Und was meint der Herr Pfarrer…

Und was meint der Herr Pfarrer…

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zu Leben…
Platon meinte, der Körper sei das Grab der Seele. Nach meinem Dafürhalten hat derjenige, der das tatsächlich glaubt, ein ziemliches Problem. Denn er sieht im Tod die Erlösung vom irdischen Jammertal. Der Tod als der Zustand, in dem er wirklich frei wird.

Natürlich kann ich das irgendwo nachvollziehen. Auch bei mir ist es so, dass ich Wünsche und Ziele habe, die ich bisher nicht alle erreicht habe und aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht erreichen werde. Das ist einerseits bedauerlich, anderseits schlicht und ergreifend der Normalzustand. 

Mein langjähriger Freund Johann Wolfgang von Goethe meint dazu: „Es irrt der Mensch, so lang er strebt.“ Wer aufhört, sich Ziele zu setzen, der kann sich glücklich schätzen, wenn der Tod ihn aus seinem Elend befreit. Logisch, es geht bei Zielen auch darum, sie zu erreichen. Doch das Wichtigste im Leben ist, dass wir Visionen entwickeln, ihnen nachjagen und dabei persönlich wachsen. Es ist nicht entscheidend, jedes hoch gesteckte Ziel zu erreichen. Entscheidend ist, auf dem Weg zu bleiben und das Gefühl zu haben, voranzukommen. Fortschritt heisst nicht zwingend Erreichen des Ziels, sondern auch Fehlschläge als wertvoll zu akzeptieren, aus ihnen zu lernen und sich neue Ziele zu stecken. Denn wir irren, so lange wir Ideen für unser Leben entwickeln. So lange wir nicht das Gefühl haben, komplett von unserem Lebensweg abgeirrt zu sein, ist alles in Ordnung. Dann heisst es: Ein neues Ziel ausfindig machen und es mit Hilfe all dessen, was man auf dem bisherigen Lebensweg gelernt hat, zu verfolgen, bis das Ziel erreicht oder ein neues gefunden ist. 
Um noch mal zu Platon zurückzukehren: Körper und Seele sind keine Gegner, sondern Verbündete, die gemeinsam nach Lebensglück suchen. Und dieses Lebensglück finden wir weder im Reinkörperlichen (Essen, Sport oder what ever) noch in einem vergeistlichen Leben, das sich hinter Büchern und Lebensweisheiten versteckt. Lebensglück finden wir nur, wenn wir sowohl auf unseren Körper als auch auf unsere Seele hören und ja zu dem Entwicklungsprozess, den wir Leben nennen, sagen.

…und Tod?
Paulus meint: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin“ (1Kor 13,12).
Ja, um Gottes Willen. Jetzt kommt der Herr Pfarrer doch wieder mit der Bibel! 

Gut, zugegeben. Als Theologe hoffe ich natürlich auf ein ewiges Leben bei Gott. Und dieser Glaube passt ganz gut zu meiner Meinung, dass das Leben ein Entwicklungsprozess ist. Und es ist doch irgendwie schön, wenn so ein Prozess irgendwann zu einem Ende kommt. Und ich empfinde es als tröstlich, dass er für alle zu einem guten Ende kommt, egal wie weit sie auf dem Weg der Weiterentwicklung gekommen sind. Denn sind wir mal ehrlich, so ganz werden wir es auf dieser Erde nie zur Perfektion bringen. Ich kann noch so viel scheitern, daraus lernen und noch mehr Erfolge einfahren, ans Ende meines Strebens komme ich in diesem Leben nie. Und auch mithilfe von Religion, Psychologie und Selbstreflexion werde ich mein Innerstes, mein Ich, niemals völlig erkennen. Da finde ich es wirklich beruhigend, zu glauben, dass Gott mir irgendwann zeigen wird, wer ich wirklich bin.

Ich selbst habe in diesem Leben gelegentlich das Gefühl, dass ich mich selbst nicht ergründen kann. Ich weiss nicht, was ich wirklich will. „Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust.“ Und da ist es doch wirklich schwer, herauszufinden, welchem Herzen ich folgen soll. Und noch schwieriger ist es, abschliessend zu sagen, ob ich tatsächlich meinem wirklichen Ich gefolgt bin. Oder habe ich etwa mehrere Ichs?

Wie auch immer: Ich selbst erkenne immer nur bruchstückhaft, wer ich wirklich bin. Ich sehe mich immer verzerrt. Und irgendwie freue ich mich darauf, eines Tages zu erkennen, wie ich wirklich bin. Und vor allem freue ich mich darauf, so angenommen zu werden, wie ich in dem Moment bin, in dem ich in die Ewigkeit eingehe. Mit all meinem Irren, all meinen Fehlern und all dem, wo ich mir selbst und anderen Menschen nicht gerecht geworden bin.
Bleibt nur das Paradox, dass ich dann am Ende meiner Selbstentwicklung angelangt bin und es dann irgendwie noch weitergeht. Da muss ich mir erstmal überlegen, wie das wohl sein soll und ob das auch noch einen tieferen Sinn hat…

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