Erkenne dich selbst

Erkenne dich selbst

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„Erkenne dich selbst“ stand am berühmten Apollotempel in Delphi und Sokrates, der Godfather der Philosophie, meint: „Ein Leben ohne Selbsterforschung verdient nicht, gelebt zu werden.“

Wenn ich als Theologe solche Sätze lese, denke ich automatisch an kritische Selbstreflexion. Ich muss mir stets bewusst sein, wieso ich wie handle. All meine Handlungen sollten möglichst konsistent sein. Denn ich bin für diese verantwortlich. 

An sich hat die Aufforderung sich selbst zu erkennen aber auch noch eine ganz andere Dimension. Unsere Lebensaufgabe besteht auch darin, herauszufinden, was wir wirklich wollen. Mit anderen Worten wir können und dürfen eigenverantwortlich und eigensinnig leben. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, seine eigene Sicht auf die Welt zu entwickeln und gemäss dessen zu leben, was er als richtig erkannt hat. Eigensinnig zu sein, bedeutet nach Hegel, „nichts in der Gesinnung anerkennen zu wollen, was nicht durch den Gedanken gerechtfertigt ist“. Um zu wissen, was ich will, darf ich nicht blind der Masse folgen, sondern muss in mein Inneres horchen, mich selbst erforschen. Ich muss mich mir selbst und meinen Überzeugungen aussetzen und diese immer wieder durchdenken. Nur so werde ich zu einem selbstbestimmten und vor allem mündigen Menschen. Gehorchen kann jeder, doch sich eine begründete Meinung zu bilden, ist eine Kunst. Wer sich sein Leben von anderen aufoktroyieren lässt, geht an seinem Leben, seiner Bestimmung vorbei, wie das Märchen Die zwölf Jäger anschaulich illustriert:

„Es war einmal ein Königssohn, der hatte eine Braut und hatte sie sehr lieb. Als er nun bei ihr saß und ganz vergnügt war, da kam die Nachricht, daß sein Vater todkrank läge und ihn noch vor seinem Ende zu sehen verlangte. Da sprach er zu seiner Liebsten: “Ich muß nun fort und muß dich verlassen, da geb ich dir einen Ring zu meinem Andenken. Wann ich König bin, komm ich wieder und hol dich heim.” Da ritt er fort, und als er bei seinem Vater anlangte, war dieser sterbens krank und dem Tode nah. Er sprach zu ihm: “Liebster Sohn, ich habe dich vor meinem Ende noch einmal sehen wollen, versprich mir, nach meinem Willen dich zu verheiraten,” und nannte ihm eine gewisse Königstochter, die sollte seine Gemahlin werden. Der Sohn war so betrübt, daß er sich gar nicht bedachte, sondern sprach: “Ja, lieber Vater, was Euer Wille ist, soll geschehen,” und darauf schloß der König die Augen und starb. [Die betrogene Braut verkleidet sich mit elf jungen Frauen als Jäger. Sie treten in die Dienste des Verlobten. Dieser hat einen Löwen, der des Sprechens und der Wahrsagekunst fähig ist und ihn darüber informiert, dass die Jäger in Wirklichkeit Frauen sind und rät dem jungen König, dies durch eine Probe zu beweisen. Glücklicherweise werden die „Jäger“ vor den Proben gewarnt und bestehen diese mühelos. Der Löwe fällt daher in Ungnade.]

Die zwölf Jäger folgten dem König beständig zur Jagd, und er hatte sie je länger je lieber. Nun geschah es, daß, als sie einmal auf der Jagd waren, Nachricht kam, die Braut des Königs wäre im Anzug. Wie die rechte Braut das hörte, tats ihr so weh, daß es ihr fast das Herz abstieß, und sie ohnmächtig auf die Erde fiel. Der König meinte, seinem lieben Jäger sei etwas begegnet, lief hinzu und wollte ihm helfen, und zog ihm den Handschuh aus. Da erblickte er den Ring, den er seiner ersten Braut gegeben, und als er ihr in das Gesicht sah, erkannte er sie. Da ward sein Herz so gerührt, daß er sie küßte, und als sie die Augen aufschlug, sprach er: “Du bist mein und ich bin dein, und kein Mensch auf der Welt kann das ändern.” Zu der andern Braut aber schickte er einen Boten und ließ sie bitten, in ihr Reich zurückzukehren, denn er habe schon eine Gemahlin, und wer einen alten Schlüssel wiedergefunden habe, brauche den neuen nicht. Darauf ward die Hochzeit gefeiert, und der Löwe kam wieder in Gnade, weil er doch die Wahrheit gesagt hatte.“

Der Königssohn hat alles: Geld, Macht, Menschen, die ihn umsorgen und dennoch droht er am Leben zu scheitern. Denn er lebt blinden Gehorsam. Und wie Montesquieu festhält: „Unbedingter Gehorsam setzt Unwissenheit bei dem Gehorchenden voraus“ oder jede Menge Dummheit. 

Einerseits ist es verständlich, dass der treue Sohn seinem sterbenden Vater keinen Wunsch ausschlagen will oder kann. Er bringt es einfach nicht übers Herz, seinen Vater zu enttäuschen, so sagt er ja. Doch ein Ja impliziert immer auch ein Nein, in diesem Fall zu den eigenen Wünschen und Lebensvorstellungen. Wer Ja sagt, aber Nein meint, der verneint seine eigenen Bedürfnisse. So entgleitet einem das eigene Leben. Man lebt völlig fremdbestimmt, verliert den Zugang zu sich selbst, hört auf, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören und am Schluss nimmt man diese gar nicht mehr wahr. 

So fällt dem Prinzen zunächst auch gar nicht auf, dass sein Leben anders verläuft, als er sich vorgestellt hatte. Er holt sich eben die Braut, die sich sein Vater gewünscht hat. Die eigene Hoffnung auf ein glückliches, selbstbestimmtes Leben mit seiner geliebten Braut verliert er völlig aus dem Blick. Erst als seine Geliebte überraschend wieder in sein Leben tritt, erinnert er sich an seine Pläne, seine Hoffnungen, seine eigenen Bedürfnisse. Er erwacht aus dem blinden Gehorsam und beginnt, sich selbst zu erforschen.

Zu einem wirklich selbstbestimmten und zufriedenen Leben finden wir nur, wenn wir auf unsere eigenen, reflektierten Bedürfnisse hören. Es geht nicht darum, was Eltern, Vorgesetzte oder Freunde von uns erwarten, für uns geplant haben, sondern darum, dass wir unser Leben selbst in Angriff nehmen und so gestalten, dass es zu uns passt. 

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