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Der Tod verändert alles

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Eines haben wir alle gemeinsam: Eines Tages werden wir uns von dieser schönen Welt verabschieden müssen. So weit wir wissen, sind wir Menschen die einzigen Wesen auf dieser Erde, die um ihre Endlichkeit wissen. Und dieses Wissen, so meinen zumindest einige von uns, prägt unser Leben im Diesseits. Manch einer träumt davon, etwas zu erschaffen, das noch spätere Generationen an ihn denken lässt. Und bereits der antike Philosoph Epikur war der Überzeugung, dass die Begrenztheit des Lebens unser Dasein erst lebenswert und genussvoll macht. Denn nur wer weiß, dass es mit ihm irgendwann zu Ende geht, misst dem einzelnen schönen Augenblick Bedeutung bei.
Wir wissen also um unsere Sterblichkeit. Doch was wir nur mutmaßen können, ist, wie es nach dem Leben auf dieser wunderschönen Erde weitergeht. Die Hoffnungen und Ängste, die uns im Hinblick auf das Jenseits tragen bzw. quälen, haben ganz sicher Auswirkungen auf das Leben im Diesseits. Wer beispielsweise glaubt, dass mit dem Tod das Dasein endet, wird frei und fröhlich leben, kein schlechtes Gewissen haben, wenn er mal etwas über die Stränge schlägt und sich am Leben freuen. Der Glaube an einen strengen Richter-Gott hingegen kann einem das Leben schon etwas madigmachen. Ausschweifende Partys? Lieber nicht! 
Ich bin hoffnungsvoll Glaubender: Ich bin davon überzeugt, dass Gott unser aller Leben zu einem guten Ende führen wird. Am Ende werden wir alle mit Gott versöhnt sein und die Ewigkeit genießen. Ich genieße mein Leben und doch frage ich mich gelegentlich, ob das Leben hier auf Erden irgendwelche Konsequenzen mit sich zieht. Irgendwie wäre es doch gerecht, wenn besonders nette Menschen (wie ich) im „Himmel“ belohnt würden. Und noch viel gerechter wäre es, wenn Menschen, die im Hier und Jetzt aufgrund von Krankheit, familiärer Probleme usw. an einem erfüllten Leben gehindert wurden, im Jenseits entschädigt würden. Na ja, das wird Gott schon irgendwie richten.
Viel schwerer wiegt für mich die Frage, ob sich unsere Persönlichkeit verändert, wenn wir zum ewigen Leben erweckt werden. Ich persönlich bin ein sehr nachdenklicher und gelegentlich grüblerischer Mensch. Ich mache mir viele Gedanken. Manchmal hindert mich das auch daran, den Moment zu genießen. Muss ich in Gottes neuer Welt so bleiben?
Noch schwerwiegender erscheint diese Frage allerdings, wenn wir von einem Menschen Abschied nehmen müssen, der sein Leben selbst als völlig verpfuscht angesehen hat oder der allgemein als „merkwürdig“ oder „schräger Vogel“ galt. Was passiert mit all den „Eigenbrötlern“, „Narzissten“ oder auch den Menschen, die aufgrund ihrer Eigenheiten regelmäßig angeeckt sind?
Kurz nach Ende meines Vikariats hatte ich zum ersten Mal das Vergnügen, die Beerdigung eines recht eigenbrötlerischen Menschen übernehmen zu dürfen. Er lebte recht zurückgezogen als „Privatgelehrter“ im Elternhaus. Unter Menschen ging er recht selten. Der einzige regelmäßige Kontakt waren seine Schwester und deren Partnerin. Das Verhältnis war sehr gut. Dennoch empfanden es die beiden Frauen – irgendwie selbstverständlich – als befremdlich, wie der Bruder bzw. Schwager so lebte. Was sollte ich in der Traueransprache nun sagen? 
Einen schönen Text fand ich in 1. Korinther 13,12: „Denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem undeutlichen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, genau wie auch ich erkannt bin.“
Ein schöneres Bild für unser Leben und das, was darüber hinausgeht, kann man kaum zeichnen. Wir erkennen uns selbst und all das, was uns auszeichnet, immer nur bruchstückhaft. Wir sehen uns selbst wie durch einen dunklen Spiegel. Viele unserer Potenziale bleiben in diesem Leben ungenutzt, schlicht und ergreifend, weil wir selbst sie nie entdecken. So vieles wäre uns möglich und wir tun es nicht. Das klingt beim ersten Hören irgendwie schrecklich, doch das ist es nicht. Denn jeder von uns findet in sich selbst Fähigkeiten, die er in diesem Leben anwendet. Doch unser innerer Schatz ist noch viel größer. Wir sind mehr, als wir selbst erahnen. Das empfinde ich als wundervoll. Ich bin so wie ich bin ein einzigartiger und toller Mensch. Doch trotz all meiner Kreativität und all meiner Begabungen kann ich in diesem Leben immer wieder scheitern. Da kann es passieren, dass andere mich nur nach den Zielen, die ich offensichtlich nicht erreicht habe, bewerten. Und wenn ich eher zurückgezogen lebe, dann sehen Menschen nur das. Und ich selbst spüre selbstverständlich, wie die anderen mich bewerten. Ich ziehe mich dann noch mehr zurück. Kurz: Die Bewertungen und Reaktionen anderer sorgen dafür, dass ich mich immer mehr in eine Rolle einfüge, bis ich selbst von mir selbst nur noch ein verzerrtes Bild wahrnehme. Diese Eigen- und Fremdbilder, die ich und andere sich von mir machen, spiegeln allerdings nicht die Realität wieder. In Wirklichkeit bin ich viel mehr. Es ist mir selbst nur nicht bewusst und anderen fällt es nicht auf, weil sie mich erfolgreich in eine Schublade gesteckt haben.
Der Tod befreit mich aus dieser Schublade. Er zerschlägt das verzerrte Spiegelbild. Der Tod ist eine große Befreiung. (Ich möchte damit nicht sagen, dass man den Tod herbeisehnen sollte. Denn das Leben auf dieser Erde ist wunderschön, auch wenn wir uns selbst nie völlig erkennen). Nun öffnet Gott mir die Augen und ich sehe mich selbst, wie Gott mich schon immer gesehen hat. Ich bin nicht nur der Grübler. Ich bin nicht nur der schräge Vogel. Ich bin vielmehr: Ich bin ein geliebtes Kind Gottes. Ich bin einzigartig und wunderbar, ausgestattet mit jeder Menge Begabungen. Mit all dem, was mich auszeichnet, bin ich für die Ewigkeit gemacht. Und in der Ewigkeit werde ich meine Einzigartigkeit, meine Vielseitigkeit nicht nur erkennen, sondern auch einsetzen. Der Tod macht aus mir keinen anderen Menschen, er öffnet mir lediglich die Augen für das, was Gott in mir angelegt hat.

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