Das Ich und Ich

Das Ich und Ich

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„Also flieht vor sich selbst beständig ein jeder. Aber was nützt das Fliehen? Kann man sich selbst doch nicht entfliehen, das Ich geht überall mit hin, der lästige Begleiter“, sagt der Philosoph Seneca. Und er hat recht. Ich nehme mich selbst überall hin mit, egal wo ich hingehe. Wenn ich zum Workoholismus neige, nützt mir ein Stellenwechsel nichts. Ich werde auch am neuen Arbeitsplatz wieder jede Menge Arbeit entdecken, die ich sofort erledigen muss. Wenn ich zur Unordentlichkeit neige, bringt mich ein Umzug nicht weiter.

Doch gilt das immer und überall? Kann ich mich nicht ändern und schon gar nicht das, was wir als Charaktereigenschaften bezeichnen? 
Diese Vorstellung empfinde ich als schrecklich. Mein Leben wäre ja von vornherein festgeschrieben. Und noch schlimmer: Ich könnte das Leben anderer Menschen festschreiben. Beim ersten Wutausbruch meines Sohnes könnte ich sagen: „Ja, der ist eben jähzornig. Da kann man nichts machen.“ Und das Schlimme ist, dass ich mit allem was ich tue, meinem Sohn unbewusst unterstelle, dass er eben ein jähzorniger Typ ist. Und so wird sich mein mit einiger Wahrscheinlichkeit Sohn tatsächlich zu einem Menschen entwickeln, der wegen Kleinigkeiten ausflippt.

Und genau das passiert in jeder Erziehung. Kinder orientieren sich daran, wie ihre Eltern sich verhalten und auch an dem, was ihre Eltern zu ihnen sagen, wie sie das Verhalten des Kindes bewerten usw. Und so kommt es dann tatsächlich dazu, dass viele Jahre später die Ehefrau mit einer gewissen Berechtigung zu ihrem Mann sagt: „Da höre ich wieder deine Mutter sprechen.“ Merkwürdigerweise hören Frauen auch nur dann ihre Schwiegermutter, wenn der Mann ihrer Meinung nach etwas Unangebrachtes sagt.

Muss das so bleiben? Muss ich auch mit 50 oder gar 80 Jahren so reden und handeln, wie meine Eltern es taten oder von mir erwartet haben? Der Psychologe Carls Rogers beruhigt mich da etwas:„Wenn ich mich so, wie ich bin, akzeptiere, dann ändere ich mich.“ 
Das finde ich interessant. Zuerst einmal muss ich mich dazu überwinden, zu mir selbst ja zu sagen. Ich muss mich nicht für grandios halten, doch ich sollte mich annehmen. Das bin ich. In manchen Situationen reagiere ich wie mein Vater. Das ist einfach so. In manchen Lebenslagen ist das sehr hilfreich, in anderen eher hinderlich. 

Und erst wenn ich akzeptiert habe, dass ich so bin, wie ich bin, kann ich mich ändern. Ich beginne damit, mein Leben, meine Charaktereigenschaften zu reflektieren. D.h. nun nicht, dass ich von jetzt auf nachher der geduldigste Mensch werde, wenn ich bis jetzt zur Ruhelosigkeit geneigt habe. Doch ich kann an mir selbst arbeiten. Und die Akzeptanz, dass ich derzeit noch nicht die Ruhe selbst bin und das auch nie werden muss, die helfen mir dabei, ja zu mir zu sagen und so etwas mehr zur inneren Ruhe zu finden.

Der Glaube daran, dass ich mich selbst ändern kann, ist übrigens nichts von Rogers erfunden worden. Nicht alle antiken Philosophien und Religionen gingen davon aus, dass man sich selbst nicht entfliehen kann. So schreibt Petrus an die christlichen Gemeinden:

„Hört also auf mit aller Bosheit und allem Betrug, mit Heuchelei, Neid und aller üblen Nachrede. Wie neugeborene Kinder nach Milch schreien, sollt ihr nach dem echten Wort verlangen. Dadurch wachst ihr im Glauben heran, sodass ihr gerettet werdet. Denn ihr habt ja bereits schmecken dürfen, wie gut der Herr ist… Ihr seid das erwählte Volk: eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, eine Gemeinschaft, die in besonderer Weise zu Gott gehört. Denn ihr sollt die großen Taten Gottes verkünden. Er hat euch nämlich aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen. Ihr, die ihr früher nicht sein Volk wart, seid jetzt Gottes eigenes Volk. Ihr, die ihr früher kein Erbarmen fandet, erfahrt jetzt seine Barmherzigkeit“ (1Petr 2,1ff.).

Auch Petrus geht davon aus, dass wir uns ändern können. Das, was uns an uns selbst stört, können wir ablegen. Über Rogers hinausgehend führt Petrus dabei eine weitere unterstützende Instanz ein: Den Geist Gottes. Gottes Geist wirkt in denen, die an Gottes Liebe glauben. Ich persönlich empfinde das als entlastend. Ich traue der menschlichen Psyche eine Menge zu. Und ich denke, dass ich durch Akzeptanz und Selbstreflexion viel an mir verändern kann. Doch ein bisschen Unterstützung von Aussen kann wohl nicht schaden. Ich glaube, dass wir durch Gottes Geist mit dem Schöpfer verbunden sind. Und ich glaube, dass wir ihm so wichtig sind, dass er uns wichtige Impulse gibt, was die Selbstreflexion und -annahme anbelangt. Er hat uns in sein Licht berufen, das uns dabei hilft, selbst unsere dunkelsten Ecken zu durchleuchten und uns zu verändern. Seine Liebe verändert uns. Gerade weil Gott uns nicht festlegt, sondern uns jeden Tag eine neue Chance gibt, sind wir in der Lage, uns zu verändern.

Indem wir uns selbst annehmen, werden wir „ein heiliges Volk, eine Gemeinschaft, die in besonderer Weise zu Gott gehört“. Das Wissen um das Angenommensein durch Gott unterstützt die Selbstannahme. Und vor allem hilft es dabei, andere Menschen so anzunehmen, wie sie sind und ihnen so dabei zu helfen, sich selbst anzunehmen und sich, insofern sie das möchten, zu verändern.

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