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Die eigene Freiheit (für die Beziehung) aufgeben?

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Der Sinn des Lebens besteht darin, sich zu entwickeln, zu sich selbst und damit den Sinn des Lebens zu finden. Das ist zumindest meine Meinung. Das Problem bei der Entwicklung sind wie sooft die anderen Menschen. Denn diese können immer wieder Anstoß an meiner Entwicklung nehmen.
Wenn ich mich dazu entscheide, meine Bedürfnisse klar zu artikulieren: „Ich möchte dir jetzt gerade nicht helfen.“ Klingt das in den Ohren fast aller Menschen irgendwie asozial. „Was ist das nur für ein Mensch, dass er nicht helfen will?“
Ganz ausgefuchste Experten spielen den schwarzen Peter einfach zurück, indem sie mit einer Gegenfrage antworten: „Müssen wir das unbedingt JETZT machen?“ Absolut unehrlich und fies. Denn eigentlich hätten sie klar artikulieren können, dass sie (jetzt) keine Lust haben zu helfen. Doch statt ehrlich auf die eigenen Bedürfnisse hinzuweisen, setzen sie ihr Gegenüber unter Zugzwang. Und natürlich bleibt ihm kaum eine andere Möglichkeit, als zu sagen, dass das Anliegen selbstverständlich nicht umgehend erledigt werden muss. Denn es wäre ja schon wieder asozial, auf Hilfe zu bestehen. Und unser ausgefuchster Mitbürger kann jederzeit darauf verweisen, dass er „ja nur gefragt hat“.
Wir stehen also vor der Frage: Ist es legitim, eigene Interessen offen und zu vertreten, auf dem eigenen Standpunkt zu bestehen und so seine Freiheit auszuleben? Denn die Gegenfrage ist ja nur ein netter Trick, um das Bestehen auf die eigene Freiheit zu kaschieren.

Auf die Frage, inwiefern man seine persönliche Freiheit ausleben darf, hat bereits der Apostel Paulus eine Antwort gegeben:
„Zurück zu unserer Frage: Darf man das Fleisch von Tieren essen, die als Opfer für Götzen dargebracht wurden? Wir wissen ja: Es gibt in der Welt keine Götzen. Und wir wissen: Es gibt keinen Gott außer dem Einen… Aber für uns gilt: Nur einer ist Gott – der Vater. Alles hat in ihm seinen Ursprung, und er ist das Ziel unseres Lebens…
Stell dir vor: Du liegst gerade in einem Götzentempel zu Tisch, wie es ja deiner Einsicht entspricht. Und dabei sieht dich jemand. Wird er dadurch nicht geradezu ermutigt, gegen sein Gewissen zu handeln? Vielleicht nimmt er dann an einem solchen Mahl teil, das er für Götzendienst hält? Dann geht der Unsichere durch deine Einsicht zugrunde – der Bruder, für den Christus gestorben ist. So tut ihr euren Brüdern und Schwestern Unrecht und belastet ihr Gewissen noch mehr. Und damit tut ihr Christus Unrecht. Mein Essen kann also meinen Bruder zu etwas verleiten, was ihn zu Fall bringt. Wenn das so ist, will ich nie wieder Fleisch essen! Denn ich will meinen Bruder nicht zu etwas verleiten, was ihn zu Fall bringt“ (1. Korintherbrief 16,4ff.).
Kurz zusammengefasst: Einige Christen waren der Meinung, dass sie – wie alle anderen Menschen ihrer Zeit auch – in heidnischen Tempeln essen dürften. Das Fleisch dort sei zwar fremden Göttern geweiht. Das sei aber Wurscht, da es ohnehin keine anderen Götter gebe. Paulus stimmt dieser Sicht theoretisch zu: „Ja, da habt ihr recht. Es gibt nur einen Gott.“ Doch zugleich schränkt er die persönliche Freiheit wieder ein: „Dennoch müsst ihr Rücksicht auf die Schwächeren nehmen. Ihr könntet Christen, die euch im Tempel sehen, zu der Annahme verleiten, ihr würdet doch an andere Götter glauben und somit ihren Glauben gefährden. Eure Freiheit hört da auf, wo sie die Weltsicht anderer zu gefährden droht!“
Ich fasse kurz zusammen: Laut Paulus ist es geboten, die eigene Freiheit aufzugeben, wenn sie anderen „gefährlich“ wird. Ich kann das gute nachvollziehen. Wenn ich beispielsweise (fiktives Beispiel und so) mit einem Freund gemeinsam einen schönen Abend verbringen möchte und weiß, dass dieser Freund zu überhöhtem Alkoholkonsum neigt, dann verzichte ich mit Freuden auf meine Freiheit, mir ein kühles Feierabendbierchen zu gönnen. Sonst könnte mein Freund ja in Versuchung geraten, ein Bier nach dem anderen zu trinken.
Vermutlich bin ich in diesem Falle allerdings recht schnell und gerne zum Verzicht auf meine Freiheit bereit, da ich nun nicht gerade ein Biervernichter bin. Keines zu trinken, tut mir nicht weh. Ginge es wie beim „Problem“, das Paulus erörtert um den Verzehr von „Opferfleisch“ – vielmehr Fleisch konnte man im Römischen Reich auch nicht erstehen, – wäre ich schon weniger kompromissbereit. Und überhaupt bin ich nicht dazu bereit, immer und überall auf meine Freiheit zu verzichten, nur weil es irgendjemand in Gewissenskonflikte stürzen könnte.

