Darf ich mich am Leben freuen, Herr Pfarrer?

Darf ich mich am Leben freuen, Herr Pfarrer?

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Als evangelischer Pfarrer bin ich ja auch der Wächter der Moral. Deshalb frage ich mich gerade jetzt, wo das Feiern zumindest in Baden-Württemberg wieder erlaubt ist, ob es überhaupt legitim ist, dass wir uns freuen und ausgelassen sind. Sollten wir nicht besser zusammensitzen, Bibel lesen und beten?

Wie bei allen ethischen Problemen habe ich mir daher die Frage gestellt: „Was würde Jesus tun?“

Zunächst sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Als Johannes kam, aß und trank er nicht.Deshalb sagen die Leute über ihn: ›Er ist von einem Dämon besessen.‹ Als aber der Menschensohn kam, aß und trank er. Deshalb sagen sie über ihn: ›Seht nur: Dieser Mensch ist ein Vielfraß und Säufer. Er ist befreundet mit Zolleinnehmernund Sündern.‹“ (Mt 11,18f.).

Kurz: Man kann sich bemühen, wie man will, die Wächter der Moral haben immer etwas zu meckern. Ich möchte mich nun einmal bemühen, die ruhmreiche Ausnahme zu bilden und schaue daher weiter in die Bibel, um herauszufinden, ob wir feiern dürfen oder nicht.

Und ich bin im Buch Kohelet fündig geworden. Mein Amtskollege – Kohelet beudetet übersetzt wohl Prediger – rät den Menschen: „So habe ich erkannt: Es gibt kein größeres Glück bei den Menschen, als sich zu freuen und sich’s gut gehen zu lassen. Jeder Mensch soll essen, trinken und glücklich seinals Ausgleich für seine ganze Arbeit. Denn auch dies ist eine Gabe Gottes“ (Koh 3,12f.).

Recht hat er. Gott hat uns dieses Leben geschenkt, dass wir uns daran freuen. In der Kirchengeschichte ging es zwar ziemlich vergessen: Aber es gibt auch ein Leben vor dem Tod. Jesus wusste das. Er hat ganz im Hier und Jetzt gelebt. Er hat Menschen geheilt, damit sie das irdische Leben geniessen können. Jesus hat sich der weltlichen Probleme seiner Mitmenschen angenommen. Wäre es ihm nur um die Hoffnung auf ein ewiges Leben nach dem Tod gegangen, hätte er Kranke nicht geheilt und Ausgestossene nicht in die Gesellschaft zurückgeholt. Denn, wenn nur der Himmel von Bedeutung ist, ist es ziemlich zweitrangig, ob ich ein paar Jahre blind über die Erde wandle.

Ich bin davon überzeugt, dass genau das Gegenteild er Fall ist. Die paar Jahre, die ich auf dieser Erde weile, sind wichtig. Gott schenkt uns Zeit auf dieser Erde, dass wir uns an dem freuen, was wir tun. „Es gibt kein größeres Glück bei den Menschen, als sich zu freuen und sich’s gut gehen zu lassen“, meint Kohelet. Sich am Leben zu freuen, ist unsere erste Christenpflicht. So erklärt Jesus auch, dass wichtigste Gebot auf dieser Erde, laute: Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich sebst (vgl. Mt 22,37ff.). 

Es ist unverzichtbar, auch an sich selbst zu denken. Nur wer sich um sich selbst kümmert, kann auch für andere da sein. Ich muss mir selbst immer wieder etwas Gutes gönnen, meine eigenen Bedürfnisse ernst nehmen und mich auf mich selbst konzentrieren. Denn erstens ist das Leben viel schöner, wenn ich es mir gut gehen lasse. Und zweitens bin ich nur dann mit mir selbst zufrieden, ausgeruht und so gut gelaunt, dass ich mich um andere kümmere, wenn ich auch für mich selbst sorge. Von daher ist es gar nicht so eigennützig, zu feiern und fröhlich zu sein.

Und last but not least sagt Jesus: „Gott ist doch nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“ (Mk 12,27). Gott kümmert sich um uns so lange wir leben. D.h. wir können, dürfen und sollen unsere begrenzte Lebenszeit nutzen. Denn Gott hat mehr Freude an uns, wenn wir gut gelaunt sind, als wenn wir ständig ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter ziehen. Das hat Jesus selbst bewiesen, indem er auf der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt hat, um damit das Fest und die Lebensfreude zu retten.

Also: „Freuet euch in dem HERRN allewege! Und abermals sage ich: Freuet euch!“ (Phil 4,4).

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