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Der Segen und die Wechselfälle des Lebens

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Mir kam die wundervolle Aufgabe zu, das Kind eines guten Freundes taufen zu dürfen. Als Taufspruch hatten sich die stolzen Eltern für Psalm 139,9.10 entschieden: „Nähme ich Flügel der Morgenröte, ließe mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich ergreifen.“ Nach meinem Empfinden ein toller Taufspruch, bringt er doch zum Ausdruck, dass Gott uns Menschen auf unserem Lebensweg begleitet und zugleich bringt er zum Ausdruck, dass das Leben trotz dieser Begleitung nicht immer einfach ist. Das mit den Flügeln der Morgenröte klingt ja noch ganz nett und das äußerte Meer erscheint uns heute als romantische Vorstellung. Doch schon in Vers 8 heißt es: „Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.“ D.h. ein Leben kann auch ziemlich schief gehen trotz des Segens, den das neugeborene Kind in der Taufe zugesprochen bekommt, trotz allen Segens den Christen sich immer wieder zusprechen. Warum dann also segnen, wenn dies kein gelingendes Leben garantiert?
In der Bibel gibt es eindrückliche Geschichten, die die Bedeutung des Segens für das eigene Leben illustrieren. Eine dieser Erzählungen ist die von Hagar. Hagar ist eine Sklavin von Abrahams Frau Sarah. Sarah kann selbst keine Kinder bekommen. In ihrer Not kommt sie auf die glorreiche Idee, dass Abraham doch mit Hagar ein Kind zeugen soll, dass sie dann adoptiert. Doch als Hagar dann tatsächlich schwanger wird, wird Sarah eifersüchtig. „Da demütigte Sarah sie, sodass sie vor ihr floh. Aber der Engel des HERRN fand sie bei einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur. Der sprach zu ihr: Hagar, Sarahs Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von Sarah, meiner Herrin, geflohen. Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand. Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können… Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat. Darum nannte sie den Brunnen: Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“ (Genesis 16,6ff.). 
Hagar ist fertig mit ihrem Leben. Sie hat einfach keine Lust mehr und möchte aufgeben. Sie ist ganz unten angekommen. Und erst als sie beschließt, sich nun bei den Toten zu betten, kommt die unerwartete Wende. Ihr erscheint ein Bote Gottes (Engel bedeutet übersetzt Bote), der ihren Blick auf die schönen Seiten des Lebens lenkt. 
Ich habe keine Ahnung, ob da tatsächlich so ein geflügelter junger Mann vor Hagar getreten ist. Ich persönlich habe diese Erfahrung jedenfalls noch nicht gemacht. Doch ich kenne Situationen in meinem Leben, indem mir andere Menschen zu Engeln geworden sind. Vermutlich haben alle Menschen es immer wieder einmal nötig, dass andere sie auf die Wunder dieser Erde und die Schönheit des (eigenen) Lebens hinweisen.
Manchmal muss man auch erst ziemlich auf die Nase fallen, um die Verheißungen des Lebens wieder klar sehen zu können. „Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand. Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der grossen Menge wegen nicht gezählt werden können“, sagt der Engel zu Hagar. Er sagt nicht: „Wird schon wieder. Mach dir keine Sorgen.“ Der Segen Gottes verheißt kein unbeschwertes, in allen Punkten gelingendes Leben. Trotz des Segens und all des Gute, das Hagar erwartet, stehen weiterhin Probleme vor der Tür: Sie wird Sklavin einer herrischen Frau bleiben.
Segen verwirklicht sich nur, wenn man bereit ist, sich auf das Gesegnetsein einzulassen, seine eigene Perspektive zu ändern. Es liegt auch an mir, ob das Glas vor mir halb voll oder halb leer ist. Andererseits wird aus dem halb leeren auch gerade dann ein halb volles Glas, wenn ich die Dimension des Gesegnetseins für mein Leben aktiv bejahe. Es muss ja nicht alles eitel Sonnenschein sein. Das Leben ist auch dann schön, wenn nicht alles wie am Schnürchen läuft. Der Beter der 139. Psalms meint: „Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht“ (Ps 139,11f.). 
Wer sich selbst als gesegnet wahrnimmt, der schaut auf das schöne im Leben. Das heißt nicht, dass er nicht auch unter dem Schwierigen leidet, doch angesichts des gefühlten Segens ist das Belastende leichter zu ertragen. Gott nimmt einen Teil der Last. „Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch“, heißt es in Psalm 68,20. Die schwerste Last besteht vermutlich darin, sich des eigenen Gesegnetseins trotz aller Probleme, die das Leben mit sich bringt, bewusst zu bleiben. Ich gebe offen zu, das fällt auch mir nicht immer leicht. Ich schaue in dunklen Momenten gerne auf das, was ich in meinem Leben als Segen Gottes erfahren habe: Meine Familie, meine Arbeitsstelle und all die schönen Momente mit Freunden. Das alles ist für mich nicht selbstverständlich, sondern Ausdruck des Segens. Ich habe das Gefühl, dass Gott mich auf meinem Lebensweg begleitet und für mich da ist.
Genau dieses Gefühl, dass Gott da ist, schenkt auch Hagar Mut. Als Sklavin leidet sie unter dem Gefühl, nichts wert zu sein. Doch von Gott fühlt sie sich gesehen. „Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.“ Und dieses Angesehenwerden, verleiht Hagar inneren Wert und damit Stärke. Andere Menschen mögen mich und meine Leistungen nicht sehen oder gering schätzen, doch für Gott bin ich ein einmaliger, liebenswerter und besonderer Mensch. Alles, was ich in diesem Leben tue, ist von Wert, weil es für Gott wertvoll ist. Das ist für mich eine wichtige Dimension des Segens: Ich bin in Gottes Augen wertvoll und wundervoll. Was andere Menschen von mir halten, ist zweitrangig. Denn es gibt da jemanden, der mich mag, mich auf Schritt und Tritt durch mein Leben begleitet und auf mich schaut.
Und das ist der Grund, weshalb ich andere Menschen mit Freude segne. Die Handlung des Segnens verdeutlich: Du bist ein einzigartiger, geliebter Mensch. Gott ist mit dir auf dem gesamten Weg deines Lebens, in guten wie in schwierigen Zeiten steht er dir bei.

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