Ich bin auch nur ein Paulus

Ich bin auch nur ein Paulus

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Gelegentlich fühle ich mich ein wenig wie Paulus auf dem Weg nach Damaskus. Aber da von euch sicher wieder niemand weiss, wer dieser Paulus ist und was ihm auf der Reise nach Damaskus passiert ist, muss ich wohl erst von Paulus reden, bevor es dann endlich um mich geht.
Also: Paulus war ein Jude, der ungefähr zur selben Zeit wie Jesus geboren wurde. Als strenger Hüter seiner Religion nahm er es nicht ganz so gelassen, dass die Jesus-Bewegung immer mehr Anhänger fand. Laut Bibel verfolgte er zunächst die Christen in Jerusalem und nachdem er der Meinung war, nun genügend dieser Häretiker ins Gefängnis gesteckt zu haben, liess er sich beauftragen, die Christen in Damaskus dingfest zu machen.

Mit ein paar Hardliner Kumpels zieht Paulus los. „Auf dem Weg nach Damaskus, kurz vor der Stadt, umstrahlte ihn plötzlich ein Licht vom Himmel. Er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme, die zu ihm sagte: »Saul, Saul, warum verfolgst du mich?« Er fragte: »Wer bist du, Herr?« Die Stimme antwortete: »Ich bin Jesus, den du verfolgst. Doch jetzt steh auf und geh in die Stadt. Dort wirst du erfahren, was du tun sollst.« Den Männern, die Saulus begleiteten, verschlug es die Sprache. Sie hörten zwar die Stimme, doch sie sahen niemanden. Saulus erhob sich vom Boden. Aber als er die Augen öffnete, konnte er nichts sehen. Seine Begleiter nahmen ihn an der Hand und führten ihn nach Damaskus. Drei Tage lang war Saulus blind. Er aß nichts und trank nichts“ (Apostelgeschichte 9,3ff.). In Damaskus schickt Gott einen Hananias zu Paulus. Dieser betet für ihn. „Sofort fiel es Saulus wie Schuppen von den Augen, und er konnte wieder sehen. Er stand auf und ließ sich taufen“ (Apg 9,18).

Da denke ich: Ich bin auch so ein Paulus. Ich laufe durch mein Leben und bin davon überzeugt, genau zu wissen, was gut und richtig ist. Zumindest weiss ich das für mich. Noch gefährlicher wird es in den Fällen, in denen ich meine das auch für andere zu wissen. Meine Überzeugung ist richtig, nicht nur für mich, sondern allgemein. Das muss doch jeder so sehen. Wer anderer Meinung ist wird aus meiner Welt verbannt.
Mein Damaskus-Erlebnis war nicht ganz so spektakulär und umwerfend wie bei Paulus. Doch auch bei mir hat es etwas wehgetan. Durch ganz viele Rückschläge und Stürze musste ich lernen, dass es mir etwas an Demut fehlt. Ich weiss eben nicht, was für andere richtig ist. Ich kann nicht wirklich nachvollziehen, wie sie die Welt erleben und aus welchen Gründen sie die Welt so deuten, wie sie sie deuten.

In meiner Arbeit als Pfarrer bin ich so einige Male vom Pferd gefallen. Als junger, kreativer Mensch war ich anfangs der Meinung zu wissen, wo es mit der Gemeinde hingehen soll und wie man das Ziel am besten erreicht. Doch immer wieder musste ich feststellen, dass meine genialen Ideen nicht gewürdigt wurden. Und manchmal hatten andere Menschen einfach andere Vorstellungen. Da hat man es als Paulus schon schwer. Denn man weiss ja, wie der Hase läuft. Da musste ich schon einige Male auf die Nase fallen, bis ich gelernt hatte, dass andere Menschen genau so ein Recht auf ihre Weltsicht haben wie ich. Und bis ich dann noch gelernt hatte, dass möglicherweise sogar beide Sichtweisen richtig sind, hat es noch viel länger gedauert. Da musste ich auch durch einiges persönliches Leid gehen: Verlust der Arbeit, langwierige Krankheit und einiges mehr.

Dabei habe ich eines gelernt: Ich habe mein eigenes Leben nicht in der Hand. Ich kann den Weg planen, doch ob ich diesen Weg jemals gehen werde bzw. ob er so verläuft, wie ich dachte, darauf habe ich kaum Einfluss. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu vertrauen, dass es eine Grösse gibt, die es gut mit mir meint und mich durch mein Leben begleitet. Dazu muss ich manchmal mutig sein und meine Fehler zugeben, so wie Paulus seine Fehler zugegeben hat und sich taufen liess. Paulus hat ein neues Leben begonnen, sich komplett neu ausgerichtet. Ich gehe davon aus, dass er sich darüber nicht nur gefreut hat, sondern auch Angst hatte. Denn Paulus hat viel Vertrautes zurückgelassen.
Auch bei uns steht eine Neuausrichtung an: Wir werden zum Jahreswechsel in unsere Heimat, die Rhein-Neckar-Region zurückkehren. Auch ich werde viel zurücklassen: Den sicheren Job, eine inzwischen vertraute Umgebung, ganz viele Sicherheiten.
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir das keine Angst macht. Doch ich vertraue darauf, dass wir als Familie unseren Weg nicht alleine gehen. Ich glaube daran, dass Gott uns auf diesem Weg begleitet und dafür sorgt, dass alles gut wird. Denn Gott ermöglicht gelingendes Leben, indem er Hoffnung und Kraft schenkt, dieses Leben zu realisieren.

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