Das Zentrum des Universums

Das Zentrum des Universums

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Es hilft nichts, es zu leugnen. Ganz tief in uns drin, halten wir alle uns doch für das Zentrum des Universums. Ich kann selbstverständlich wieder einmal nur von mir sprechen. Denn es könnte ja sein, dass alle anderen Menschen viel reflektierter sind als ich. Und vielleicht liegt es auch noch zusätzlich an meinem Theologesein, dass ich meine Sicht auf die Welt für die einzig Richtige halte. Als Pfarrer habe ich mit ganz verschiedenen Menschen zu tun. Manche sind mir sympathisch. Ich kann ihr Handeln relativ gut nachvollziehen. Es erscheint mir einleuchtend, warum sie sich in einer bestimmten Situation auf bestimmte Art und Weise verhalten haben. Hätte ich vermutlich genauso gemacht. Doch andere bleiben mir immer fremd. Ich kann ihre Handlungen zwar logisch nachvollziehen, mir vorstellen, dass das aus ihrer Weltsicht Sinn ergibt. Doch ihre Auffassung der Realität, ihre Werte und ihre Vorstellungen bleiben mir fremd. Sie weichen erheblich von meiner Auffassung ab und die ist ja genau die richtige. Deswegen vertrete ich sie ja auch. Logisch!

Schon der Psychologe C. G. Jung hält fest: „Man setzt instinktiv voraus, dass die eigene seelische Beschaffenheit zugleich eine allgemeine sei, und dass jedermann im Wesentlichen so sei wie jeder andere, respektive wie man selber ist… Es scheint, als ob jeder zu seinem Innern die unmittelbarste, intimste und kompetenteste Beziehung habe, und als ob seine Seele zugleich eine Allgemeinseele sei, die jedem anderen eignet, so dass man ohne Beschwernis den eigenen Tatbestand als eine Allgemeingültigkeit setzt.“

Es ist immer wieder erschreckend zu merken, dass der andere, der mir da gegenübersitzt, tatsächlich anders ist als ich. Da sitzt jemand, der mir innerlich ganz fremd ist. Jemand, der ganz anders tickt und dennoch muss ich mit diesem Menschen irgendwie zurechtkommen. 
Doch genau darum geht es doch im Leben, mit anderen Menschen auszukommen, sie als wertvolle Individuen und als Bereicherung zu betrachten, obwohl sie so anders sind. 

Das möglichst unvoreingenommene Gespräch mit anderen empfinde ich als grosse Bereicherung. Es ist zwar irgendwie gefährlich, da mir in Begegnungen immer wieder aufgeht, dass ich doch nicht das Zentrum des Universums bin. Doch möglicherweise macht mein Gegenüber ja genau dieselbe Erfahrung. 

Ich finde es immer wieder schön, wenn meine kleine Welt auf den Kopf gestellt wird. Denn ganz nüchtern betrachtet bin ich ja auch nur ein Mensch, der sich aufgrund seiner Erfahrung, seiner Gedanken sich seine eigene Realität erschafft. Doch ob diese Realität mit der objektiven Wirklichkeit übereinstimmt, bleibt fraglich. Denn andere Menschen erschaffen sich eine ganz andere Realität, da sie das Leben anders erfahren oder wichtige Ereignisse anders verarbeitet haben.

Ich bin davon überzeugt, dass der Austausch über das Leben und echte Begegnung mit anderen Menschen immer guttut. Oft habe ich Gespräche geführt, in denen es mir „wie Schuppen von den Augen gefallen“ ist, dass meine Sicht auf die Welt nicht die einzig legitime ist. Das erdet mich immer wieder und zeigt mir, wie wundervoll und vielfältig die Schöpfung ist. Sie ist so überwältigend und immer wieder überraschend, dass ein einzelner Mensch – vermutlich die ganze Menschheit – sie nicht in ihrer Fülle erfassen kann. 

Und weil das so ist, kann ich leider auch nicht für mich beanspruchen, das Zentrum dieser Schöpfung zu sein. Schade.

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