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Gott sei Dank sind wir individuell – daher heiraten wir auch frei

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Schon der grosse Brian von Nazaret – ich hoffe Das Leben des Brian ist allen ein Begriff – lehrt uns: „Ihr seid doch alle Individuen“. Und gerade in der Postmoderne würden vermutlich alle wie im Film antworten: „Ja, wir sind alle Individuen.“ Logischerweise stimmen auch alle der Folgerung Brians „Und ihr seid alle völlig verschieden“ zu. Nur einer schiesst quer und ruft: „Ich nicht!“ Welch paradoxe Intervention. Er zeigt damit, dass er das einzig wahre Individuum ist, indem er der nachplappernden Menge widerspricht und seine Individualität leugnet. Verrückt!
Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass wir postmodernen Menschen genau in der Spannung der Jünger Brians leben. Wir wollen immer und prinzipiell individuell sein. „Wir sind anders als die andern, auch wenn`s keine andern gibt“ texten Die Toten Hosen passend. Und zugleich neigen wir zur Vereinheitlichung. Das fällt mir besonders auf, wenn ich mir all die „individuellen“ Selfies und Fotos vor gleichen oder doch zumindest recht ähnlichen Urlaubskulissen auf Instagram anschaue. Klar, ein Urlaub auf dem Bauernhof wäre nicht individuell genug, ausser man setzt damit gleich wieder einen Gegentrend zum Urlaub am Traumstrand und beweist damit seine Individualität.
Wie auch immer man individuell sein möchte, hinter dem Drang, sich selbst zu verwirklichen oder gar darzustellen, steckt vermutlich die Befürchtung, durch das Versinken im Mainstream sein eigentliches, wahres Ich zu verlieren. Daher gilt es durch Individualität aufzufallen, sich seinen Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen und damit zu zeigen, wie einzigartig man ist.
Nebenbei erwähnt: Ich halte mich selbst für ziemlich individuell. Gerade in meiner Zeit als Gemeindepfarrer war mir das besonders wichtig. Ich bin doch nicht so ein spiessiger „Normalo-Pfarrer“. Nein, das bin ich wirklich nicht! An sich bin ich zu cool, um Pfarrer zu sein. Ich bin eben ganz anders!

Kein Wunder, dass gerade die grossen Feste des Lebens wie Hochzeit oder die Geburt eines Kindes (Taufe, Segnung, Willkommensfest) besonders individuell begangen werden möchten. Es heiraten ja nicht zwei beliebige Menschen, sondern zwei Individuen und die Welt wurde nicht um einen x-beliebigen Menschen bereichert, ein unverwechselbares, wundervolles Kind hat diesen Planeten betreten.
Ich kann das alles voll und ganz verstehen. Denn aus meiner persönlichen Sicht sind meine Frau und ich auch ein ganz besonderes Paar und unsere Kinder sind grossartig!

