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Eine lustige gar nicht so lustige Geschichte

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Ich sitze mit meiner Tochter im Zug, um sie nach Singen zu fahren, wo sie von Schweizer Freunden abgeholt werden soll. 
Wir sitzen zu zweit in einem Viererabteil. Das Viererabteil neben uns ist von einer Frau und ihrem sehr großen Koffer belegt. An einem Halt steigt ein Ehepaar (um die 60 Jahre) zu. Und sie steuern zielstrebig auf das Abteil der jungen Dame zu. Dass noch andere Plätze frei waren, erschien ihnen anscheinend irrelevant. Sie wollten genau dort sitzen. Da gab es nur ein Problem: den Koffer. Koffer sind anscheinend von der Bahn nicht vorgesehen. Denn größere Gepäckstücke kann man im Durchschnittszug nirgends sinnvoll verstauen. Also sah der Mann sich sofort genötigt, sich zu echauffieren und gegen die unverschämte Platzierung des Reisegepäcks zu wettern. Das sei doch wirklich zu unverschämt, diesen Koffer so abzustellen. Er müsse sofort auf dem Gang platziert werden! Ich verzichtete darauf, den Mann darauf hinzuweisen, dass das Abstellen von Gepäck im Gang nicht gestattet ist (Fluchtweg!). Doch als er weiter schimpfte und Hand an den Koffer legte, – immerhin handelte es sich seiner gewichtigen Meinung nach bei der Platzierung des guten Stücks um eine Ordnungswidrigkeit – wurde es mir zu bunt.
Freundlich wies ich den Herrn darauf hin, dass mir doch irgendwie paradox erschiene, dass er so auf Recht und Ordnung dränge, während er durch das bewusst nicht vorschriftsgemäße Tragen einer OP-Maske gerade selbst gegen rechtliche Bestimmungen verstoße. 
Nun mischte sich seine Frau ein. Ich könne doch wohl nicht eine Maske mit einem Koffer vergleichen. Corona sei ja nun wirklich nicht gefährlich. Was ich mir da einbilde. Das sei geradezu lächerlich.
Ich stimmte ihr zu. Vermutlich sei Corona gar nicht so gefährlich und sie habe vollkommen recht, es sei schon merkwürdig, dass man einzig und allein im ÖV noch Maske tragen müsse. Und wenn ich es so recht bedächte, sei ein ordnungswidrig abgestellter Koffer wohl doch ein gefährlicheres Ärgernis als Corona.
Nun tickte die Dame völlig aus. Freundlicherweise riet sie mir, mir erst einmal Arbeit zu suchen und etwas für die Gesellschaft zu leisten. Früher sei ohnehin alles besser gewesen, da hätten die Menschen noch Anstand gehabt, da hätte man nicht nur auf die ordentliche Verstauung seines Gepäcks geachtet, sondern älteren Menschen sofort Platz gemacht. Die ganze Misere, in der sich unser Land befinde, sei die Schuld der 68er-Erziehung.
Wieder stimmte ich ihr zu. Früher sei auch meiner Meinung nach alles besser gewesen. Da wären wir allerdings auch noch nicht von Kommunisten regiert worden, die sämtliches Gefühl für Moral im Ansatz erstickten und junge Menschen wie mich verdürben.
Die Antwort schien nicht zu befriedigen. Denn nun begann die Frau durch lautes Gezeter den gesamten Waggon zu unterhalten. Ich sei ein Kommunist, nein noch schlimmer ein Grüner. Menschen wie ich zerstörten die Gesellschaft und sie sei froh, dass ihre Kinder nicht so wären. 
Das ganze Abteil war bester Stimmung, insofern man das Ehepaar, da über seinen eigenen Humor nicht lachen konnte, außen vor lässt…

