Tod seines besten Freundes zu verarbeiten. Da ihm dieses Unglück seine eigene Sterblichkeit vor Augen führt, sucht nach einem Mittel, das Unsterblichkeit verleiht. Im Totenreich erhält er folgenden Rat: „O Gilgamesch, wohin willst du noch laufen? Das Leben, das du suchst, wirst du nicht finden! Denn als die Götter einst die Menschen schufen, da teilten sie den Tod der Menschheit zu, das Leben aber nahmen sie für sich! Darum fülle dir, o Gilgamesch, den Bauch, ergötze dich bei Tage und bei Nacht! Lass deine Kleider strahlend sauber sein, wasch dir das Haupt und bade dich in Wasser, blick auf das Kind, das an die Hand dich fasst, beglückt sei deine Frau an deiner Brust – denn solches alles ist der Menschen Lust!“

Als Menschen stehen wir vor dem Dilemma, dass uns unsere Sterblichkeit bewusst ist. Daran könnten wir verzweifeln, was allerdings ziemlich sinnlos ist. Würden wir uns doch nur Sorgen über ein in der Zukunft liegendes Ereignis machen, von dem wir nicht einmal mit Sicherheit sagen können, wann es überhaupt eintritt.

Darum erhält Gilgamesch auch den Rat, sich am Leben zu freuen, es mit schönen Dingen zu füllen. Und diese Aufforderung gilt jeden Tag aufs Neue. Denn was uns gestern wichtig erschienen ist, kann morgen oder spätestens übermorgen schon wieder bedeutungslos sein. Arthur Schopenhauer hält ganz nüchtern fest: „Je länger wir leben, desto weniger Vorgänge scheinen uns wichtig oder bedeutend genug, um hinterher noch ruminiert [wieder erwogen] zu werden.“ Daher gilt es, jeden Tag zu geniessen und abends zufrieden ins Bett zu gehen.

Und um sich zufrieden schlafen zu legen und den Tag als erfüllt zu betrachten, muss dieser nicht mit einzigartigen, exklusiven Freuden erfüllt gewesen sein. Oft sind es die kleinen Dinge, die uns zufrieden stellen, uns das Leben geniessen lassen. „Wie überflüssig manche Dinge sind, merken wir erst, wenn sie auf einmal fehlen; wir benutzen sie, nicht weil wir sie brauchen, sondern weil wir sie haben. Wie vieles schafft man sich nur an, weil andere Leute es auch haben, weil alle Welt es hat“, meint Seneca. Sich an dem zu freuen, was uns das Leben zur Verfügung stellt und dabei bescheiden zu sein, ist eine Quelle des Glücks. 

Zum Lebensglück gehört mich auch noch eine weitere Komponente: Die soziale Gerechtigkeit. Ich bin davon überzeugt, dass unser volles Menschsein erst dann zum Ausdruck kommt, wenn wir es schaffen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und unserer sozialen Verantwortung gerecht werden. Jesus sagt: „Glückselig sind die, die barmherzig sind. Denn sie werden barmherzig behandelt werden. Glückselig sind die, die ein reines Herz haben. Denn sie werden Gott sehen. Glückselig sind die, die Frieden stiften. Denn sie werden Kinder Gottes heißen“ (Matthäus 6,7ff.).

Anderen Menschen beizustehen, sich für eine friedliche und gerechte Welt einzusetzen, hilft dabei, das eigene Leben als sinnvoll wahrzunehmen. Soziales Engagement bereitet Freude. Es geht nicht um reinen Altruismus, den es vermutlich gar nicht gibt, sondern auch darum, dem eigenen Leben einen Sinn zu verleihen.

Ich glaube, dass wir in diese Welt gesetzt wurden, dass wir sie verändern. Wir Menschen können diese Welt zum Guten wenden. Das kann man nun marxistisch, christlich oder sonst wie erklären. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass derjenige, der sich sozial engagiert, mit sich selbst zufriedener ist als derjenige, der sich ausschliesslich um sich selbst dreht.

Und auch in diesem Bereich ist das Wissen um die eigene Endlichkeit hilfreich. Ich weiss, dass ich mit meinen bescheidenen Mitteln nicht alles erreichen kann. Und ich weiss, dass mein Engagement irgendwann enden wird. Doch gerade das motiviert mich. Da ich nicht ewig Zeit habe, kann ich meine Verpflichtung der Menschheit gegenüber nicht auf die lange Bank schieben. Weil ich nicht weiss, wie lange ich noch Kraft habe und wie lange mein irdisches Leben noch wehrt, gilt es jeden Tag zu nutzen.
Ich freue mich auf jeden Tag, der vor mir liegt. Denn der morgige Tag ist immer der beste Tag meines Lebens.

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