Der Tod, die ewige Ruhe

Der Tod, die ewige Ruhe

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Fürchtest du dich vor dem Tod? Blöde Frage. Eigentlich müsste ich fragen, ob du dich vor dem fürchtest, was möglicherweise nach dem Tod kommt. Denn der Tod an sich ist bedeutungslos. Er ist nur ein Übergang. Das Entscheidende ist unsere Vorstellung darüber, was uns nach dem Tod erwarten könnte. Seneca meint daher: „Nicht den Tod fürchten wir, sondern die Vorstellung von ihm. Denn von ihm sind wir immer gleich weit entfernt… Du aber denke immer an den Tod, um ihn nie zu fürchten.“

Ganz nüchtern hält Seneca weiter fest: „Nur eine Kette gibt es, die uns gefesselt hält, die Liebe zum Leben.“ Dahinter steckt die Angst, etwas zu verpassen. Das Problem ist wohl, dass wir mit unserem Leben niemals fertig werden. Jeden Tag gibt es etwas Neues zu tun. Wir haben das Gefühl, dass unsere Lebenszeit zu kurz ist, da wir uns immer wieder neue Ziele setzen. Es mangelt uns auch nie an Aufgaben: Nach Eintritt in die Rente kann man am Haus rumbasteln, die Enkelkinder hüten und endlich die lang ersehnte Weltreise in Angriff nehmen. Wie könnte man auch glücklich sterben, wenn man nicht alles Erhoffte in die Tat umgesetzt hätte. Kurz: Unser Lebenshunger ist unersättlich und doch beendet der Tod unser Leben eines Tages, bevor wir alles umsetzen konnten, was wir uns vorgenommen haben. 

Davon erzählt sehr schön das Märchen „Gevatter Tod“: Ein armer Mann bekommt – welch Glück – den Tod zum Paten. Der Tod meint es gut mit ihm und als sein Patenkind alt genug ist, zeigt er ihm im Wald ein Kraut, das jedem Menschen das Leben erhält. Doch stellt er folgende Bedingung: „Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen: steh ich zu Häupten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er genesen; steh ich aber zu Füßen des Kranken, so ist er mein, und du mußt sagen, alle Hilfe sei umsonst und kein Arzt in der Welt könne ihn retten. Aber hüte dich, daß du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es könnte dir schlimm ergehen!“

Das geht dann auch einige Zeit gut bis der Jüngling, den Tod betrügt und den König heilt, obwohl dieser des Todes ist. Der Tod verzeiht ihm, warnt jedoch eindringlich davor, ihn nochmals zu hintergehen. 

Dummerweise erkrankt nun auch die Tochter des Königs. Aus Sorge um sie verspricht der König sie dem zur Frau, der sie gesund macht. Kurzerhand beschliesst der Arzt, seinen Patenonkel nochmals zu betrügen. Denn er hat im Leben ja noch einiges vor und was könnte da nützlicher sein, als König zu sein.
Doch nun reisst dem Tod der Geduldsfaden, Patenamt hin Patenamt her: „Der Tod, als er sich zum zweitenmal um sein Eigentum betrogen sah, ging mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach: “Es ist aus mit dir, und die Reihe kommt nun an dich,” packte ihn mit seiner eiskalten Hand so hart, daß er nicht widerstehen konnte, und führte ihn in eine unterirdische Höhle… Alsbald sank der Arzt zu Boden und war nun selbst in die Hand des Todes geraten.“

Was kommt nun aber nach dem Tod? Ist die Angst durch den Tod etwas zu verpassen, gerechtfertigt?

Die christliche Hoffnung
Der wohl bedeutendste Theologe für das Abendland, Aurelius Augustinus (354-430), fasst die christliche Hoffnung so zusammen: „Und er selbst, unser Leben, stieg herab und trug unseren Tod und tötete ihn durch die Fülle seines Lebens.“

Kurz zusammengefasst: Die Liebe Gottes zum Menschen ist so gross, dass er den Tod, der uns treffen müsste, auf sich nimmt. In Jesus schenkt er uns Teilhabe am ewigen Leben, das wir in seinem Reich verbringen werden. Im Himmel herrschen Friede, Freude, Eierkuchen. Wir werden dort zufrieden sein, all unsere Sehnsüchte sind gestillt und wir finden zum wahren Menschsein.

All das, was uns im Leben belastet hat, verliert seine Bedeutung. In Gottes Gegenwart wird alles gut, wir finden im ewigen Leben unsere Bestimmung und sind rundum zufrieden. „Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,3-5).

Dabei wird uns nicht langweilig, weil im Himmel ständig Party ist. So sagt Jesus kurz vor seiner Kreuzigung: „Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich“ (Matthäus 26,29). Langeweile herrscht im Himmel also nicht, es wird vielmehr fröhlich gefeiert. Ich persönlich hoffe allerdings, dass auch alkoholfreies Bier serviert wird.

Philosophische Gedanken
Schon Sokrates war sich sicher, „dass sterben und aller Mühen entledigt werden schon das Beste für mich war.“ Wir hängen zwar alle am Leben, doch wenn wir einmal ehrlich sind, ist das Leben nicht immer die pure Freude. Jeden Tag begegnen uns auch Dinge, die uns belasten. Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Auf schöne Momente folgen immer wieder auch Enttäuschungen. Ich bin davon überzeugt, dass das Leben lebenswert ist. Ich möchte keinen Tag missen. „Das schlimmste Übel ist, ausscheiden aus der Schar der Lebendigen, ehe man stirbt“, hält Seneca fest. Und damit hat er recht: Jeder Moment ist einzigartig. Das Leben ist wundervoll. Es zu geniessen ist eine Kunst, die wir jeden Tag aufs Neue erlernen und verbessern müssen. Das ist unsere Aufgabe. Doch letzten Endes wäre es irgendwie auch unbefriedigend, würde das Leben ewig währen. Irgendwann haben wir ausgelernt, sind wie es von biblischen Figuren wie Abraham heisst „alt und lebenssatt“ (1. Mose 25,8). 

Es ist unsere Lebensaufgabe anzuerkennen, dass das Leben endlich ist und dass wir nicht alle Ziele, die wir uns gesteckt haben erreichen werden. Das Wissen, dass unser Leben unvollendet bleiben wird, selbst wenn es 100 Jahre oder länger währt, schenkt Gelassenheit. Wann der Tod uns ereilt, ist für denjenigen, der zufrieden auf das schaut, was bisher war, gleichgültig. Wer das Leben annimmt, wie es kommt, lebt in innerer Ruhe. Und der Tod ist die letzte Schwelle, die er überschreiten muss, um in die ewige Ruhe einzugehen. Noch einmal Seneca: „Der Tod ist die Erlösung von allen Schmerzen und völliges Aufhören; über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus; er versetzt uns wieder in den Zustand der Ruhe.“ Mit der Geburt treten wir in eine hektische, ruhelose Welt ein, mit dem Tod kehren wir in die Ruhe, aus der wir kommen, zurück. „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir. Denn auf dich hin, Gott, hast du uns geschaffen!“, fasst Augustinus zusammen. Der Tod ruft uns in die ewige Ruhe, wie auch immer diese aussehen wird.

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