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Bin ich ein Misanthrop?

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Kennst du auch dieses Gefühl, von der gesamten Menschheit angenervt zu sein? Ich hatte das neulich mal wieder. Momentan stürzen diese negativen Nachrichten ja täglich auf einen ein: „Gasumlage – Über 500€ Mehrkosten für Familien“, „Irgendein Idiot beschießt Atomkraftwerk in Ukraine“, „Inflation brich nächsten Rekord“. Das ist ja schon schlimm genug. Doch wenn man dann noch in die Niederungen der Menschheit hinabsteigt und tatsächlich einmal Bahn fährt, dann ist es ja ganz aus. 
Ich saß so ganz friedlich im Zug, als ich mit halbem Ohr wieder einmal Zeuge einer wunderbaren Diskussion wurde. Anscheinend wurde gerade ein netter Fahrgast darauf angesprochen, dass im ÖV Maskenpflicht herrscht. „Sie lassen sich wohl alles vom Staat vorschreiben? Nutzen Sie doch endlich mal ihren Kopf. Der ist zum Denken da! …“ 
Und ich dachte nur so: Warum regt dieser Mann sich nicht über etwas wirklich Dramatisches auf? Warum demonstriert er nicht gegen Lindners geniale „Entlastungsmaßnahmen“. Oder noch besser: Der gute Mann könnte sich ja auch konstruktiv einbringen und sich um sozial Benachteiligte Menschen kümmern oder sich für den Umweltschutz einsetzen. Aber nein. Er verschwendet seine Energie drauf, sich über die Hygieneregeln im ÖV aufzuregen. Zum Glück haben wir keine anderen Probleme.
Zu Hause angekommen, sagte ich zu meiner Frau, dass ich mir überlegt hätte, mich irgendwo in eine kleine Wohnung zurückzuziehen und meine Zeit mit Philosophieren und dem Verfassen theologischer Traktate zu verbringen. Der Antrag wurde abgelehnt.
Nun las ich kurz darauf mal wieder in den Briefen Senecas und stieß auf folgende Stelle: „Du fragst mich, was man im Leben auf jeden Fall meiden sollte, und ich antworte Dir, ohne auch nur einen Moment zu zögern: die Menschenmenge… Der Umgang mit der Menge schadet meiner körperlichen Verfassung; keiner, der uns nicht seine Ansichten und Meinungen empfiehlt oder aufdrängt oder sie uns nichts ahnend anhängt… Habgieriger kehre ich nach Hause zurück, ehrgeiziger, ja, grausamer und unmenschlicher, weil ich unter den Menschen gewesen bin.“
Nun völlig davon überzeugt, dass nur Misanthropen gute Menschen sein können, ging ich zu meiner Frau und las ihr die Passage vor. Sie stimmte immerhin so weit zu, dass man schon aufpassen müsse, dass man sich nicht leichthin beschwatzen lasse. Und es sei sicher nicht alles förderlich, was man in der großen weiten Welt so sähe. ABER wer einen gefestigten Charakter hat, so meine Frau, der lässt sich von der Meinung anderer Menschen nicht einfach verderben. Und außerdem seien diese antiken Philosophen sowieso ziemlich eigen. Meine Frau hält sie schlichtweg für arbeitsfaule Schwätzer, die anderen von oben herab erklären, was gut und richtig ist. Das fiele ihnen auch recht leicht, da sie selbst in Wohlstand leben würden. Kurz: Sie gehören zur Oberschicht, die das wahre Leben nicht kennt!

