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Das Leben ist eitel und ein Haschen nach Wind

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„Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen. Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie dort wieder aufgehe. Der Wind geht nach Süden und dreht sich nach Norden und wieder herum an den Ort, wo er anfing. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, dahin sie fließen, fließen sie immer wieder. Alles Reden ist so voll Mühe, dass niemand damit zu Ende kommt. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört sich niemals satt. Was geschehen ist, ebendas wird hernach sein. Was man getan hat, ebendas tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: »Sieh, das ist neu!« – Es ist längst zuvor auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden“ (Kohelet 1,2-11).

In den Faschingsferien habe ich gemeinsam mit meiner Frau mal etwas im Garten gearbeitet. Gartenarbeit ist die grosse Leidenschaft meiner Frau, also musste ich mit leiden. Ich habe im Nachbardorf Steine abgeholt, in den Garten gekarrt und mitgeholfen, Beete anzulegen. Ehrlich gesagt, mag ich solche Arbeit ja. Aber irgendwie kam mir – und auch meiner Frau – das Schuften sinnlos vor. Das Haus mit dazugehörigem Garten bewohnen wir nur zur Miete. Der Vertrag ist auf 2 Jahre befristet. Irgendwie rackern wir uns ziemlich vergeblich ab. „Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe“? In diesem Fall wirkt die Gartenarbeit, die wir eigentlich gerne leisten, eher als Beschäftigungstherapie. Wir richten Haus und Garten etwas her, dass wir uns wohlfühlen. Doch sobald das Gefühl eintritt, steht vermutlich der nächste Umzug an. „Es ist alles ganz eitel“.

Und wenn ich mir die Welt so betrachte, dann habe ich erst recht das Gefühl, dass die Menschheit in einem ewigen Kreislauf gefangen ist. Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen, dann, dass wir nichts aus der Geschichte lernen. Nach ungefähr 80 Jahren Frieden herrscht wieder Krieg in Europa. Wer hätte das vor wenigen Wochen noch gedacht? „Was geschehen ist, ebendas wird hernach sein. Und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ Das klingt alles nicht sehr erbaulich. Daher machen wir uns mal ein paar Gedanken, warum das Leben dennoch lebenswert sein könnte.

1. Es geht um das eigene Leben
„Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: »Sieh, das ist neu!« – Es ist längst zuvor auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.“ Ja, das deprimiert mich auch manchmal: Da komme ich auf einen scheinbar wundervollen, nahezu genialen Gedanken und dann lese ich kurz darauf in einem Buch von einem viel klügeren Menschen, der genau dasselbe auch schon gedacht und noch dazu in viel schönere Worte gepackt hat. Da könnte ich doch glatt aus der Haut fahren!
Aber wieso eigentlich? An sich ist es völlig unerheblich, ob andere Menschen dieselben Gedanken denken, die auch ich denke oder ob sie in ihrem Leben zu völlig anderen Erkenntnissen kommen. In meinem Leben geht es letztlich darum, dass ich immer mehr zu dem Menschen werde, ich sein könnte. Wie schon Sokrates sagte: „Ein Leben ohne Selbsterforschung verdient nicht gelebt zu werden.“ Und Epikur ergänzt: „Wer jung ist, soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren. Denn für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern.“ Als Theologe habe ich selbstverständlich eine etwas verschrobene Wahrnehmung der Wirklichkeit. Doch ich bin der Überzeugung, dass genau das unsere Aufgabe als Mensch ist: Uns selbst erforschen, herausfinden, was uns ausmacht und so aus unserem Leben das beste machen.

Dabei ist es völlig unerheblich, was andere Menschen denken. Es könnte ja sogar die Richtigkeit unserer Gedanken bestätigen, dass andere auf ähnliche Gedanken kommen wie wir selbst. Es liegt wohl im Wesen des Menschen, dass wir seit Jahrtausenden ähnliche Gedanken verfolgen und es nichts Neues unter der Sonne gibt.