So fasst eine Braut die Begründung ihrer Entscheidung, sich frei trauen zu lassen, passend zusammen: „Weil es einfach so ungezwungen, so persönlich ist. Und nix mit Gott oder Glaube oder so zu tun hat, sondern es einfach um uns gegangen ist. Es ist unsere Trauung gewesen und unsere Geschichte ist eigentlich da präsentiert worden. Also präsentiert worden klingt etwas doof, aber es ist um uns gegangen, unsere Liebesgeschichte, wie sich das alles entwickelt hat“. Und eine andere Braut ergänzt: „Und andererseits was, was für mich sehr wichtig ist, ich bin selbst ein kreativer Mensch und sie ist auch sehr kreativ und wir haben dann einfach mega viele Ideen gehabt, was wir machen könnten und joa es ist halt auf gut Deutsch gesagt ein klein wenig weniger steif als in der Kirche.“
Dabei wird die kirchliche Trauung automatisch abgewertet: Da geht es nur um Glauben, irgendwelche religiösen Rituale und nicht um die Individualität des Brautpaares. Die Frage, ob das wirklich so ist, lasse ich an dieser Stelle offen. Fest steht jedenfalls, dass viele Paare eine freie Trauung als individueller und persönlicher einschätzen als eine kirchliche Zeremonie. 
Die Zeremonie wie auch die anschliessende Feier sollen das Wesen des Paares widerspiegeln. Im Idealfall sagen die Freunde beim nächsten Wiedersehen: „Also eure Trauung, die war ja so individuell. Da hat man sofort gespürt, das seid genau ihr!“
Und hey, es ist ja auch absolut cool, wenn man sich auf seiner eigenen Hochzeit wohlfühlt und einfach denkt, das passt genau zu uns. Noch schöner ist es natürlich, wenn den Gästen auffällt, dass es passt. Ich frage mich allerdings gelegentlich: Wie wird eine Hochzeit so individuell und persönlich, dass sie tatsächlich unverwechselbar zum Brautpaar passt?
Inzwischen gibt es doch zahlreiche wundervolle Locations in allen möglichen Variationen. Ist so etwas noch individuell? Irgendwie erinnert es mich doch stark an die Fotos vor den ewig gleichen Hintergründen auf Instagram. Das soll keine Abwertung sein. Natürlich kann eine Location einfach passen. Viele Locations sind einfach toll! Aber macht das die Feier individuell?
Ich erinnere mich noch an eine Trauung, die ich vor einigen Jahren leiten durfte. Die Örtlichkeit war superschön! Ein kleiner Aussichtsplatz mitten in den Rheinhessischen Weinbergen. Das Spezielle daran war, dass es keine Hochzeitslocation war, sondern einfach ein Ort mit einem wundervollen Ausblick. Ausgewählt hatte das Paar diesen wunderschönen Flecken, da er ihnen durch gemeinsame Spaziergänge vertraut und ans Herz gewachsen war.
Selbstverständlich entsteht Individualität auch durch die Auswahl der „Attraktionen“ der Feier wie der Getränke zum Umtrunk, der Süssigkeiten an der Candybar, der Musik, die der DJ auflegt oder die Band zum Besten gibt (oder dem bewussten Verzicht auf diesen Schnickschnack) und selbstverständlich der Auswahl der Gäste.
Einen ganz besonderen Höhepunkt, was die Individualität anbelangt, stellt meiner Meinung nach – leider bin ich an dieser Stelle nicht ganz neutral – die Gestaltung der Trauzeremonie (egal, ob Kirche oder frei) dar. Ganz ehrlich: Was auf der Hochzeit gegessen wurde, vergisst man irgendwann. Doch die Gestaltung der Trauzeremonie bleibt im Gedächtnis haften. Daran erinnert man sich entweder gerne oder mit Schrecken zurück. 
Eine Fotografin fasst es schön zusammen: „Ja, ich, also für mich ist eine Predigt dann gut, wenn sie mein Herz erreicht und da ist es eigentlich theoretisch egal, ob das eine Privatperson, Pfarrer oder freier Redner ist. Ja, ich mag es auch gerne diese, dieser Durchbruch, wenn das Brautpaar mit einbezogen ist, dass es nicht nur eine Show ist, ist vielleicht auch wichtig, sondern wenn das Gefühl hat, dass das Brautpaar aktiv an dieser Trauung teilnimmt. Wenn es gelingt, das Auditorium zu fesseln, dann war deine Predigt oder dann war das, was du gemacht hast als Pfarrer, gut.“
Das gilt selbstverständlich nicht nur für die Trauansprache. Die Trauung ist dann gelungen, wenn bei allen das Gefühl aufkommt, mitten drin zu sein. Wenn alle denken, ja, das ist genau die Art des Paares, da triffst du genau die richtigen Worte, dann hast du als Trauredner bzw. Pfarrer etwas richtig gemacht. Dann bleiben deine Worte, die Zeremonien und all das Emotionale hängen. Da denken sowohl das Paar als auch die Gäste noch Jahre später dran.
Also Augen und Ohren auf bei der Wahl des Pfarrers, der freien Rednerin.

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