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Der Segen und das Leben

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Der Segen spielt in der christlichen Religion eine wichtige Rolle. Irgendwie hat er etwas mit gelingendem Leben zu tun. An Gottes Segen ist alles gelegen, heißt es im Volksmund. Und wenn man sich im ersten Buch der Bibel umschaut, finden sich dort unheimlich viele Segnungsgeschichten. Ich denke beim Thema Segen direkt an Abraham, den Stammvater Israels. Als alter Mann wandert er aus seinem Heimatland in ein Land, das Gott ihm zeigen wird. Sein Vertrauen in Gott ist groß und eben dieses Vertrauen belohnt Gott mit einem Segen: „Ich will dich zu einem großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen“ (Gen 12,1). Und tatsächlich trifft alles ein, was Gott Abraham versprochen hat. Trotz seines hohen Alters – er ist stolze 100 – wird er noch Vater. Wenn man das so liest, könnte man das Segnen fast als magisches Ritual verstehen. Da bekommt man das Rundum-sorglos-Paket. Wer gesegnet ist, dem kann nichts Schlimmes mehr passieren.
Wäre das bei Abraham so gewesen, könnte ich immerhin noch darauf hinweisen, dass er von Gott höchstpersönlich gesegnet wurde. Doch selbst Abraham hat nach der Segnung weiterhin mit dem Leben zu kämpfen. Es läuft trotz der göttlichen Verheißung nicht alles wie am Schnürchen.
Wieso suchen Menschen dann immer wieder den Segen Gottes? Gesegnet wird im Christentum ja ständig: Die Gemeinde am Ende des Gottesdienstes, das neugeborene Kind in der Taufe, die Ehe bei der kirchlichen Trauung, selbst Verstorbenen wird bei der Beerdigung ein letzter Segen zugesprochen. 
Dabei ist den Brautpaaren durchaus bewusst, dass die Segnung der Ehe ein Scheitern nicht kategorisch ausschließt. Und tief in ihrem Inneren müssen sich auch Eltern eingestehen: Die Segnung unseres kleinen Sonnenscheins garantiert ihm kein sorgenfreies und vor allem langes Leben. 
Warum steht der Segen trotz aller Kritik an Kirche und zunehmender Skepsis gegenüber allem Religiösen weiterhin hoch im Kurs? Vermutlich es gerade mit der Fragilität des Lebens zu tun. Wir alle wissen, dass es in dieser Welt keine letzten Sicherheiten gibt. Und dennoch sehen wir uns nach etwas, das trägt, nach etwas Verlässlichem. 
Was dem eigenen Leben trotz aller Ungewissheit Halt, Zuversicht und Hoffnung verleiht, muss jeder für sich selbst herausfinden. Mir schenkt der Glaube an einen persönlichen Gott die Kraft, mit den Unwägbarkeiten des Lebens zurechtzukommen. Es ist nicht so, dass „der liebe Gott“ mir alle Probleme einfach aus dem Weg räumt, – das wird in der Bibel auch gar nicht versprochen, – doch der Glaube an ihn verleiht dem Leben Sinn oder macht es in manchen Phasen auch schlicht nur erträglich.
Ich glaube, Abraham ging es da auch nicht groß anders. 75 Jahre ist er alt, als er seine Heimat verlässt und Gott ihm Nachkommen und ein gesegnetes Leben verspricht. Doch trotz des Segens und des Vertrauens in Gott läuft es nicht so recht. Ein Sohn stellt sich nicht ein. Die Frau wird zickig. Hinzukommen Hungersnöte, die Abraham inklusive seiner Familie immer wieder dazu zwingen, als Flüchtling in fremden Ländern zu leben. Neben allen Problemen, die man als Flüchtling so allgemein hat, machen auch noch die Herrscher dieser Länder seiner Frau schöne Augen. Na ja, zumindest verhindert Gottes Einschreiten das Schlimmste und Abraham kommt durch seine vielen Abenteuer zu ziemlichem Wohlstand. Doch ob er sich nicht mehr darüber gefreut hätte, ein ruhiges Leben mit seiner treu sorgenden Frau und vielen kleinen Kinderchen zu führen, bleibt dann wohl unserer Fantasie überlassen.