2. Selbstrelativierung schützt vor Überheblichkeit
Ich halte mich selbst ja für den Nabel der Welt. Das habe ich wohl mit fast jedem Exemplar der Gattung Homo sapiens gemein. Vermutlich würde ich gar zu überheblich, wenn ich mich nicht gelegentlich freiwillig mit solch klugen Menschen wie Kohelet konfrontieren würde. Das erdet dann schon ein bisschen. Und manchmal lese ich dann noch bei meinen geliebten antiken Philosophen. Und da meint ein gewisser Epiktet – vermutlich war der auch noch klüger als ich – doch tatsächlich: „Selbst, wenn einige Menschen dich für etwas Besonderes halten, solltest du dir misstrauen.“ 
Ich möchte diese Misstrauen in das eigene Wesen nur nicht zur Perfektion treiben, sonst stürzt mich das vermutlich in eine Depression. Doch eine gewisse Skepsis gegenüber den eigenen Fähigkeiten ist teilweise schon angebracht. Natürlich mag ich es, wenn ich für meine geistreichen Predigten oder meine persönlich und liebevoll gestalteten Trauungen gelobt werde. Und besonders geschmeichelt fühle ich, wenn mir mein Gesprächspartner versichert, dass ihm durch unseren Dialog ganz neue Gedanken gekommen seien und ich ihm genau die richtigen Fragen gestellt hätte. Mein Gott, ich bin schon ein arroganter Fatzke. Doch wenn ich in mich gehe, dann wird mir immer wieder bewusst, dass ich vermutlich doch nicht der genialste Mensch der Welt bin. 

Ich bin froh, dass der liebe Gott mich mit einigen Gaben beschenkt hat, doch jeder Mensch hat Begabungen. Ich bin froh, dass ich zumindest einige Begabungen entdeckt habe und fördere, doch in aller Bescheidenheit muss ich mir dabei immer wieder eingestehen, dass ich die Welt noch nicht revolutioniert habe. Es ist traurig, aber wahr, vermutlich könnte diese Welt auch ohne mich existieren. Und das ist doch irgendwie auch schön…

3. Demut bereitet Freude
„Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“ Nun könnte ich mich ja fast dazu verleiten lassen, zu sagen, dass man dann im Leben ja einfach die Sau rauslassen kann. In ein paar Jahren denkt ja niemand mehr daran. Doch das würde wohl etwas kurz greifen. Denn „glücklich zu sein bedeutet, zu spüren, dass man auf dem richtigen Weg ist (Jorge Bucay).

Und ich denke, dass man dann auf dem richtigen Weg ist, wenn man in Demut anerkennt, dass das, was man tut, in erster Linie für einen selbst von Bedeutung ist. Wenn ich mit meiner Frau den Garten beackere, obwohl ich weiss, dass wir uns nicht lange an dem Werk unserer Hände werden erfreuen können, dann kann ich diese dennoch mit Elan angehen. Ich schufte nicht, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen oder mir ein Denkmal zu setzen, das mein kurzes irdisches Leben überdauern wird, sondern ich tue es, um abends das Gefühl zu haben, meine Zeit sinnvoll verbracht zu haben. Sinnvoll war die Arbeit vielleicht, weil ich ihr gemeinsam mit meiner Frau nachgegangen bin, vielleicht aber auch, weil ich zumindest diesen Sommer leckeres Gemüse aus dem Garten geniessen darf. Vorausgesetzt, es gibt in Rheinhausen nicht so viele gefrässige Nacktschnecken – Tod und Verderben allen Angehörigen dieser widerlichen Spezies! – wie in Wittenbach. 
Ich bin mir bewusst, dass ich der Nachwelt aller Wahrscheinlichkeit nach kein Vermächtnis hinterlassen werde, das diese pflegen wird. Doch in aller Demut glaube ich, dass jede Tat ihren Lohn in sich selbst hat, wenn ich selbst ihr Sinn zuschreibe. Und wer weiss, vielleicht hat meine innere Haltung, die sich hoffentlich gelegentlich auch in meinem Handeln niederschlägt, zumindest Auswirkung auf Menschen in meiner Umgebung – meine Kinder beispielsweise – und hilft ihnen dabei, sich ebenfalls Gedanken über das eigene Leben zu machen. Nicht dass alle so werden sollten wie ich, doch wenn sie durch mich auf die Idee kommen, ihr eigenes Leben zu reflektieren und dann ganz anders und besser werden als ich, wäre doch schon etwas gewonnen. So zitiere ich zum Abschluss, da ich selbst es nicht besser sagen könnte, noch Seneca: „Handeln lehrt die Philosophie nicht reden, und die verlangt sie, dass jeder nach seinem eigenen Grundsatz lebe, dass das Leben nicht im Widerspruch steht zur Rede oder gar zu sich selbst, dass es eine einheitliche Färbung aller Handlungen gebe.“

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