Gib ihm noch ein Jahr

Gib ihm noch ein Jahr

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Ich halte mich für einen weltoffenen, lustigen und kreativen Menschen. An manchen Tagen sprudle ich vor Ideen nur so über. In meinem Kopf schwirren lauter Projekte herum, die ich unbedingt verwirklichen möchte. Ich träume von einem erfüllten Leben. Einem Leben, in dem ich jeden Tag geniesse, weil ich meine Fähigkeiten und Begabungen lebe.

Besonders lebendig fühle ich mich in meiner Tätigkeit als freier Redner und Seelsorger. In dieser Tätigkeit kommen all meine Stärken zum Tragen: Ich höre gerne und aufmerksam zu, fühle mich im Umgang mit Menschen wohl, was diese auch spüren. Ich kann, – behaupte ich zumindest – kreative Zeremonien planen und gestalten. Ich freue mich darüber, Menschen ein Stück ihres Lebenswegs zu begleiten und ihren grossen Tag unvergesslich zu machen.

Nur leben kann ich von dieser Tätigkeit derzeit (noch) nicht. Ich habe zwar noch einen Haufen anderer Projekte, die mir so vorschweben. Doch andererseits bin ich auch ein sehr vorsichtiger Mensch, der mit dem Umsetzen lieber etwas wartet, gleich auf Nummer sichergeht.

Und hinzukommt noch, dass ich unheimlich ungeduldig bin. Bei mir muss immer alles sofort funktionieren, sonst fange ich an zu zweifeln. Eigentlich sollte das Geschäft schon laufen, bevor ich angefangen habe. Eigentlich ist mir als Theologe ja bewusst, dass nicht alles so hoppla di hopp sofort funktioniert. Gut Ding will Weile haben. 

Und auch bei den Glaubenshelden der Bibel lässt sich das Finden der Berufung nicht übers Knie brechen. Abraham ist bereits hochbetagt, als Gott das erste Mal mit ihm spricht. Und bis es zu weiteren Begegnungen kommt, dauert es jeweils Jahre oder gar Jahrzehnte. Bis sich der verheissene Nachwuchs einstellt, vergeht ewig viel Zeit. Doch Abraham schafft es, sein Ziel fest im Auge zu behalten. Er lässt sich von Rückschlägen wie Hungersnot und Flucht nicht aus dem Konzept bringen. Er vertraut darauf, dass sein Leben sich zum Besten wenden wird.

Und auch Jesus erzählt ein Gleichnis: „Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, drei Jahre komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn herum grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab“ (Lk 13,6ff).

Manchmal dauert es eben, bis wir die Früchte unserer Arbeit ernten. Ich weiss, dass es schwerfällt, zu warten. Vor allem, wenn die Projekte wie in meinem Fall die Existenz betreffen. 

Mir hilft das Gleichnis weiter: Erstens ist es wichtig, dran zu bleiben, nicht gleich die Flinte ins Korn zu werden. Dabei gilt es jedoch, einen Zeitplan festzulegen: „Lass ihn noch dieses Jahr“. Nach Ablauf der Frist muss ehrlich Bilanz gezogen werden: Was taugt das Projekt? Gibt es noch etwas, das ich verbessern kann oder ist es sinnvoller, nun endlich andere Ideen zu verfolgen.

Zweitens ist es wichtig, das Projekt zu pflegen. Ich kann nicht erwarten, dass die Menschen zu mir kommen, nur weil ich eine tolle Idee habe. Ich muss mein Projekt vermarkten. Auch wenn es sich um ein wohltätiges Projekt oder ein Hobby handelt, muss ich auf mich aufmerksam machen. In diesem Fall nicht, um Geld zu verdienen, sondern einfach um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Und drittens muss ich das, was ich tue, in der Hoffnung tun, dass es doch noch Frucht bringt. Wer hoffnungslos an die Arbeit geht, strahlt dies auch aus uns kann es ebenso gut bleiben lassen.

Also halte ich fest: Ich werde künftige Projekte ordentlich durchdenken und „vermarkten“, mich um das kümmern, was ich tue, dass es kein blosses Hirngespinst bleibt. Ausserdem bleibe ich auch bei Rückschlägen zuversichtlich. Und last but not least setze ich mir Fristen, in denen ich Ergebnisse sehen möchte und ziehe anschliessend Bilanz.

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