Der Wohlstand und das Glück

Der Wohlstand und das Glück

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Der Philosoph Arthur Schopenhauer meint, es sei unsere Aufgabe, „die Gegenwart zu geniessen und dies zum Zwecke des Lebens zu machen“. Doch das fällt oft schwer. Ich nehme an, dass ich nicht der Einzige bin, der selbst in den schönsten Augenblicken seine Gedanken in die Zukunft schweifen lässt. Wie schwerfällt es oft, den Moment zu geniessen, ist dieser doch so schnell vorbei. Mit jedem Atemzug eilt man einer ungewissen Zukunft entgegen. Das mindert die Freude, die die Gegenwart bietet.

Warum das so ist, hat der antike Philosoph Epikur in seinem Brief an Menoikeus formuliert: „Darum soll der Jüngling und der Greis philosophieren, der eine, damit er im Alter noch jung bleibe an Gütern durch die Freude am Vergangenen, der andere, damit er gleichzeitig jung und alt sei durch die Furchtlosigkeit vor dem Künftigen.“ Gerade junge Menschen machen sich Sorgen um die Zukunft. Das ist auch verständlich. Gerade in der heutigen Zeit weiss ja niemand, ober morgen noch denselben attraktiven Job ausüben darf. Ich übertreibe etwas, aber in einer globalisierten Welt muss man ja fast fürchten, dass der Arbeitgeber einen morgen in die USA versetzt oder der Job demnächst in ein günstigeres Land outgesourct wird. 

Es ist also die Angst, das gewohnte Leben eventuell auch den liebgewonnen Luxus zu verlieren. Dazu meint der Stoiker Seneca: „Kein anderer ist Gottes würdig, als der, dem der Reichtum gleichgültig geworden ist. Seinen Besitz untersage ich dir nicht; ich will nur bewirken, dass du ihn ohne Furcht vor Verlust besitzen kannst; das wirst du nur auf diese Weise erreichen, wenn du überzeugt bist, dass du auch ohne ihn glücklich leben kannst, wenn du ihn als stets vergänglich ansiehst.“

Wie schwerfällt es dem Menschen doch, das, was er erworben hat, hinter sich zu lassen. Auch ich kann mir kaum vorstellen, auf die Sicherheit eines festen Einkommens und den in meinen Augen geringen Luxus, den wir uns leisten, zu verzichten. Doch was ist der geringe Wohlstand eines Mitteleuropäers wohl in den Augen eines Menschen aus der „dritten Welt“? 

Darauf verzichten möchte ich nicht. Bleibt die Frage, ob die Dinge, die ich geniesse, tatsächlich nötig sind und mein Leben angenehmer machen. „Wie überflüssig manche Dinge sind, merken wir erst, wenn sie auf einmal fehlen“, mahnt Seneca. Worauf man verzichten kann, muss jeder selbst wissen. Ich frage mich selbstkritisch, ob mein Leben tatsächlich weniger lebenswert wäre, wenn ich nicht einmal im Jahr in Urlaub fahren würde. Wäre mein Leben weniger interessant, wenn ich meine Zeit nicht mit der Lektüre merkwürdiger philosophischer Texte verschwenden würde? (Da sagen sowohl Epikur als auch Seneca natürlich nein!)

Doch eines ist mir bewusst, das Leben ist mehr als Geld, mehr als ein guter Kaffee oder ein schönes Wellness-Wochenende. Ich bin schon glücklich, wenn ich meine Familie um mich habe. Und natürlich auch, wenn ich weiss, dass wir nicht verhungern müssen. Ferner ist es für mich entscheidend, das Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles zu tun. Das ist für mich neben der Familienzeit vor allem meine Tätigkeit als Pfarrer und als freier Redner. 

„Wir halten auch die Selbstgenügsamkeit für ein großes Gut, nicht um uns in jedem Falle mit Wenigem zu begnügen, sondern damit wir, wenn wir das Viele nicht haben, mit dem Wenigen auskommen, in der echten Überzeugung, dass jene den Überfluss am süßesten genießen, die seiner am wenigsten bedürfen“, fasst Epikur zusammen.

Da hat der gute Mann recht. Allerdings fürchte ich, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der sich schneller an Wohlstand gewöhnt, als ihm lieb ist und dem es entsprechend schwerfällt, diesen wieder aufzugeben. Wenn ich aber eines aus meiner von Schicksalsschlägen geprägten Geschichte gelernt habe, dann, dass Gesundheit, familiärer Zusammenhalt und wahre Freundschaft das Entscheidende im Leben ist. Alles andere ist nettes Beiwerk, auf das ich inzwischen verzichten kann, auch wenn es manchmal nicht ganz angenehm ist. 

Der grösste Schaden entsteht doch dann, wenn wir unseren Besitz nicht mehr loslassen können, wenn nicht mehr wir unser Hab und Gut besitzen, sondern dieses von uns Besitz ergriffen hat. 

Noch einmal Seneca: „Der Wanderer auf der Strasse kommt einmal ans Ziel, der Irrtum schweift im Grenzenlosen.“ Wer dem Irrtum erliegt, seinen Besitzstand mit Zähnen und Klauen verteidigen oder gar noch ausbauen zu müssen, wird es schwer haben, glücklich zu werden.

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