Hoffe das Bessere

Hoffe das Bessere

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Vor der Zukunft kann man sich wunderbar fürchten. Denn was einen da erwartet, weiss niemand so genau. Und aus irgendeinem Grund neigen wir Menschen dazu, stetig mit dem Schlimmsten zu rechnen. Wenn das Gedankenkarussell erst einmal in Fahrt gekommen ist, ist es kaum mehr zu stoppen. In den düstersten Farben male zumindest ich mir dann die Zukunft aus: Ich könnte meine Arbeit verlieren und sogar an einer unheilbaren Krankheit sterben und dann sind Frau und Kinder ganz alleine…

„Wie vieles nicht Erwartete ist eingetreten, wie vieles Erwartete ist nirgends zum Vorschein gekommen! Auch wenn es wirklich bevorsteht, was nützt es, seinem Schmerz halbwegs entgegenzukommen? Es ist noch Zeit genug für dich zum Kummer, wenn er gekommen ist: einstweilen aber tröste dich mit der Erwartung des Besseren. Und der Gewinn? Zeit! Noch vieles kann inzwischen eintreten, wodurch die heranziehende oder auch schon ganz in die Nähe gerückte Gefahr entweder zum Stillstand kommt oder verschwindet oder sich auf das Haupt eines anderen entlädt“, rät Seneca.

Folgende Geschichte verdeutlicht recht anschaulich, was das bedeuten kann:
Es war einmal ein Sultan. Unter allen Lebewesen auf Erden liebte dieser Sultan zwei besonders: Seine Frau und sein Kamel. Sein Kamel stand seiner Frau nur in einer Sache nach: Es konnte nicht sprechen. Und nichts wünschte sich der Sultan mehr, als sich einmal mit seinem Kamel gepflegt zu unterhalten.
Nun kam leider der Tag, an dem seine Frau schwer erkrankte und er auch mit ihr nicht mehr richtig sprechen konnte. Der weise Hofarzt tat alles, was in seiner Macht stand, doch nach wenigen Tagen verstarb die Frau des Sultans.
Darüber war der Sultan so erbost, dass er Befehl gab, den unfähigen Arzt auf der Stelle hinrichten zu lassen. „Sehr bedauerlich für Euch“, entgegnete der Arzt. „Wieso bedauerlich?“, fuhr der Sultan ihn an. „Wenn ich sterbe, werdet Ihr Euer Kamel niemals sprechen hören.“ Der erstaunte Sultan versprach dem Arzt, ihn am Leben zu lassen sowie ihn zu seinem Grosswesir zu ernennen, sollte er sein Kamel tatsächlich zum Sprechen bringen. „Nun ja“, fügte der Arzt hinzu, „das wird natürlich seine Zeit dauern. Selbst bei einem klugen Kamel wie dem Euren werde ich 1 1/2 Zeit benötigen, ehe das Kamel spricht.“ Die Frist wurde dem Arzt unter Androhung der sofortigen Exekution im Falle des Versagens eingeräumt.

Als der Arzt abends nach Hause kam, empfing ihn seine Frau, der bereits alles berichtet worden war, mit den Worten: „Ja, hast du denn nun völlig den Verstand verloren? Kamele können nicht sprechen. Und so dumme Exemplare wie das des Sultans schon dreimal nicht!“ „Beruhige dich“, antwortete der Arzt, „ich habe mein Leben soeben um 1 1/2 Jahre verlängert. Und wer weiss. Vielleicht verliebt sich der Sultan in dieser Zeit und ist so glücklich, dass er den Exekutionsbefehl zurücknimmt. Vielleicht stirbt der Sultan auch. Möglicherweise nehme oder das Kamel auch ein natürliches Ende. Und wenn all das nicht eintrifft, wer weiss, vielleicht lernt dieses dumme Kamel auch noch sprechen…“

Ich bin vermutlich nicht ganz so optimistisch wie der Arzt aus der Geschichte. Doch in einem hat er recht: Wir sorgen uns viel zu sehr um das, was kommen könnte. Stattdessen wäre es doch sinnvoll, sich an dem zu freuen, was ist und darauf zu hoffen, dass die Zukunft gut wird. Ärgern und trauern können wir immer noch, wenn das Erhoffte nicht eintrifft. Und wer weiss, vielleicht kommt es ja sogar noch besser als erhofft…

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