Ich bewegte ihre weisen Worte in meinem Herzen. Und irgendwie hat meine Frau ja recht. Seneca war ein sehr wohlhabender Mann. Und ob er ethisch so vortrefflich war, wie er in seinen Briefen vorgibt, kann bezweifelt werden. Und viele seiner klugen Ratschläge sind schlicht hübsch formulierte Binsenweisheiten. Aber hat er nicht dennoch recht? Ist es nicht besser, sich vom üblen Einfluss anderer abzuschirmen? Ich könnte mir gut vorstellen, für mich alleine in einer Wohnung zu sitzen und vor mich hin zu philosophieren und irgendwann, wenn ich mal Zeit habe, ein hübsches Büchlein zu veröffentlichen, das dann niemand liest. Ignoranten!
Als ich diese Gedanken so in meinem Herzen bewegte, fiel mir allerdings auf, dass ich mich dabei selbst erhöhte. Wenn ich mich zurückziehe, weil alle (oder zumindest fast alle) anderen Menschen schlecht sind, dann wäre ich ja der einzig gute Mensch. Das wäre zwar möglich, aber wohl doch unwahrscheinlich. Wer weiß, vielleicht unterhalte ich mich ja mit einem sehr schlechten Menschen, wenn ich in Selbstgespräche versinke. Und dann wären all meine hochtrabenden Gedanken auch nicht der Hit.
Als ich so weiter sinnierte, kam mir noch ein weiterer Gedanke: Ist es nicht gerade zu unverantwortlich, die Menschheit den Ignoranten zu überlassen. Ich bin ja sehr tolerant, aber ich glaube nicht, dass es zur Toleranz dazugehört, jegliche Intoleranz und Idiotie stehen zu lassen. Die Welt wird niemals besser, wenn diejenigen, die zumindest einigermaßen reflektiert sind, sich zurückziehen und sich nicht mehr einmischen.
Ich glaube, dass wir diese Welt nur verändern können, wenn wir uns aktiv in diese Welt einmischen. Und sich einmischen bedeutet immer wieder anzuecken. Das kann ich inzwischen ganz gut. Neulich wurde ich wieder Zeuge eines Konvents der intellektuellen Elite Deutschlands. Am Café vor einem Supermarkt sassen einige aufgeregt diskutierende Bürger. Sie waren höchst besorgt über die aktuellen Entwicklungen in Deutschland. Selbstredend waren die Schuldigen auch rasch identifiziert: Die Grünen! „Die machen alles kaputt, die Grünen!“, meinte ein älterer Herr. „Ja wohl“, stimmt ein anderer zu, „die zerstören alles!“ Und eine Frau ergänzte: „Ich verstehe diese jungen Leute nicht, die die wählen!“ „Richtig!“, stimmte ich zu, „ich kann das auch nicht verstehen. Die regieren ja absolut willkürlich: Laufzeit für Kohlekraftwerke verlängern, Gas kaufen in KATAR. Und für den Umweltschutz machen sie auch nichts. Da kann ich auch gleich CDU wählen!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ich ins Geschäft. Vermutlich habe ich mal wieder nicht viel verändert, doch vielleicht habe ich diese illustre Truppe doch etwas verblüfft und zum Nachdenken angeregt. Mehr möchte ich auch nicht. Nicht alles, was ich sage, ist ganz ernst gemeint, doch es soll zum Nachdenken anregen. Denn ich bin davon überzeugt, dass sich die Menschheit, die das Schicksal dieser Erde in Händen hält, nur dann weiterentwickelt, wenn jeder Einzelne von uns sich und sein Handeln immer wieder kritisch selbst hinterfragt.
Jesus sagte einmal, als er gefragt wurde, ob er nicht im Dienste des Teufels als diese Wunder vollbringe, dass dies nicht möglich sei. Denn wenn die Dämonen sich gegenseitig bekämpften, würde das ihre eigene Herrschaft gefährden. Und er fährt fort: „Wenn ich die Dämonen nun aber durch Gottes Finger austreibe, dann ist doch das Reich Gottes zu euch gekommen“ (Lk 11,20).
Es liegt wohl nicht in unserer Macht, das Reich Gottes auf Erden zu errichten. Es wäre wohl auch schon zu hoch gegriffen, diesem Zustand ganz nahezukommen. Doch eine bessere Welt ist allemal möglich, wenn wir alle uns etwas am Riemen reißen und uns für diese Welt einsetzen. Ich möchte mich nun nicht mit Jesus vergleichen, doch möglicherweise ist es gar nicht so verkehrt, gelegentlich etwas Ironie in merkwürdige Situationen einzubringen.
Ich fasse kurz zusammen: Ich werde mich voraussichtlich nicht in die Abgeschiedenheit zurückziehen. Denn auf Dauer würde mir sicher langweilig, wenn ich die Menschheit nicht an meinen Überlegungen teilhaben lassen könnte. Vermutlich bin ich ein besserer Misanthrop, wenn ich auch mal unter Menschen komme. 
Letzten Endes geht es als darum, den Spieß umzudrehen: Lass dich nicht von der Mass verändern, sondern verändere die Masse und wenn es nicht zu pathetisch wäre, würde ich nun hinzufügen: Und verändere dadurch die Welt (hoffentlich zum Guten).

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