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Ein Kind auf der Beerdigung?

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Neulich fragte mich eine Bekannte: „Du, ich weiß nicht, ob ich mein Kind mit zur Beerdigungen bringen sollte. Ich meine, das ist doch schon ziemlich traurig und für das Kind vielleicht verstörend. Kind und Beerdigung, was meinst du?“
Ich kann die Bedenken meiner Bekannten verstehen. In der heutigen Gesellschaft neigen wir dazu, Kinder wie kleine Erwachsene zu behandeln. Das ist ein echtes Problem, denn Kinder sind nun einmal keine Erwachsenen im Miniaturformat. Sie sind nicht in der Lage, die Probleme eines Erwachsenen zu lösen. Selbst wenn sie es könnten, wäre es Missbrauch eines Schutzbefohlenen. Kinder sollen einfach Kinder sein dürfen. Sie haben ein Recht auf ihre Kindheit.
Ist die Konfrontation mit dem Tod – gerade im Rahmen einer Beerdigung – also etwas, wovor wir unsere Kinder schützen müssen? Das glaube ich nicht! Es ist ein Unterschied, ob ich ein Kind Kind sein lasse oder ob ich ihm eine heile Welt vorgaukele, die es nicht gibt. Der Tod gehört zum Leben. Einem Kind etwas anderes vorzumachen wäre fahrlässig. 
Ein Kind ungefragt in die Rolle eines Erwachsenen zu versetzen ist etwas komplett anderes, als es in ein Leben in dieser Welt mit allem Schönen, aber auch allem Traurigen einzuführen. Kinder sind sehr sensibel dafür, ob wir ehrlich zu ihnen sind oder sie zu vertrösten suchen. Ferner ist es ohnehin nicht möglich, einem Kind den Tod eines Verwandten oder Freundes vorzuenthalten.
Da ist es ehrlicher und für das Kind hilfreicher, den Verlust zu thematisieren und dabei auch die eigenen Gefühle aufzuzeigen. Denn nur im Austausch mit anderen lernen Kinder etwas über das Leben. Sie nehmen wahr, wie wir mit Tod und Trauer umgehen. Einige unserer Verhaltensmuster übernehmen sie zeit ihres Lebens, andere werden sie wieder ablegen. Denn eines ist klar: Im Laufe des Lebens findet ein jeder Methoden, sich in der Welt zu orientieren. Manche Technik wird als hilfreich eingeschätzt, andere Verhaltensmuster werden abgelehnt und aussortiert. Insofern ist die Angst, dass wir unseren Kindern schaden, wenn wir über Verluste sprechen und ihnen zeigen, wie wir mit ihnen umgehen, unbegründet.
Ich bin überzeugt, dass es Kindern guttut, mit Erwachsenen im Austausch zu sein über Hoffnungen, Ängste und Sorgen. Und gerade auf einer Beerdigung ist ein Kind goldrichtig. Hier erfährt es, wie in unserem Kulturkreis ein Verstorbener verabschiedet wird. Wo sonst wird gezeigt, dass der Tod seinen festen Platz in diesem Leben hat? Gerade bei Trauerfeiern erfährt das Kind, wie andere Menschen den Tod einschätzen, verorten und eventuell auch, was sie über den Tod hinaus hoffen. Und solche Erfahrungen bleiben hängen.
Ich kann mich nicht an viele Szenen aus meiner Kindheit erinnern. Doch ein Moment dringt bei mir immer wieder an die Oberfläche des Bewusstseins. Es ist die Beerdigung meiner Uroma. Ich kann mich nicht mehr wirklich an sie erinnern. Und auch von der Bestattung ist nichts hängen geblieben. Doch ich erinnere mich noch, dass ich gemeinsam mit meinen Eltern meine Uroma ein letztes Mal gesehen habe, wie sie im Sarg lag. Friedlich sah sie aus. Ich glaube, ich habe nicht wirklich verstanden, was es bedeutet, dass sie nun „tot“ sein sollte. Doch der Anblick hat mich irgendwie beruhigt. Ich kann nun nicht behaupten, dass dieses Ereignis meine Art zu trauern immens geprägt hat. Doch oft denke ich an diese Szene zurück, wenn ich mit Tod und Trauer zu tun habe. Der friedliche Ausdruck meiner Uroma und dann nach einer längeren Zeremonie das Ablassen des Sarges. Das hat sich eingeprägt.

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