Selbstannahme

Selbstannahme

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„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“, erklärt bereits der antike Philosoph Heraklit. Das ist aus zwei Gründen nicht möglich: Erstens fliesst uns bei jedem Hineinsteigen neues, frisches Wasser entgegen. Der Fluss ist nicht mehr derselbe. Er fliesst zwar immer noch durch dasselbe Flussbett, doch ihn durchströmt anderes Wasser. Zweitens haben auch wir uns verändert. Wenn wir morgen wieder in den Fluss steigen sollten, sind wir nicht mehr dieselbe Person, die wir heute sind. Wir sind wie ein Fluss. Unser Erscheinungsbild verändert sich nicht – zumindest nicht innerhalb eines Tages –, doch auch durch uns fliesst ständig neues, frisches Wasser. Der Psychologe Carl Rogers drückt es so aus: „Ich weiß, dass ich, wenn ich stabil, umsichtig und statisch wäre, im Tod leben würde. Daher akzeptiere ich die Verwirrung, die Unsicherheit, die Angst und die emotionalen Höhen und Tiefen. Denn das ist der Preis, den ich für ein lebendiges, verwirrendes und aufregendes Leben zu zahlen bereit bin.“

Leben ist Veränderung. Stillstand bedeutet den Tod. Zugleich bringt Veränderung auch immer Verwirrung und Unsicherheit mit sich. Wir Menschen neigen nun einmal dazu, es uns im Ist-Zustand gemütlich zu machen. Doch letzten Endes können wir uns dem Wandel der eigenen Persönlichkeit nicht entziehen. Wir erleben jeden Tag so viel, was uns beeinflusst. All die Erfahrungen, die auf uns einprasseln, entfalten ins uns ihre Wirkung. Als Menschen können wir gar nicht anders, als uns selbst zu reflektieren. Und als Optimist gehe ich davon aus, dass diese Selbstrefelxion, Spuren in unserem Selbst hinterlässt, uns verändert. Als Theologe bin ich davon überzeugt, wir können uns diesem Wandel unseres Selbst nicht entziehen. Gott selbst handelt durch unser Erleben an uns. Paulus drückt es so aus: „Es kommt also nicht darauf an, ob der Mensch etwas will oder ob er sich abmüht.Vielmehr kommt es allein auf Gottes Gnade an“ (Röm 9,16).

Ich empfinde die Vorstellung, dass Gott an mir wirkt als befreiend. Ich muss mich nicht ständig abmühen, nicht ständig danach streben, mich zu verbessern, es anderen recht zu machen. Ich vertraue darauf, dass Gott mir Anstösse bietet, mich mit seiner Hilfe zu verändern. Ich muss nicht krampfhaft an mir arbeiten, kann mich akzeptieren, wie ich bin. Und dabei weiss ich: Ich werde jeden Tag mehr zu einem neuen Menschen.

Genau diese Gelassenheit, sich selbst zu akzeptieren und dadurch ein anderer zu werden, hat Carls Rogers seiner Psychotherapie zu Grunde gelegt. Er hält fest: „Das seltsame Paradoxon ist, dass, wenn ich mich so akzeptiere wie ich bin, ich die Möglichkeit erlange, mich zu verändern.“

Sich zu verändern, hat also mit Selbstannahme zu tun. Ich muss erst einmal zu der Erkenntnis kommen, dass ich, so wie ich mich gerade verhalte, so wie ich gerade fühle, ganz in Ordnung bin. Klar, vom Optimum bin ich immer noch ein Stück entfernt. Doch Perfektion ist ohnehin ein Zustand, den niemand je erreichen wird. Wenn ich das akzeptiert habe, dass ich nicht besser sein muss, als ich bin, gelange ich in den Zustand der Selbstannahme und Zufriedenheit. Ich bin gelöst, entspannt und daher aufnahmebereit. Und nur in diesem Zustand öffne ich mich für Veränderung.

Ich erlebe das jedenfalls bei mir. Wenn ich mich richtig über etwas ärgere, dann verkrampfe ich. Dann versuche ich notfalls mit Gewalt meinen Plan durchzuziehen. Und am Ende liege ich halb tot am Strassenrand, weil ich es nicht akzeptieren konnte, dass jemand anders ausdauernder ist als ich. Diesen verdammten Marathon muss ich doch durchziehen!

