Die göttliche Dimension der Liebe

Die göttliche Dimension der Liebe

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Ich bin immer sehr kritisch, wenn es um so etwas wie Zeichen der Gegenwart Gottes auf dieser Erde geht. Kann man tatsächlich aus der „planvollen“ Anlage dieser Welt bzw. des gesamten Universums schliessen, dass da ein Schöpfer am Werk gewesen sein muss? Sind all die „Wunder“, die uns tagtäglich begegnen, nicht alle logisch zu erklären? 

Als ich neulich mit unserer zehnmonatigen Tochter spazieren war, meinte eine Bekannte: „Wenn ich mir das Wunder des Lebens betrachte, kann ich gar nicht verstehen, wie man nicht an Gott glauben kann.“ Ja, irgendwie ist das schon ein Wunder. Da kommt so ein kleiner Mensch auf die Welt. Aber muss ich dabei automatisch an einen liebenden Schöpfergott denken, der das alles so geplant hat. Es könnte ja auch sein, dass alles Zufall ist oder die Natur eine Art „Intelligenz“ besitzt. 

Eine Sache gibt es allerdings doch, bei der ich das Gefühl habe, dass sie uns Menschen mit etwas Höherem verbindet: die Liebe. 

Die Liebe ist die einzige Kraft im Universum, die uns weniger auf unsere eigenen Wünsche als auf das Wohl eines anderen Menschen blicken lässt. Das ist das eigentliche Wesen der Liebe: Das Gegenüber steht für uns im Mittelpunkt. Der Liebe geht es nicht um das eigene Wohlbefinden, den Statusgewinn, die Absicherung oder die eigene Versorgung, die mit einer Hochzeit verbunden wären. Die Liebe blendet die eigenen Wünsche aus und richtet sich ganz auf den geliebten Menschen aus. So hält der Philosoph Sören Kierkegaard fest, „dass es die Aufgabe und Forderung der Liebe ist, sich selbst zu verleugnen und diese Selbstliebe der Verliebtheit aufzugeben“. Liebe hat nichts mit dem Gefühl der Verliebtheit zu tun. Sätze wie „ohne sie kann ich nicht leben“ sind letztlich lediglich Ausdruck der Selbstliebe. Wer so denkt, sieht nicht von sich selbst ab. Es geht ihm nicht um die andere Person, sondern nur um sich selbst. Die Liebe, die er empfindet, gilt so gesehen nicht einer anderen Person, sondern nur sich selbst. Er ist der Überzeugung, dass der andere ihn vollkommen macht, ihm ein glückliches Leben ermöglicht. Doch das ist nicht der Sinn der Liebe, sondern bestenfalls ein positiver Nebeneffekt. Glück und Zufriedenheit resultieren zwar aus der Liebe, sind aber nicht ihr Ursprung und ihr Ziel. Liebe ist keine kühle Berechnung. Ich kann nicht sagen: „Na, jetzt verliebe ich mich mal in genau diese Person. Denn die könnte mir noch nützlich sein, mir das Leben erleichtern und mir so dabei helfen, glücklich zu werden.“ Liebe ist immer unverfügbar. Wahre Liebe zielt nicht auf das eigene Wesen, sondern auf das Gegenüber. Wenn es um Glück und Zufriedenheit geht, dann um die des Partners. Liebe hat etwas mit Selbstaufgabe und Fürsorge zu tun. „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Galater 6,2). Das „Gesetz Christi“ meint nichts anderes, als anderen Menschen in Liebe zu begegnen. Johannes führt dazu aus: „Meine Lieben, ich schreibe euch nicht ein neues Gebot, sondern das alte Gebot, das ihr von Anfang an gehabt habt. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt… Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht“ (1. Johannes 2,7ff.).

Kierkegaard findet wundervolle Worte für das Entstehen der Liebe. Er sagt, „dass das Ewige so grosse Gewalt über einen Menschen bekommt, dass die Liebe sich in ihm ewig befestigt oder Herz bildet“. Wenn ein Mensch liebt, gewinnt Gott Gestalt in ihm. Liebe ist das Gefühl, das uns etwas vom Wesen des Göttlichen ahnen lässt. Denn nur dem Liebendem gelingt es, von sich und den eigenen Interessen abzusehen und sich mehr um das Wohl eines anderen Menschen zu sorgen als um sich selbst. Die Liebe erweitert unseren Horizont, lässt uns weiter blicken. Die Liebe ist das beste, was uns passieren kann, denn sie verbindet uns mit dem Göttlichen. Noch einmal Kierkegaard: „Du, der du die Liebe bist, sodass der Liebende ist, was er ist, nur durch das Bleiben in dir!“ Wer liebt, ist mit Gott verbunden. Wer wahrhaft liebt, sieht die Welt mit Gottes Augen und tut das Seine, aus dieser Welt das Beste zu machen. Denn er ist von Gott erfüllt, geht ganz in der Liebe auf. Denn „wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Johannes 16,4). Seine Sicht auf die Welt und sein Handeln verändern sich.

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