Das Geschenk der Sterblichkeit

Das Geschenk der Sterblichkeit

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„Die Hölle, das sind die anderen“, sagt der Philosoph Jean-Paul Satre und er ist nicht der Erste, der das feststellt. Ja, wie einfach wäre doch das Leben, wenn es die blöden Nachbarn und all die anderen unliebsamen Mitbürger nicht gäbe.

Gelegentlich höre ich von christlich sozialisierten Menschen, dass das bei Gläubigen ja nicht so sei. Da gelte das Gebot der Nächstenliebe. Doch wenn ich ganz ehrlich bin, sehe ich, was die Streitereien, die Rechthaberei und das Nachtragen anbelangt, keinen Unterschied zwischen Frommen und Agnostikern. Und mit diesem Eindruck bin ich nicht alleine. Bereits Petrus schreibt an die Christen seiner Zeit:

„Indem ihr der Wahrheit gehorsam gefolgt seid, habt ihr euch im Innersten gereinigt. Dadurch seid ihr fähig geworden, eure Brüder und Schwestern aufrichtig zu lieben. Hört also nicht auf, einander aus reinem Herzen zu lieben. Ihr seid doch neu geboren worden – nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen: durch das Wort Gottes, das lebendig ist und für immer bleibt. Denn es heißt: »Alle Menschen sind wie Gras. Und ihre ganze Herrlichkeit ist wie eine Wiesenblume. Das Gras verdorrt und die Blume verwelkt. Aber das Wort des Herrn bleibt für alle Zeit. «Es ist dieses Wort, das euch als Gute Nachricht verkündet worden ist“ (1Petr 1,22-25).

Aus dem Schreiben des Petrus schliesse ich: Es war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen in den frühen christlichen Gemeinden. Denn wenn sich alle liebgehabt hätten, hätte Petrus sie nicht daran erinnern müssen, dass sich Christen zu vertragen haben. 

Istzustand: Streit gab es schon immer und wird es auch immer geben, egal was der Mensch glaubt. Mit diesem Umstand möchte Petrus sich allerdings nicht zufriedengeben. Interessant finde ich seine Argumentation: „Bedenkt, dass ihr irgendwann sterben werdet. Das Wort Gottes, das euch verkündet wurde, bleibt für immer. Das ist die gute Nachricht.“

Unser Leben ist endlich. Das bedeutet, dass am Ende alles relativ ist. Aus dieser Sicht scheint es sinnvoll, sich regelmässig zu fragen, ob es sich überhaupt lohnt, sich aufzuregen und zu streiten. 

Gott hat uns dieses vergängliche Leben geschenkt, dass wir zu einer ansehnlichen Wiesenblume heranwachsen. Es ist nun unsere Entscheidung, ob wir unsere Energie in die Ausbildung einer hübschen Blüte investieren oder ob wir uns lieber darüber ärgern, dass es noch weitere Blumen gibt, die anders aussehen als wir und ebenfalls Platz auf dem weiten Feld Gottes für sich beanspruchen. 

So rät auch der Prediger des Alten Testaments: „Auf, iss mit Freuden dein Brot und trink fröhlich deinen Wein! Denn Gott gefällt schon lange, was du tust. Jederzeit trage festliche Kleider und spar nicht mit duftendem Öl auf deinem Haar! Genieße das Leben mit einer Frau, die du liebst! So verbringe alle Tage deines vergänglichen Lebens, die Gott dir unter der Sonne schenkt – alle Tage, die nur ein Windhauch sind. Ja, das ist dein Anteil am Leben und an deiner Arbeit, mit der du dich unter der Sonne abmühst“ (Koh 9,7ff.).

Es geht darum, das Leben zu geniessen. Denn unsere Tage sind gezählt. Wir können keinen einzigen Tag zurückholen. Wir können die Spanne unseres Lebens um keinen Tag verlängern, so sehr wir uns auch bemühen. Vielmehr betrügen wir uns selbst um unsere Lebensfreude, wenn wir uns tagtäglich über andere aufregen. 

Das Leben hat schon genug Mühen. Ist es da wirklich den Aufwand wert, sich mit seinen Mitmenschen zu streiten, sich darüber zu ärgern, dass sie ihr Leben anders leben als wir selbst?

