Ein Märchen über die Liebe

Ein Märchen über die Liebe

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Die Liebe ist das schönste aller Gefühle. Vorausgesetzt, sie ist überhaupt ein Gefühl. Jedenfalls beflügelt die Liebe, sie hilft dabei, die eigenen Grenzen zu überwinden und sich mit aller Energie für einen anderen Menschen einzusetzen.

Es gibt nichts Schöneres, als sich in der Nähe eines anderen Menschen wohlzufühlen, mit ihm zusammen glücklich zu sein. Das ist selbstverständlich mit jeder Menge Arbeit verbunden. Denn Menschen fordern sich gegenseitig durch ihre Eigenschaften und Einstellungen immer wieder heraus. Doch das ist gerade das Spannende an einer Liebesbeziehung: Wir wachsen, weil uns unser Partner immer mit sich und mit unserem Selbst konfrontiert. Partnerschaft ist immer Entwicklung. Und besonders spannend bleibt es, wenn wir einen starken Partner haben, der uns beständig herausfordert, das Beste in uns zutage fördert und uns so hilft, uns zu verändern, immer wieder neue Seiten an uns zu entdecken. 

Selbstverständlich ist es umgekehrt auch unsere Aufgabe, unserem Partner immer wieder ein Stups zu geben, sodass auch er nicht stehen bleibt, sondern in seiner Selbstwerdung voranschreitet. Es ist der Tod jeder Beziehung, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, das Interesse am Partner verliert und man einfach nebeneinander herlebt.

Aber auch die gefühlte absolute Abhängigkeit vom Partner kann tödlich sein. Davon erzählt das Märchen Die drei Schlangenblätter:

„Es war einmal ein armer Mann, der konnte seinen einzigen Sohn nicht mehr ernähren. Da sprach der Sohn ‘lieber Vater, es geht Euch so kümmerlich, ich falle Euch zur Last, lieber will ich selbst fortgehen und sehen, wie ich mein Brot verdiene.’ Da gab ihm der Vater seinen Segen und nahm mit großer Trauer von ihm Abschied. [Er wird erfolgreich Soldat im Dienste eines Königs.]
Der König hatte eine Tochter, die war sehr schön, aber sie war auch sehr wunderlich. Sie hatte das Gelübde getan, keinen zum Herrn und Gemahl zu nehmen, der nicht verspräche, wenn sie zuerst stürbe, sich lebendig mit ihr begraben zu lassen. ‘Hat er mich von Herzen lieb,’ sagte sie, ‘wozu dient ihm dann noch das Leben?’ Dagegen wollte sie ein Gleiches tun, und wenn er zuerst stürbe, mit ihm in das Grab steigen. Dieses seltsame Gelübde hatte bis jetzt alle Freier abgeschreckt, aber der Jüngling wurde von ihrer Schönheit so eingenommen, daß er auf nichts achtete, sondern bei ihrem Vater um sie anhielt. ‘Weißt du auch,’ sprach der König, ‘was du versprechen mußt?’ ‘Ich muß mit ihr in das Grab gehen,’ antwortete er, ‘wenn ich sie überlebe, aber meine Liebe ist so groß, daß ich der Gefahr nicht achte.’ Da willigte der König ein, und die Hochzeit ward mit großer Pracht gefeiert.
Nun lebten sie eine Zeitlang glücklich und vergnügt miteinander, da geschah es, daß die junge Königin in eine schwere Krankheit fiel, und kein Arzt konnte ihr helfen… Als der Tag kam, wo die Leiche in das königliche Gewölbe beigesetzt wurde, da ward er mit hinabgeführt, und dann das Tor verriegelt und verschlossen.
Neben dem Sarg stand ein Tisch, darauf vier Lichter, vier Laibe Brot und vier Flaschen Wein. Sobald dieser Vorrat zu Ende ging, mußte er verschmachten. Nun saß er da voll Schmerz und Trauer, aß jeden Tag nur ein Bißlein Brot, trank nur einen Schluck Wein, und sah doch, wie der Tod immer näher rückte. Indem er so vor sich hinstarrte, sah er aus der Ecke des Gewölbes eine Schlange hervorkriechen, die sich der Leiche näherte. Und weil er dachte, sie käme, um daran zu nagen, zog er sein Schwert und sprach ‘solange ich lebe, sollst du sie nicht anrühren,’ und hieb sie in drei Stücke. Über ein Weilchen kroch eine zweite Schlange aus der Ecke hervor, als sie aber die andere tot und zerstückt liegen sah, ging sie zurück, kam bald wieder und hatte drei grüne Blätter im Munde. Dann nahm sie die drei Stücke von der Schlange, legte sie, wie sie zusammengehörten, und tat auf jede Wunde eins von den Blättern. Alsbald fügte sich das Getrennte aneinander, die Schlange regte sich und ward wieder lebendig, und beide eilten miteinander fort. Die Blätter blieben auf der Erde liegen, und dem Unglücklichen, der alles mit angesehen hatte, kam es in die Gedanken, ob nicht die wunderbare Kraft der Blätter, welche die Schlange wieder lebendig gemacht hatte, auch einem Menschen helfen könnte. Er hob also die Blätter auf und legte eins davon auf den Mund der Toten, die beiden andern auf ihre Augen. Und kaum war es geschehen, so bewegte sich das Blut in den Adern, stieg in das bleiche Angesicht und rötete es wieder. Da zog sie Atem,… Der König kam selbst herab und öffnete die Türe, da fand er beide frisch und gesund und freute sich mit ihnen, daß nun alle Not überstanden war. Die drei Schlangenblätter aber nahm der junge König mit, gab sie einem Diener und sprach ‘verwahr sie mir sorgfältig, und trag sie zu jeder Zeit bei dir, wer weiß, in welcher Not sie uns noch helfen können.’
Es war aber in der Frau, nachdem sie wieder ins Leben war erweckt worden, eine Veränderung vorgegangen: es war, als ob alle Liebe zu ihrem Manne aus ihrem Herzen gewichen wäre. Als er nach einiger Zeit eine Fahrt zu seinem alten Vater über das Meer machen wollte, und sie auf ein Schiff gestiegen waren, so vergaß sie die große Liebe und Treue, die er ihr bewiesen, und womit er sie vom Tode gerettet hatte, und faßte eine böse Neigung zu dem Schiffer. [Gemeinsam mit dem Schiffer wirft sie ihren schlafenden Ehemann über Bord. Sein Diener, der alles mit ansieht, erweckt den Toten mit den Blättern wieder zum Leben. Sie kommen zum König und berichten alles. Die Königstochter kommt später an. Als ihr Verbrechen aufgedeckt wird, erfleht sie Gnade.] Der König sprach ‘da ist keine Gnade, er war bereit, mit dir zu sterben, und hat dir dein Leben wiedergegeben, du aber hast ihn im Schlaf umgebracht, und sollst deinen verdienten Lohn empfangen.’ Da ward sie mit ihrem Helfershelfer in ein durchlöchertes Schiff gesetzt und hinaus ins Meer getrieben, wo sie bald in den Wellen versanken.“