Wenn ich jedoch mit mir zufrieden bin, bin ich kreativ und offen für Neues. Dann überlege ich, schmiede neue Pläne. Kann sogar einmal akzeptieren, dass ich nicht gleich eine tolle Lösung für jedes Problem finde. Ich fühle mich nicht gezwungen, sofort loszulegen. Und ich kann damit leben, dass andere auf bestimmten Gebieten bessere Leistungen erbringen. Den Marathon laufe ich dann nächstes Jahr. Für den Moment bin ich so, wie ich bin, vollkommen in Ordnung. 

Als Theologe bin ich davon überzeugt, dass unser Leben kein Tun-Müssen ist, sondern vielmehr ein Geschenk. Paulus drückt es so aus: „Christus hat uns befreit, damit wir endgültig frei sind. Bleibt also standhaft und unterwerft euch nicht wiederdem Joch der Sklaverei!“ (Gal 5,1). Wirklich frei sind wir nur dann, wenn wir bedingungslos ja zu uns sagen. Bei der Selbstakzeptanz hilft mir der Glaube daran, dass Gott mich so annimmt, wie ich bin. Dieses Wissen befreit mich zur wahren Freiheit. Ich muss mich nicht mit anderen messen. Der ewige Vergleich ist im Endeffekt nichts anderes als Sklaverei. Wer immer zeigen muss, dass er besser ist, mehr hat, mehr kann und überhaupt, verfehlt das Leben. 

Denn Leben ist Entwicklung, Weiterkommen. Doch dieses Vorankommen bezieht sich nicht auf Äusserlichkeiten wie Besitz oder Körperkraft, sondern auf inneres Wachstum. Ich bin davon überzeugt, dass Gott von uns einzig und allein erwartet, dass wir innerlich offen bleiben und uns verändern. Es wäre ja auch geradezu lächerlich, wenn wir das, was sogar ein Fluss schafft, nicht hinkriegen würden. Leider haben wir ein Problem, das der Fluss nicht hat: Wir nehmen die Welt bewusst wahr. Und weil wir das tun, sind wir unzufrieden mit uns selbst. Denn wir wären ja so gerne besser. 

Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, sich von all den Erwartungen, die wir selbst an uns haben und von denen wir ausgehen, dass andere Menschen sie an uns haben, zu befreien. Gott sagt ja zu mir. Er bejaht mich so, wie ich bin. Wer bin ich denn, dass ich mich ablehnen darf?

Indem ich mich selbst annehme, öffne ich mich für inneres Wachstum. Ich bin davon überzeugt, dass wir durch die Erfahrungen, die wir machen mit Gott verbunden sind. Wer sich selbst reflektiert, öffnet sich dem Wirken Gottes, der lässt sich verändern. Somit gehört er zur neuen Schöpfung Gottes. „Wenn jemand zu Christus gehört, gehört er schon zur neuen Schöpfung. Das Alte ist vergangen, etwas Neues ist entstanden!“ (2Kor 5,17).

Für mich fühlt sich das Leben leichter und erfüllter an, da ich weiss: Ich bin in Ordnung. Jeden Tag vergeht es bisschen vom Alten und etwas Neues entsteht in mir. Auch das Neue ist nicht perfekt, doch es gehört zu mir. So, wie ich heute bin, bin ich genau richtig. Und in wenn ich mich reflektiere, spüre ich Gottes blebenden Geist in mir. Er hilft mir, jeden Tag neue Seiten an diesem wunderbaren Leben zu entdecken. Jeden Tag entsteht etwas Neues in mir, das diese Welt geniesst und den Menschen, mit denen ich verbunden bin, etwas von der Liebe, die uns alle empfängt, weitergibt. Und das ist für heute gut. Und das, was morgen gut sein wird, lässt Gott in mir entstehen, ganz ohne Zwang, ganz ohne Druck. Ich fühle mich geborgen, ich fühle mich angenommen bei allem, was ich tue. Jeder Tag gebiert etwas Neues in mich hinein bis zu dem Tag, an dem ich selbst in die ewige Schöpfung hineingenommen werde.

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