In Psalm 90 heisst es: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Wer sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst ist, erkennt den Wert des Lebens. Gerade weil, unsere Zeit auf Erden begrenzt ist, ist jede Minute kostbar. Und eine Kostbarkeit verschwendet niemand gerne an Nichtigkeiten. Streit ist nichts weiter als ein Zeiträuber, der uns die schönen Stunden des Lebens stiehlt.

Diese Erkenntnis, sagt Petrus, macht uns bereit, unsere „Brüder und Schwestern aufrichtig zu lieben“. Wer sich selbst als von Gott angenommen und reich beschenkt betrachtet, ist in der Lage, das Gute, das ihm im Leben zukommt, zu geniessen und zu teilen. Wer hingegen im Zorn verharrt, beraubt sich selbst der Schönheit des Lebens. Das illustriert Jesus an folgendem Gleichnis:

Ein Vater hatte zwei Söhne. Eines Tages sagte der jüngere Sohn: „Vater, gib mir meinen Anteil vom Erbe. Ich möchte in die weite Welt ziehen.“ Schweren Herzens gibt der Vater seinem Sohn das Geld und lässt ihn ziehen. 

Der Sohn verschleudert das Geld und landet in der Gosse. In seiner Not beschliesst er, zu seinem Vater zurückzukehren, um bei ihm als Tagelöhner zu arbeiten.

Als er nach Hause kommt, rennt sein Vater ihm entgegen, umarmt ihn und gibt den Auftrag, ein Fest auszurichten.

Spät abends kommt sein älterer Bruder vom Feld. Er hört die Musik, sieht das ausgelassene Tanzen. Von einem Diener erfährt er, dass sein Bruder zurückgekehrt ist und sein Vater vor Freude ein Fest veranstaltet hat. 
Jesus fährt im Gleichnis fort: „Da wurde der ältere Sohn zornig. Er wollte nicht ins Haus gehen. Doch sein Vater kam zu ihm heraus und redete ihm gut zu. Aber er sagte zu seinem Vater: ›So viele Jahre arbeite ich jetzt schon für dich! Nie war ich dir ungehorsam. Aber mir hast du noch nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden feiern konnte. Aber der da, dein Sohn, hat dein Vermögen mit Huren vergeudet. Jetzt kommt er nach Hause, und du lässt gleich das gemästete Kalb für ihn schlachten.‹ Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört dir. Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen: Denn dein Bruder hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹“
Das Gleichnis ist bekanntlich mit Der verlorene Sohn überschrieben. Die gängige Auslegung lautet: „Mensch wendet sich von Gott ab, sündigt, bereut, kehrt zurück, wird angenommen. Gott ist ein gütiger Vater, der Schuld vergibt.“ Das ist auch durchaus richtig. 

Doch einen weiteren Aspekt finde ich ebenfalls bedenkenswert: Wer sagt denn, dass der Sohn, der die vertraute Umgebung verlassen hat, um sein eigenes Leben zu leben, der verlorene Sohn ist? Ist es nicht auch möglich, dass der Sohn, der den Sinn seines Lebens in der Arbeit auf dem väterlichen Hof gesucht hat und dabei unzufrieden wurde, verloren gegangen ist? Sonderlich begeistert scheint er von seinem Leben zumindest nicht zu sein. Er macht seinem Vater heftige Vorwürfe. Nie hätte er irgendetwas bekommen. Eigentlich sei er ziemlich schäbig ausgenutzt worden. Und aus dem Vorwurf gegen seinen Bruder, der sein Geld angeblich mit Huren vergeudet hat, – Huren werden im Gleichnis zuvor übrigens nicht erwähnt – scheint mir auch etwas Neid zu sprechen.

Doch das Schlimmste ist, dass der ältere Sohn in seinem Zorn verharrt. Er nimmt Gottes Einladung zum Leben – zumindest noch nicht – an. So beraubt er sich eines glücklichen Lebens.
Und wie steht es mit uns? Machen das Beste aus unserer begrenzten Zeit?

Herr, lehre uns bedenken, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist, auf dass wir klug werden und die Zeit, die du uns schenkst, nutzen und geniessen.

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