Sind Sie eigentlich verrückt, Herr Pfarrer?

Sind Sie eigentlich verrückt, Herr Pfarrer?

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Das sagt die Psychologie…
Laut Sigmund Freud – der selbst eine psychologische Schule begründete, die auf unbeweisbaren Behauptungen fusst – leide ich als religiöser Mensch an einer universellen Zwangsneurose. Laut Freud sehne ich mich nach einem übermächtigen Gott-Vater, der mich vor sämtlichen Problemen, mit denen ich im Leben konfrontiert werden könnte, schützt. Mit dieser mir unterstellten Hoffnung bin ich in den Augen Freuds ein antiquierter, verschrobener Typ, dem man nun endlich die Augen öffnen muss. Denn die Wissenschaft erklärt die Welt besser und gibt dem Menschen somit auch mehr halt. Eines Tages wird sie die Religion völlig ersetzen. Dann wird auch die Weltsicht des verrückten Herrn Pfarrer zurechtgerückt. 

Das meine ich selbst…
„Jeder spinnt auf seine Weise – der eine laut, der andre leise“, meint Joachim Ringelnatz. Als Pfarrer und freier Redner bin ich jemand, der zumeist laut spinnt. Denn in Predigten bin ich quasi amtlich dazu verpflichtet, zu erzählen, was in meinem Kopf so vor geht und wie ich die Welt wahrnehme und deute. Und auch in Trau- und Trauergesprächen kommt es natürlich vor, dass ich von meinen Gesprächspartner gefragt werde, was ich persönlich so denke über die Liebe, eine gelingende Beziehung, den Tod und das, was danach kommt. Den Luxus für mich alleine herumzuspinnen, kann ich mir leider nicht leisten…

Verrückt sind die anderen…
Zurück zu Freud. Ich kann ihm nur zustimmen: Wer glaubt, dass Gott ihm als allmächtiger Vater sämtliche Probleme aus dem Weg räumt, nimmt die Welt deutlich anders wahr als ich. Aus meiner Sicht hat er eine verrückte Wahrnehmung der Welt. Das heisst allerdings nicht, dass er tatsächlich verrückt ist. Denn als „ganz normaler“ Mensch kann ich nicht beurteilen, wie die Welt wirklich ist. Ich kann nur sagen, wie ich die Welt wahrnehme und deute. Und selbstverständlich kann diese Wahrnehmung komplett falsch sein.

Verrückt ist meiner Meinung nach der, der behauptet, erkannt zu haben, einen objektiven Blick auf die Welt zu haben und genau erklären zu können, wie sie funktioniert. 
Ich halte Psychologen, die sich so äussern, für verrückt: „Religiöse Vorstellungen sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens, sondern Illusionen…“ Denn religiöse Vorstellungen sind zumeist das Ergebnis des Nachdenkens und der Erfahrung. Ich persönlich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass Gott mich vor allen Widrigkeiten beschützt. Daher glaube ich das auch nicht. Jemand anders jedoch hat vielleicht genau das erlebt. Aus seiner Sicht ist es nur logisch, Gott als gefahrabwendenden Vater zu verstehen.

Und selbstverständlich machen sich viele Menschen Gedanken über das, was sie glauben. Einige Menschen wurden mit einem „kindlich naiven“ Glauben beschenkt. Ich als Kopfmensch beneide solche Menschen gelegentlich. Denn ich frage mich immerzu, ob mein Glaube meinen Erfahrungen gerecht wird. Klar: Manche Sachen, die ich erlebe, deute ich auch aus meiner Glaubenssicht. Doch oft hinterfrage ich das, was ich glaube. Die Umstände verändern meinen Glauben und zugleich verändert mein Glaube die Wahrnehmung der Umstände.

Darum bin ich nicht verrückt…
Zu Abschluss: Ich bin nicht verrückt, da ich andere Menschen ernst nehme. D.h. Ich lasse mich auf ihre Sicht der Dinge ein. Manches ist und bleibt mir dabei fremd. Doch ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch gute Gründe hat, die Welt so zu deuten, wie er sie deutet. Und es gibt nichts Schöneres, als sich über Glaube, Weltdeutung und Hoffnung auszutauschen und sich von der Sicht anderer verstören und aufrütteln zu lassen und so seine eigene Weltanschaung zu überdenken.

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