Was meinen Sie, Herr Pfarrer…

Was meinen Sie, Herr Pfarrer…

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was gelingendes Leben ist…

„Das schlimmste Übel ist, ausscheiden aus der Schar der Lebendigen, ehe man stirbt“, meint Seneca. Das klingt erst mal dramatisch. Jeder denkt zunächst: „Na, das passiert mir sicher nicht. Ich bin total lebendig.“ Ja, lebendig sind wir mehr oder minder alle. Doch die entscheidende Frage lautet: „Lebe ich mein Leben so, wie ich es mir vorgestellt habe? Kann ich wirklich Ich sein?“

Ich glaube, was uns daran hindert, uns selbst zu verwirklichen, ist Angst. Im Volksmund heisst es ja, dass Angst ein schlechter Ratgeber sei. Dennoch lassen wir uns sehr oft von unseren Ängsten leiten. Angst führt dazu, dass wir uns Schwierigkeiten entziehen, zumeist den einfacheren Weg wählen. Manchmal machen wir uns auch gar nicht auf den Weg, weil wir Angst haben.

Andererseits ist natürlich auch nicht gesund, sich irgendwelche Utopien hinzugeben. Der Realität können wir uns doch nicht entziehen. Was wir uns vornehmen, sollte Hand und Fuss haben. Doch zugleich gilt, dass wir in diesem Leben durchaus etwas wagen sollten, sonst bleiben wir stehen. Wer immer auf Nummer sicher geht, lässt eine Menge Möglichkeiten liegen, wird in diesem Leben nicht wachsen. Ich bin überzeugt: Alles, was wir in diesem Leben wagen, dient uns zum Besten. Nicht jedes Scheitern ist eine Niederlage. Und ohne eine gehörige Portion Mut werden wir unser Potenzial nie ausschöpfen.

Auf Dauer ist es ungesund, sich in der vermeintlichen Sicherheit des Alltags wohnlich einzurichten, wenn wir tief in uns spüren, dass uns dieses Leben nicht erfüllt. Letzten Endes können wir kein Leben leben, das unseren Werten und Sehnsüchten widerspricht. 
Laut des Bestsellers „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ von Bronnie Ware sagen Menschen am Lebensende oft: «Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie es andere von mir erwarteten.»

Klingt irgendwie egoistisch. Doch ein gewisses Mass an Egoismus ist gesund und lebensnotwendig. „In unserem Inneren ist eine Stimme, die sagt, was gut für uns ist. Wir können sie nicht mit den Ohren hören, wohl aber mit dem Herzen“ (Jochen Mariss). Auf diese Stimme zu hören, ist das Entscheidende. Denn wir sind in unserem Leben nur zufrieden, wenn es wirklich unser Leben ist. Ich glaube, dass es uns glücklich und zufrieden macht, wenn wir unseren Weg gehen. Und nur dann können wir auch wirklich für andere Menschen da sein. 

Also knapp zusammengefasst: Lebensglück bedeutet Selbstverwirklichung. Wirklich leben statt halb tot vor sich hinvegetieren.

Kommen wir als Egoisten dann nicht alle in die Hölle…

Voraussichtlich nicht. 

Als reformierter Theologe müsste ich nun vermutlich sagen, dass der Glaube allein darüber entscheidet, wer in den Himmel kommt und dass das alle guten Taten da nichts nützen. Dann käme ich auch zu dem Ergebnis, dass man das Leben geniessen darf, wenn man nur glaubt. Ich möchte das Ganze aber etwas anders angehen.
Neulich hatte ich eine Diskussion mit einem Gemeindeglied, das meinte, dass das mit Himmel und Hölle ja ganz klar sei. Wer glaubt, kommt in den Himmel. Wer nicht glaubt, fährt nach seinem Ableben auf direktem Wege in die Hölle. Das stehe so in Matthäus 25.

Daraufhin haben wir uns Matthäus 25 (unten findet ihr den gesamten Text) mal angeschaut. Dort heisst es, dass Jesus am Ende der Zeit die Menschen in zwei Gruppen aufteilen wird. Dann sagt er zu denen, die in den Himmel kommen: „Ich war krank und ihr habt euch um mich gekümmert. Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben.“ Und dann fragen sie zurück: „Wann war das denn bitte?“ Und Jesus entgegnet: „Was ihr irgendeinem anderen Menschen getan habt, das habt ihr mir getan.“ Und zu denen, die in die Hölle kommen, sagt er: „Ich war krank und es hat euch nicht gekümmert. Ich war hungrig und ihr habt mich einfach verrecken lassen.“ Und dann sagen die Verdammten: „Hä? Kann mich nicht erinnern.“ Und Jesus sagt nur: Was ihr irgendeinem anderen Menschen nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.“

Der Glaube wird in diesem Gleichnis mit keinem Wort erwähnt. Ist vielleicht auch nicht so entscheidend, aus welchem Grund man ein guter Mensch ist…

Wie auch immer: 1. Wäre sowieso zu fragen, wie ein Gott, der selbst die Liebe ist, einen Menschen der ewigen Verdammnis übergeben kann. 
2. Glaube ich – wie oben bereits erwähnt –, dass wir nur dann im Stande sind, uns für andere einzusetzen, wenn wir mit uns selbst zufrieden sind. Ein gesunder Egoismus ist die Wurzel der Nächstenliebe. Jesus sagt ja auch, dass wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst. Nur, wer sich um sich selbst kümmert, kann für andere da sein. Und Selbstliebe macht uns, wie ich eben bewiesen habe, nicht nur zu besseren Menschen, sondern sichert uns auch unser Plätzchen im Himmel.

Hier der Link zu Matthäus 25. (Ich beziehe mich auf die Verse 31-46.):
https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB/MAT.25/Matthäus-25

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