Ich bin ich, du bist du

Ich bin ich, du bist du

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Neulich war ich mal wieder bei einem Pfarrkonvent. Ja, wozu man beruflich nicht so verdonnert wird. An sich finde ich solche beruflichen Treffen immer wieder spannend. Wobei, wenn ich es mir so recht überlege, so richtig überraschende Entscheidungen werden da selten getroffen. Zumeist sind wir uns erschreckend einig. 

Ich unterstelle mal, dass das daran liegt, dass man eben schon ein spezieller Typ Mensch sein muss, wenn man sich bewusst dazu entscheidet, sein Leben als Kirchenmann bzw. Kirchenfrau zu verbringen. In meinem Berufsstand ticken doch alle ziemlich ähnlich. Zumindest kommt mir das so vor. Vermutlich folge ich damit auch nur einem Vorurteil. Schon C. G. Jung hielt fest: „Man setzt instinktiv voraus, dass die eigene seelische Beschaffenheit zugleich eine allgemeine sei, und dass jedermann im Wesentlichen so sei wie jeder andere, respektive wie man selber ist.“

Und genau das macht einem Pfarrer die Arbeit schwer. Während des Konvents wurde auch diskutiert, in welchem Bereich wir Pfarrer uns im nächsten Jahr gemeinsam weiterbilden wollen. Und welch Überraschung sofort kamen folgende Themen auf den Tisch: Gottesdienstgestaltung und Predigt. Wer hätte das gedacht. Diese Themen seien, so meinte ein Kollege, extrem wichtig. Denn wir müssten den Gemeindegliedern die typischen reformatorischen Themen wie Gnade auf moderne Art vermitteln. Ja, da setzte man als Pfarrer eben irgendwie voraus, dass alle Menschen genau so ticken wie man selbst. Otto Normalverbraucher fragt also nach einem gnädigen Gott.

Gut, das hat eine gewisse Berechtigung, vorausgesetzt wir unterstellen, dass sich die Menschen seit der Reformationszeit nicht geändert haben. Haben sie meiner Meinung nach auch nicht. Allerdings unterstelle ich, dass der Mensch von jeher ein bestimmtes Ziel verfolgt hat: Sein persönliches Lebensglück finden. Und ich weiss, dabei gehe auch ich von mir selbst aus. Ich glaube, dass die Menschen der Reformationszeit nach einem gnädigen Gott suchten, da das für sie Glück und Lebensfreude bedeutet hat. Zu wissen, dass Gott zu ihnen ja sagt, dass er in all dem Elend, den Seuchen, Kriegen, der hohen Kindersterblichkeit, der Ausnutzung durch Fürsten für sie da ist und sie so akzeptiert, wie sie sind. Wenn sie auf dieser Erde schon durch die Hölle durchmachen, dann sollte ihnen wenigstens am Ende des Lebens der Himmel winken.

Uns Theologen mögen die Themen der Reformationszeit ja noch hoch spannend dünken. Doch der „normale Mensch“ interessiert sich wohl kaum für den gnädigen Gott. Irgendwie tun wir Pfarrer unseren Mitmenschen Gewalt an. Ständig reden wir von Themen, die unserer Meinung nach so extrem wichtig sind, aber unsere Zuhörer überhaupt nicht abholen, nicht elementar betreffen. 

Ich frage mich, was bewegt Menschen ohne Theologiestudium wirklich? Liege ich mit meiner Unterstellung, dass Menschen nach Lebensglück suchen, richtig oder unterliege auch ich dem Irrtum, „dass die eigene seelische Beschaffenheit zugleich eine allgemeine sei, und dass jedermann im Wesentlichen so sei wie jeder andere, respektive wie man selber ist“?

Mir jedenfalls ist es wichtig, andere Menschen als unverwechselbare Individuen anzunehmen, ihre Einzigartigkeit zu wertschätzen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Ich hoffe, dass es mir dabei gelingt, bei allen Begegnungen in Seelsorge, Predigt und beim Gespräch am Gartenzaun die Menschen, die mir begegnen, sie selbst sein zu lassen. 
Ich würde mich freuen, wenn ihr mir Kommentare hinterlasst, was euch bewegt und worüber ihr gerne sprechen würdet?

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