Der Zwang anders zu sein

Der Zwang anders zu sein

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„Wir sind anders als die Andern, auch wenn`s keine Andern gibt“, heisst es in einem Song der Band Die Toten Hosen. Und was soll ich sagen, das ist irgendwie auch so ein bisschen mein Lebensmotto. 

Ja, ich weiss, wer Die Toten Hosen hört ist irgendwie schon Mainstream. Aber ich habe diese und noch strangere Band schon gehört, als die meisten Leute, mit denen ich Kontakt hatte, ganz andere Musik gehört haben. Aufgefallen bin ich durch merkwürdige Frisuren und meinen punkigen Kleidungsstil. In der Schulzeit war ich kein krasser Aussenseiter aber immer ein Sonderling. Das Paradoxe ist, dass ich nicht in diese Rolle gedrängt wurde, sondern sie bewusst gewählt habe. Unwohl habe ich mich dabei nie gefühlt. Ich habe es vielmehr genossen, zu wissen, dass ich anders bin. Irgendwie hatte dieses Bewusstsein für mich einen Mehrwert. Ich war richtig froh zu wissen, dass ich nicht so bin, wie ich anderen unterstellte zu sein.

Aus diesem Grund habe ich mich dann auch zum Theologiestudium entschieden. Wenn man so etwas studiert, muss man ja anders sein, also irgendwie auch bekloppt. Aber mal im Ernst: Damals dachte ich tatsächlich, dass Kirche dazu da ist, um anders zu sein. Man denke an das Engagement für Entrechtete, „sozial Schwache“. 

Ich war zwar kein Bibelcrack, doch irgendwie hatte ich so im Kopf, dass Jesus gerade auf die Ausgegrenzten zugegangen ist, sich um sie gekümmert und in die Gesellschaft zurückgeholt hat. Zumindest hat er ihnen versprochen, dass sie in ihrem Anderssein nicht alleine sind. Gott stellt sich gerade zu den, die anders sind. Dachte ich zumindest in meiner jugendlichen Naivität.

Und so war ich dann überzeugt, dass ich da wohl irgendwann gute Arbeit leisten könnte, weil ich ja auch anders bin. Na ja, bereits im Studium ist mir dann aufgefallen, dass viele andere Studenten anders anders sind als ich. So aus meiner überheblichen Sicht halt irgendwie weltfremd. Das Studium an sich fand ich total spannend, zuweilen hatte ich aber doch das Gefühl, dass die Herren Professoren in irgendeinem Elfenbeinturm leben. Aber das ist bei anderen Studiengängen wohl genauso. Jedenfalls war ich wieder mal anders.

Doch nach dem Studium fiel mir auf, dass die Kirche so ganz anders ist, als ich mir das in meiner Einfalt vorgestellt hatte. Ja klar, dass der „normale Gottesdienst“ eher langweilig ist und von einem Menschen unter 75 kaum besucht wird, das war mir klar, aber dass Kirche so konservativ ist, hat mich dann doch ziemlich erschreckt. Im Vikariat hiess es noch, wir sollten etwas anders machen. Das habe ich mich auch bemüht zu tun, aber bereits in der Ausbildungszeit kam das nicht immer gut an. Einmal habe ich mit Konfirmandeneltern einen Gottesdienst geplant und gestaltet: Zack kam von einem älteren Gemeindeglied scharfe Kritik, man hätte sich in diesem Gottesdienst gar nicht richtig wohlfühlen können und ich solle bloss froh sein, dass er keinen Brief an den Kirchenpräsidenten geschrieben habe. Ja, vermutlich hätten sich die netten Anzugträger in der Kirchenleitung auch wirklich echauffiert: „Bäh moderne Gedanken in der evangelischen Kirche. Also wir haben uns doch schon vor 500 Jahren erneuert. Irgendwann ist ja auch mal gut!“

Und auch als ich mich dann in der Schweiz als Pfarrer versucht habe, wurde mir recht schnell klar, dass man nicht zu alternativ sein sollte. In den Ausschreibungen steht zwar immer drin, man sollte Neues wagen und „alte Zöpfe abschneiden“. Allerdings ist damit wohl gemeint, dass man im Gottesdienst auch einmal ein Lied aus dem Jahr 1890 singen sollte. Das ist dann schon modern genug! Die guten alten Strukturen, die sich wunderbar bewähren und den Kirchenaustritt mit fördern, sollte man nicht antasten. Und zu lebensnah aufzutreten, geht schon mal gar nicht.

(Und ja, ich weiss, dass eine Menge Angestellter der Kirche einen tollen Job machen. Und viele PfarrerInnen sind kreativ. Auf eine Art, die zur Institution Kirche passt. Und das soll nun nicht abwertend klingen. Ich bin halt anders. Doch insgesamt krankt diese Institution schon ziemlich. Und mit dem Zugehen auf andere hat sie so ihre Probleme. Die dürfen ja alles kommen, aber zuvor sollten sie so werden, wie wir sind. Kirche schafft es einfach nicht auch mal anders anders zu sein).

An manchen Stellen mag das Problem auch bei mir liegen. Ich lebe nun einmal davon, anders zu sein. Mein grösstes Problem besteht – so vermute ich zumindest – darin, mich einem System einzufügen. Das bringt logischerweise auch Probleme mit sich. Doch irgendwie ertrage ich diese Herausforderungen lieber, als mich anzupassen. Verrückt!

Vermutlich würde ich auch völlig durchdrehen, wenn ich keinen Ort gefunden hätte, an dem ich mein Anderssein leben könnte. Besonders beglückend waren für mich die Vertretungsstellen an Gymnasien, die ich immer wieder übernehmen durfte. Hier hatte ich immer wieder Möglichkeiten, meine Kreativität zu leben und auch mal etwas anders zu machen. Und manchmal konnte ich sogar ein Lied von Die Toten Hosen (langsam fällt die Schleichwerbung wohl auf…) sinnvoll in den Unterricht einbringen. Sehr cool.

Hinzu kommt selbstverständlich noch meine Tätigkeit als freier Redner. Für mich gibt es nichts Schöneres, als Menschen kennenzulernen und auf kreative Art ihre Liebe zu feiern oder einen würdigen Abschied zu gestalten. Diese Aufgabe setzt in mir ganz viel Energie frei und es freut mich riesig, wenn ich am Ende zum Gelingen eines einzigartigen Tages beitragen oder Trost spenden konnte. Gut, gerade bei Abschieden bin ich manchmal auch ziemlich konventionell, aber das gehört ja zum Anderssein dazu, auch mal von der eigenen Norm abweichen.

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