Grund zur Hoffnung

Grund zur Hoffnung

  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Der Philosoph Immanuel Kant findet für das Menschsein drei entscheidende Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? 
So dann hält er fest: „Alles Hoffen geht auf Glückseligkeit“. Glückseligkeit ist so ein grosser Begriff. Vermutlich glaubt niemand, dass er in diesem Leben tatsächlich glückselig wird. Doch auf ein bisschen Besserung wird man wohl hoffen dürfen. Es muss nicht alles so bleiben, wie es ist. Diese Hoffnung treibt uns an. 
Diese Hoffnung ist elementar für unsere Demokratie, denn wenn wir wirklich davon ausgingen, dass es keinen Unterschied macht, wo wir uns Kreuzchen setzen, würden wir nicht wählen gehen. Wir würden sämtliche demokratischen Rechte aufgeben und so schleichend in eine Diktatur geraten. Hoffnung ist das Rückgrat unserer Demokratie, unseres Wohlstands, unseres gesamten Lebens.

Wie schaffen wir es an der Hoffnung festzuhalten, wo die Realität unserer Hoffnung auf Besserung doch so oft widerspricht. Selbst die Coronakrise, die uns alle auf unangenehme Weise gezeigt hat, wie leicht Freiheitsrechte eingeschränkt werden können, war mit Hoffnungen verbunden. Nicht nur ich habe immer wieder gesagt: „Vielleicht spüren wir nun, was wirklich wichtig ist. Die Pandemie wird die gesamte Gesellschaft verändern.“ Doch kaum traten die ersten Lockerungen in Kraft, wurden wir eines Besseren belehrt. Wir Mitteleuropäer reisen genauso viel und so weit wie vor der Pandemie. Jeder hat nun das Gefühl, das Verpasste nachholen zu müssen. Ziemlich lächerlich, denn eine verpasste Chance kommt nicht wieder, verstrichene Lebenszeit ist unwiederbringlich vorbei.

Doch nicht nur die Reiselust ist ungebrochen, auch die Automobilindustrie vermeldet Rekordumsätze. Zwar werden nicht mehr so viele Autos gekauft wie zuvor, doch dafür hochklassigere Wagen, die höchstwahrscheinlich nicht zu den umweltfreundlichsten Modellen zählen.
Zumindest Australien hat etwas dazugelernt und bestellt nun keine dreckigen, dieselbetriebenen U-Boote in Frankreich, sondern ein us-amerikanisches Modell mit sauberem Atomantrieb…

Gut, immerhin wird die Menschheit global betrachtet friedlicher und umweltbewusster, so liest man zumindest. 

Etwas kritischer betrachtet bleibt dennoch die historische Erkenntnis, dass jeglicher technische Fortschritt fürderoder später pervertiert werden kann (und wird). Chemie- und Pharmaunternehmen stellten im Dritten Reich Mittel zur Massenvernichtung her. Und fast jeder Fortschritt im kommunikativen Bereich kann zur Massenabhör verwendet werden.

Wie kann man angesichts dieser (möglichen) Entwicklung optimistisch bleiben?
Man könnte es mit Karl Marx halten und davon ausgehen, dass der unterdrückte Mensch eines Tages aufwachen wird und die Unterdrückung abschüttelt. An dem Tag werden alle Menschen frei sein. Dann erfüllt sich die Hoffnung.
Man könnte auch unterstellen, dass sich die Menschheit von alleine zum Besseren entwickelt, dass das Gute sich durch alles Schlechte und Leben Hindernde hindurcharbeitet und sich eines Tages durchsetzen wird.

Einen anderen Ansatz vertritt das Christentum. Bereits im Alten Testament wird festgehalten: „Was früher einmal geschah, wird wieder geschehen. Und was Menschen getan haben, wird wieder getan: Es gibt nichts Neues unter der Sonne!“ (Kohelet 1,9). Von alleine wird sich nichts ändern. Die Menschheit folgt ihrem alten Trott. Es wird immer Unterdrückung geben. Die unvollkommenen Verhältnisse auf dieser Welt werden sich nicht ändern: Es gibt Arme, die arm gehalten werden und Reiche, die ihren Besitzstand sichern. „Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ (1. Mose 8,21).

Dennoch besteht Grund zur Hoffnung. Das, was der Mensch nicht zustande bringt, tut Gott. Er durchbricht den Kreislauf der Gewalt und der Unterdrückung. Da der Mensch nicht in der Lage ist, Gerechtigkeit herzustellen, greift Gott ein. 

Im Alten Testament kann dieses Eingreifen Gottes noch in düsteren Farben ausgemalt werden: „Weh! Die ihr den Tag des Herrn herbeiwünscht, was soll er euch? Denn des Herrn Tag ist Finsternis und nicht Licht, gleich als wenn jemand vor dem Löwen flieht und der Bär begegnet ihm, und er kommt ins Haus und lehnt sich mit der Hand an die Wand, da beißt ihn die Schlange! Ist nicht des Herrn Tag finster und nicht licht, dunkel und nicht hell?“ (Amos 5,18ff.).

Das Eingreifen Gottes wird als Gericht verstanden. Diejenigen, die unterdrückt haben, werden zur Verantwortung gezogen. Jedes Verhalten zieht Konsequenzen nach sich. Hoffen können diejenigen, die Gewalt ausgesetzt waren, die in diesem Leben zu kurz gekommen sind.

Im Neuen Testament überwiegt die schon im Alten Testament geäusserte Hoffnung, dass Gottes Eingreifen alles zum Guten wenden wird. Mit der Wiederkunft Christi wird die Welt aus ihrem alten Trott herausgerissen, ganz neu geschaffen. So schreibt der Seher Johannes:„Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21,3ff.).
Die christliche Hoffnung besagt: Wir Menschen sind zwar nicht dazu in der Lage, diese Welt umfassend zu verändern, doch Gott kann es und wird es auch tun. Die christliche Hoffnung beruht auf Gottes Allmacht und Liebe zu den Menschen. Er wird sie nicht für immer im Zustand der Hoffnungslosigkeit lassen, sondern die Geschicke der Welt selbst in die Hand nehmen. 
Und am Ende wird Gott keinen Unterschied zwischen Unterdrückern und Unterdrückten machen. In Gottes neuer Welt hat jeder Mensch einen Platz: „Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch“ (1Kor 3,12ff.).
Es ist nicht belanglos, wie wir unser Leben gelebt haben. Doch Gottes Ja gilt jedem Menschen. Selbst derjenige, der das Ziel des Lebens verfehlt hat, „wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch“.
Die christliche Hoffnung besagt: Am Ende wird alles gut werden, selbst wenn die Menschheit immer wieder versagt und diese Erde fast zugrunde richtet.

Schreibe einen Kommentar