Einerseits ist die Liebe des jungen Mannes faszinierend. Die Liebe zu seiner Braut bildet das Zentrum seines Lebens. Wer würde sich das nicht wünschen, der wichtigste Mensch für den Partner zu sein? Doch andererseits übertreiben es die Beiden etwas. Die Frage der Prinzessin: „Hat er mich von Herzen lieb, wozu dient ihm dann noch das Leben“, wenn ich gestorben bin?, setzt dem Ganzen die Krone auf. Selbstverständlich ist gelingende Partnerschaft für viele Menschen einer der wichtigsten Punkte im Leben. Doch die krankhafte Bindung an einen Menschen ist niemals gesund. Egal wie wichtig uns ein Mensch ist, es kann immer auch ein sinnvolles Leben ohne ihn geben. 

Eine abhängig machende, einengende Beziehung ist Gift für die Weiterentwicklung des selbst. So bleibt auch die Beziehung immer auf demselben Stand und stirbt spätestens an dem Tag, an dem einer der Partner mehr vom Leben erwartet. Es entsteht keine Reibung, die so wichtig ist, um sich lebendig zu fühlen und das Leben in Angriff zu nehmen.

So geschieht es auch in dem Märchen. Die junge Prinzessin stirbt und ihr Mann wird genötigt, ihr gehorsam ins Grab zu folgen. Das Leben der beiden ist stehen geblieben. Die Liebe ist erkaltet. Doch in der Grabeskälte dieser Beziehung hält der Held es nicht aus. Und tatsächlich gelingt es ihm irgendwie, auch seine Frau wieder zum Leben zu erwecken. Allerdings ist Undank der Welten Lohn. Die Prinzessin fühlt sich in der Beziehung nach wie vor nicht wohl. Sie verlässt den jungen Mann und sucht ihr Glück erfolglos in einer neuen Beziehung.

Durch seinen – in diesem Fall leider erfolglosen Einsatz – zeigt der Held des Märchens, worauf es in einer Beziehung immer wieder ankommt: Einsatz, sich nicht mit dem Istzustand zufrieden geben und (gemeinsam) eine glückliche Zukunft aufbauen. Das gelingt nur, wenn beide Partner ihren Teil dazu beitragen, dass die Beziehung lebendig bleibt. Da beide eigene Ideen einbringen, läuft der Prozess nicht ohne Herausforderungen ab, doch gerade dadurch bleibt es spannend. Wenn einer der beiden sich tot stellt, wird es deutlich schwieriger. Denn wir Menschen entwickeln uns gerade durch wohlgemeinte Provokationen unseres uns liebenden Partners weiter.

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