Wie dem auch sei mit 100 Jahren wird Abraham – wie bereits erwähnt – dann endlich Vater. Er hat also 25 Jahre auf die Frucht des Segens warten müssen! Und als ob das noch nicht genug wäre, stellt Gott ihn auch noch auf die Probe und verlangt, dass er seinen Sohn als Opfer darbringt. Erst als Abraham das Messer schon gezückt hat, schreitet Gott ein und meint: „Sorry, war nur ein Test. Hier schlachte das Schaf da drüben. Und nichts für ungut.“ Irgendwie nicht unbedingt lustig. Dennoch kann man aus der Geschichte Abrahams etwas lernen: Der Segen Gottes verwirklicht sich im Leben. Gott räumt nicht alle Hindernisse einfach aus dem Weg. Doch er begleitet uns auf Schritt und Tritt durch unser Leben. Das ist sicher nicht das, was wir uns an vielen Stellen unseres Lebens wünschen und dennoch mehr, als wir erwarten dürfen.
Das klingt nun irgendwie so altklug. Daher möchte ich, nachdem ich Abraham als Autorität ins Feld geführt habe, nun auch noch kurz über mein Leben schreiben: Selbstverständlich habe ich in meinem Leben sehr oft den Segen Gottes zugesprochen bekommen. Als Pfarrerskind bin ich selbstverständlich getauft und war regelmäßig im Kindergottesdienst. Später war ich dann eher ein seltener Gast in der Kirche. Aber der Segen der Kindheit muss ja vorreichen. Dennoch ist auch mein Leben nicht immer nach Plan verlaufen. Ich möchte mich nicht beschweren, aber so richtig leicht habe ich es im Leben nicht. Aber wer hat das schon?
Nachdem ich mich fatalterweise für das Studium der Theologie entschieden hatte. (Was habe ich dem lieben Gott eigentlich angetan, dass er mich in seinen Dienst gerufen hat?) War ja irgendwie klar, wo es hingeht: ins Pfarramt. Da ich mit meinem Schicksal trotz des Segens gehadert habe, bin ich nach dem Vikariat mit meiner Familie erstmal in die Schweiz abgedampft. (Ja, da zeigt sich der Segen: 4 Kinder und alle gesund!) Doch so richtig angekommen sind wir in St. Gallen nie. Es war alles in Ordnung. Doch irgendwie hat uns die Heimat gefehlt. Vermutlich waren wir zu tief verwurzelt, um umgepflanzt werden zu können. Im Gegensatz zu Abraham habe ich mich selbst für den Wechsel des Landes entschieden und doch sind wir nie richtig angekommen. Das wäre ja halb so wild gewesen, hätte ich nicht zunehmend gespürt, dass ich nicht so recht ins Pfarramt passe. Ich bin an sich kein depressiver Mensch, doch diese Erkenntnis hat mir schon ziemlich zugesetzt. Hatte ich doch keine wirklichen Optionen auf einen Berufswechsel, vor allem da ich ja eine Familie zu versorgen hatte. Na ja, das Gegrübel wurde dann glücklicherweise unterbrochen: 2 Jahre der körperlichen Krankheit kamen hinzu. Und nachdem ich einigermaßen wiederhergestellt war, hatte meine Frau so langsam keine Nerven mehr. Die ständigen Abend- und Wochenendtermine des Pfarramts, das ging nicht nur ihr so langsam gegen den Strich. Kurz und gut: Wir haben eine turbulente Zeit durchgemacht. Ich habe gebetet und noch mehr gezweifelt. Doch plötzlich wie aus dem Nichts ergab sich die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren. Über Bekannte wurde uns ein Haus angeboten. Da haben wir gleich zugeschlagen, obwohl ich noch keine Aussicht auf Arbeit in der Heimat hatte. Erst nachdem wir für das Haus zugesagt hatten, machte sich auch meine intensive Arbeitssuche bezahlt: Eine Stelle als Religionslehrer. Besser geht es (für mich) nicht!
Kurz und gut: Mein Lebensweg ist bis jetzt nicht immer gerade verlaufen. Ich habe das Gefühl, viel Täler durchschritten zu haben und zwischenzeitlich hat es mich auch ziemlich auf die Schnauze gehauen. Doch insgesamt bin ich mit meinem Lebensweg zufrieden. Ich habe viele tolle Menschen, die mich immer noch begleiten, obwohl ich zwischenzeitlich sehr viel gemeckert habe. Und vor allem habe ich das Gefühl, dass ich neben meiner wundervollen Familie noch einen anderen Beistand habe, der mich behütet und alle Zeit bei mir ist. Mehr erwarte ich nicht, auch wenn ich mir manchmal mehr wünsche.

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