Natürlich war mein Verhalten in dieser Situation nicht ganz astrein. Ich habe mich nicht ernsthaft bemüht, die Situation zu beruhigen. Doch an sich hatte ich eine (unbegründete) Hoffnung: Ich wollte dem Ehepaar durch meine Intervention verdeutlichen, wie inkonsequent seine eigene Haltung ist. Einerseits wird die Einhaltung von Recht und Ordnung gefordert, andererseits werden selbst bewusst Regeln gebrochen. Wie kommt jemand dazu, sich selbst über Gebote hinwegzusetzen, andererseits aber strikt auf die Einhaltung der gesellschaftlichen Ordnung zu bestehen?
Die Antwort ist vermutlich recht simpel: Es ging dem Ehepaar nicht wirklich um die Ordnung. Was Anstand und Moral gebieten, ist den beiden vermutlich völlig schnuppe. Es geht viel mehr um das Durchsetzen eigener Bedürfnisse, den eigenen Vorteil. Wenn das ordnungsgemäße Tragen einer Maske nicht genehm ist bzw. die Notwendigkeit nicht eingesehen wird, dann setze ich mich eben dreist über rechtliche Bestimmungen hinweg. Sollen die systemtreuen Idioten doch daran halten. Diese Sheeple (Schlafschafe)!
Doch wenn ich das Gefühl habe, dass mich andere in meiner „Persönlichkeitsentwicklung“ stören, bin ich umso zufriedener, wenn ich sie darauf hinweisen kann, dass das Recht – wie könnte es auch anders sein – auf meiner Seite ist. Der Koffer ist augenblicklich zu entfernen. Denn „wenn der Schaffner kommt, wird der Rambazamba machen!“, so das Ehepaar. Ja, würde er vermutlich aber wohl eher wegen der Verweigerung des Masketragens!
Kein Argument ist zu abstrus, wenn es darum geht, das vermeintliche eigene Recht durchzusetzen. Da sind wir dann sehr genau. Doch Regeln, die uns unnütz oder lächerlich erscheinen, die ignorieren wir geflissentlich und dabei ist uns völlig egal, was andere denken. Möglicherweise saß eine nicht unerhebliche Zahl (älterer) Menschen im Zug, in deren Augen die Einhaltung der „Abstands-und-Hygiene-Vorschriften“ sinnvoll und notwendig ist. Egal!

Nun bin ich gelegentlich ein sehr grüblerischer Mensch. Sofort habe ich mich gefragt, ob wir Menschen im Allgemeinen einfach Ego-Schweine sind. Geht es uns nur um unseren eigenen Vorteil. Stimmt das Urteil, das Gott vor und nach der Sintflut über uns Menschen fällt: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ (1. Mose 8,20). 
Ich denke zu unserer menschlichen Natur gehört beides dazu: Das Gute und das Böse. Es gibt unzählige Menschen, die sich aus selbstlosen Motiven sozial engagieren. Und es gibt Menschen, die meinen, sie seien das Zentrum des Universums und alles müsse sich um sie drehen. Merkwürdigerweise gibt es sogar Exemplare unserer Gattung, die sich in manchen Bereichen selbstlos für andere einsetzen, zu Hause oder auf der Arbeit hingegen als Tyrann auftreten. Auch das Ehepaar aus der Geschichte ist bei mir viel zu schlecht weggekommen. Sie werden sich sicher liebevoll um ihre Kinder gekümmert und zu selbständigen Menschen erzogen haben. Und aller Wahrscheinlichkeit nach haben sie zahlreiche Freunde und Bekannte, die sie sehr schätzen.

Ich möchte nun nicht tiefer gehend überlegen, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse ist. Mir erscheint jedoch wichtig, dass wir Menschen nicht auf ein bestimmtes Verhalten festgelegt sind. Wir sind lernfähig. Der Psychologe Carl Rogers meint: „Die einzige Person, die erzogen wird, ist diejenige, die gelernt hat zu lernen und sich zu verändern.“
Als halbwegs reflektierter Mensch gefällt mir auch nicht alles an mir. Nicht alles, was ich den lieben langen Tag so tue, erscheint mir sozial, gerecht oder ganz und gar richtig zu sein. Auch ich handle des Öfteren selbstsüchtig und egoistisch. Doch die Erkenntnis dieser Inkongruenz zwischen Selbstbild bzw. gewünschtem Verhalten und tatsächlichem Agieren in dieser Welt ermöglicht es mir, dran zu bleiben, mich weiterzuentwickeln und mein Handeln immer mehr dem von mir erstrebten Idealzustand anzunähern. Denn wir Menschen können uns verändern, wenn wir es tatsächlich wollen.
Und als Theologe füge ich noch hinzu: Den Idealzustand werden wir trotz allen Bemühens leider nie erreichen. Doch auch das ist gar nicht so schlimm, da Gott uns mit all unseren Ecken und Kanten annimmt. Wobei er sicher nichts dagegen hat, wenn wir an diesen Ecken und Kanten auch selbst etwas herumfeilen. 

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