Aus der Sterblichkeit leben

Aus der Sterblichkeit leben

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Der November zeigt sich dieses Jahr am Bodensee von seiner besten Seite: Nass, grau, nebelig. Da kommen mir als Theologe natürlich wieder so merkwürdige Gedanken. Jetzt haben wir ja auch gerade noch den Totensonntag gefeiert. Darf man da überhaupt von feiern sprechen?
Egal, jedenfalls habe ich mich wieder einmal gefragt, was der Tod mit meinem schönen Leben im Diesseits zu tun hat. Welche Auswirkung hat das Wissen, dass ich eines Tages von dieser wundervollen Erde werde Abschied nehmen müssen auf mein Handeln. Ich bin ganz ehrlich: Bis jetzt noch gar keine. Aber Wissen will ja genutzt werden und von daher wäre es ja schön, wenn diese für einen Menschen banale Erkenntnis sich in meinem Handeln niederschlagen würde.

Und tatsächlich habe ich auch einen klugen Philosophen gefunden, der etwas zu dem Thema zu sagen weiss. Sören Kierkegaard kommt zu der Erkenntnis: „Und wenn im Tode der Vorhang gefallen ist vor der Bühne der Wirklichkeit … so werden sie auch alle eins, sie sind Menschen, und sind alle das, was sie wesentlich waren, was du nicht sahst aufgrund der Verschiedenheit, die du sahst: sie sind Menschen“.

„Gleich und gleich gesellt sich gern“, sagt schon der Volksmund. Und da müssen wir gar nicht gross diskutieren, wir Menschen suchen uns Menschen, die zumindest ähnlich ticken wie wir selbst. Wenn ich mich abends mit einem Kollegen auf ein alkoholfreies Bier treffe, dann wähle ich mir einen aus, mit dem ich mich fröhlich unterhalten kann, ohne dabei auf jedes Wort achten zu müssen. Da nehme ich einen mit, der mir ähnlich ist: so einen linksversifften Öko-Christen oder so. Am besten natürlich noch jemanden, der sich für Umweltschutz und Philosophie interessiert. Und natürlich sollte er nicht deutlich mehr Ahnung von der Materie haben als ich, sonst wird das Ganze nervig!

Das klingt jetzt noch ganz lustig. Vermutlich stört es den schick gekleideten Wirtschaftsökonomen auch nicht sonderlich, dass er mit mir kein Bier trinken muss. Er ist gewissermassen froh, dass ich ihn ausgrenze. Doch ziemlich unschön ist es für Menschen, die von der gesamten Gesellschaft ausgegrenzt werden. Und wir grenzen ständig aus: Die junge Frau, die nun schon das dritte Kind von einem unbekannten Vater bekommt, den schäbig angezogenen Obdachlosen oder – sind wir mal ganz ehrlich – auch andere Menschen, die uns sogar Freundschaft anbieten und die wir aus welchen Gründen auch immer nicht wollen. Ständig grenzen wir uns ab. Und da hat Kierkegaard recht, wir tun dies einzig und allein aufgrund der Verschiedenheit. Wir können einfach nicht damit umgehen, dass andere Menschen anders sind als wir. Da fällt es uns verdammt schwer, empathisch zu sein und etwas Toleranz oder, um es christlich auszudrücken, Nächstenliebe zu zeigen. 

Die andern sind ja auch selbst schuld, dass sie so anders sind und einen völlig falschen Blick auf die Welt haben. Niemand muss in diesem Land auf der Strasse leben, würd er doch einfach… Aufgrund unseres guten Bildungssystems müsste doch jeder wissen, wie wichtig Umweltschutz ist. Deutlicher als durch das Fahren eines SUV kann man seine Asozialität ja nun wirklich nicht zur Schau stellen usw. und sofort. Wir sind schlicht und ergreifend nicht dazu in der Lage, von unserer eigenen Weltsicht abzurücken. Anstatt zu fragen, welche (guten) Gründe hat mein Gegenüber, die Welt so zu sehen, wie es sie sieht, setzen wir unsere Auffassung über die Dinge absolut. Dabei vergessen wir, dass wir so sind, wie wir sind, da wir aufgrund von Erziehung, Erfahrung usw. uns selbst eine bestimmte (und defizitäre) Sicht auf die Welt angeeignet haben. 

Der Philosoph Epiktet drückt es so aus: „Deine Aufgabe (im Leben) besteht darin, die dir zugedachte Rolle hervorragend zu spielen; sie auszuwählen jedoch steht einem anderen zu.“ Das, was wir in diesem Leben tun, ist lediglich das Spielen einer Rolle oder wie Kierkegaard es ausdrückt, das Tragen einer Verkleidung. Hinter der Rolle, unter dem Kostüm steckt immer ein Mensch. Das erkennen wir, meint Kierkegaard, im Moment des Todes. Der Tod macht uns alle gleich. Egal, welche Rolle wir in diesem Leben gespielt haben, am Ende stehen wir ganz einfach als Mensch da. Und wenn wir alle einfach Menschen sind, dann gibt es letzten Endes kaum Unterschiede zwischen uns. Unsere Aufgabe ist es, unsere Mitmenschen anzunehmen, sie so zu akzeptieren, wie sie sind. „Soll man jedoch in Wahrheit den Nächsten lieben, so muss man sich in jedem Augenblick daran erinnern, dass die Verschiedenheit eine Verkleidung ist“, schliesst Kierkegaard. 

Das Wissen um unsere Endlichkeit und die Erkenntnis, dass wir alle ausschliesslich Menschen sind, hilft uns dabei, tolerant zu sein, unsere Mitmenschen zu akzeptieren, unseren Nächsten (und das ist jeder Mensch) zu lieben. 

Mir zumindest tut es gut, mir immer wieder zu sagen, dass wir eines Tages alle sterben werden und dann, wenn wir von der Bühne des Lebens abgetreten sind, als Menschen vor Gott stehen werden. Dann zählt nicht mehr, welche Rolle wir gespielt haben, ob wir ein Obdachloser, ein von allen geliebter Pfarrer oder ein Personalverantwortlicher waren. Dieses Wissen hilft mir dabei, offen auf andere Menschen zuzugehen, egal wie sie aussehen, egal was sie „sind“. Auch wenn ich es dabei vermutlich niemals zur Perfektion bringen werde. Ich bleibe zumindest dran…

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