Ich unterstelle einfach mal, dass dich durch das Ausleben meiner Freiheit keinen Gewissenskonflikt provozieren kann. Derjenige, der Anstoß nimmt, hat unterbewusst bereits zuvor mit sich gerungen. Vielleicht hat er bestimmte Verhaltensmuster auch nur gezeigt, weil er dachte, dass sich das so gehört, „weil das eben alle so machen“. Sicher war er sich zuvor bereits nicht, sonst würde sein Handeln nicht sofort infrage stellen, wenn sich jemand anders verhält. Ich beginne heute ja auch nicht damit, meine Frau zu schlagen, nur weil irgendein Hansel meint, seine persönliche Freiheit bestünde darin, genau das zu tun…
Weiterhin behaupte ich: Sich mit Menschen zu umgeben, die ihre persönliche Freiheit ausleben, stärkt das Selbstbewusstsein und fördert den eigenen Reifungsprozess. 
Wenn andere Freiheit leben, motiviert mich das erstens dazu, auch selbstbestimmt zu leben, mir etwas zuzutrauen und gelegentlich anderen Menschen etwas zuzumuten. Und zweitens ermöglicht gerade ein selbstbewusstes, ehrliches Auftreten offene und konstruktive Kommunikation. Wenn ich weiß, mein Gegenüber ist ehrlich zu mir, dann fällt es mir leichter, auch ehrlich zu sein. Dann kann ich auch mal sagen: „Tut mir leid, ich bin momentan absolut nicht motiviert, mit dir gemeinsam Schränke durch die Gegend zu schleppen. Frag mich einfach morgen noch mal.“

Besonders cool ist es, – diese Erfahrung habe ich zumindest gemacht, – wenn man mit einem selbstbewussten Partner (in meinem Fall Partnerin) verheiratet ist. An einem Partner, der ehrlich zu einem ist und zu den eigenen Bedürfnissen steht und (zumindest gelegentlich) auf seiner Freiheit besteht, kann man selbst wachsen. Ausschließlich, wenn die Partner sich gegenseitig fördern und auch fordern, entwickelt sich die Beziehung und im Idealfall auch jeder Partner weiter. So finden wir immer mehr zu uns selbst. Und das Schönste daran ist, dass wir damit nicht alleine sind, sondern uns zu zweit daran freuen. Last but not least tun Offenheit und Ehrlichkeit auch der Kommunikation der Beziehung gut. Und welcher Ehemann traut sich schon, seine Frau zu fragen: „Muss das unbedingt jetzt sein?“

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