Der Liebe Gott und die Freundschaft

Der Liebe Gott und die Freundschaft

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Zuweilen bin ich auch ein selbstkritischer Mensch. Ich weiss, dass ich mit dem, was ich tue, weder meiner Familie noch allen Freunden gerecht werde. Selbstverständlich bin ich nicht auf dieser Welt, um so zu sein, wie andere mich gerne hätten. Doch in einigen Fällen bin ich mit mir selbst und meinen Verhalten schlicht und ergreifend unzufrieden.

Meist lässt sich so etwas durch eine Entschuldigung, ein klärendes Gespräch oder eine nette Geste problemlos aus der Welt schaffen. Dazu kommen muss natürlich auch eine Veränderung meines Verhaltens. Wenn ich meine Freunde bei Verabredungen prinzipiell eine Stunde warten lasse, wird eine Entschuldigung irgendwann nicht mehr ausreichen. Das Vertrauen in meine Pünktlichkeit ist zerstört. Vermutlich wird dies auch meine Zuverlässigkeit insgesamt als zweifelhaft erscheinen lassen.

Kurz: Wenn ich mich lediglich entschuldige, aber nichts an mir ändere, wird es schwierig. Niemand wird mir meine Entschuldigungen noch abnehmen. Im besten Fall sagen sie dann: «Der ist halt so.» Und ertragen es. Im für mich schlimmeren Fall denken meine Familie und Freunde: «Der kann uns gestohlen bleiben.» Kontaktabbruch. Kaum eine Chance auf einen Neustart. Denn meine Freunde sind enttäuscht und das aus gutem Grund.

Dieses Bild einer menschlichen Beziehung wurde in der christlichen Theologie auf das Verhältnis zwischen Gott und Mensch übertragen. Der Theologe Anselm von Canterbury (1033 – 1109) gilt als Begründer der «Satisfaktionslehre». Diese besagt, dass die gesamte Menschheit durch den Sündenfall schuldig geworden ist. Da wurde viel Porzellan zerschlagen. Denn Adam und Eva haben Gottes Vertrauen missbraucht. Ziemlich unschöne Sache! Und irgendwie hat es diese Ursünde geschafft, sich von Generation zu Generation weiterzuvererben. Als Nachkommen von Adam und Eva sind auch wir schuldig. Das klingt in den Ohren eines modernen Menschen nicht ganz plausibel. Daher mit anderen Worten: Wir Menschen sind von Natur aus nicht in der Lage, uns immer und überall ethisch korrekt zu verhalten. Wir sind nun mal zumindest ein kleines bisschen eigensüchtig oder manchmal auch einfach nur feige. So wird es keinem Menschen gelingen, immer und jederzeit die Wahrheit zu sagen, auch wenn er sich selbst damit schadet. Kein Mensch schafft es, ohne Lüge durchs Leben zu kommen. Niemand ist immer gerecht. Auf gut Kirchendeutsch: Wir sind alle Sünder!

So weit können hoffentlich alle mitgehen. Auch ich bin kein Übermensch, der sich immer korrekt verhält. Und ich hoffe, dass wir alle so ehrlich sind, das einzusehen.
Weiterhin besagt die Satisfaktionslehre, dass Gott nun zwei Möglichkeiten hat. Er kann erstens die gesamte Menschheit bestrafen, sprich vernichten. Oder es muss Genugtuung geleistet werden, die die Sünde aufwiegt. Dem Menschen ist es jedoch nicht möglich, für diese grosse Sünde Genugtuung zu leisten. Daher kommt Gott selbst als sündloser Mensch zur Welt. Er nimmt die Sünde der Menschheit auf sich und stirbt stellvertretend für jeden einzelnen Menschen am Kreuz. Dadurch ist das Fehlverhalten der Menschheit gesühnt und Gott kann uns wieder liebhaben.

Klingt eigentlich ganz nett. Hat nur den Nachteil, dass dahinter ein ziemlich verqueres Gottesbild steht: Gott hat es nötig, dass die Beleidigung seiner Majestät wiedergutgemacht wird. Ich persönlich glaube nun erstens nicht, dass Gott so pedantisch ist und zweitens glaube ich nicht, dass es mir als Mensch möglich ist, Gottes Würde und Herrlichkeit auch nur im Geringsten zu schmälern. So gerne mich Gott hat, so viel Einfluss habe ich auf ihn dann doch nicht.

Ich glaube, dass das Verhältnis zwischen Menschen und Gott etwas anders ist. Petrus formuliert es so: «Ihr wisst ja: Ihr seid freigekauft worden von dem sinnlosen Leben, wie es eure Vorfahren geführt haben. Das ist nicht geschehen durch vergängliche Dinge wie Silber oder Gold. Es geschah aber durch das kostbare Blut von Christus, dem fehlerfreien und makellosen Lamm. Dazu war er schon vor Erschaffung der Welt bestimmt. Aber jetzt ist er am Ende der Zeit für euch erschienen. Durch ihn glaubt ihr an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm Herrlichkeit verliehen hat. Deshalb könnt ihr nun euren Glauben und eure Hoffnung auf Gott richten» (1Petr 1,18-21).

Gott kauft durch das Blut Jesu Christi frei aus einem sinnlosen Leben. Ich würde es so formulieren: Gott befreit uns aus unserer Ichzentriertheit. In Jesus zeigt Gott, dass es im Leben darum geht, in Kontakt mit anderen zu treten, sich für sie einzusetzen. Am Kreuz sagt Gott ja zu mir trotz all meiner Fehler und Schwächen. Und er zeigt mir damit, dass er mich gernhat, dass er für mich da ist.

Es ist gerade anders als die Satisfaktionslehre behauptet. Das Kreuz dient nicht der Wiederherstellung der göttlichen Ehre. Das Kreuz ist ein Symbol der Liebe Gottes. Paulus drückt es so aus: «Als wir noch Feinde waren, wurden wir mit Gott versöhnt durch den Tod seines Sohnes. Wenn wir jetzt versöhnt sind, ist es umso gewisser: Wir werden dadurch gerettet werden, dass sein Sohn lebt» (Röm 5,10).

Auch Paulus geht davon aus, dass wir als Menschen nicht einfach ok sind. Wir haben schon ziemlich was auf dem Kerbholz: Die vielen kleinen Notlügen, das bewusste Wegschauen vor der Not anderer usw. Doch Gott beurteilt uns nicht nach unserem Fehlverhalten. Er sagt: «Das rechne ich euch gar nicht an.» Am Kreuz nimmt Gott diesen ganzen Mist auf mich. Und das tut er nicht, weil wir ihn beleidigt hätten, sondern weil er uns liebhat.

Du und ich, wir sind in Gottes Augen so wertvoll, dass er sich selbst für uns opfert. Gott ist eben mehr als ein Mensch. Er drückt uns keinen Stempel auf: «Der Daniel, das ist eben so ein unzuverlässiger Typ. Der war schon immer so. Der wird sich nie ändern.» Im Kreuz stellt Gott unsere Beziehung zu uns selbst und zu ihm wieder her. Er beurteilt uns nicht nach dem, was war und er legt uns nicht fest. Er gibt uns jeden Tag eine neue Chance. Er sagt: «Du musst nicht so bleiben, wie du dich bisher selbst wahrgenommen hast. Du hast die Möglichkeit, dich weiterzuentwickeln, ein neuer Mensch zu werden.» Wir sind «freigekauft worden von dem sinnlosen Leben». D.h. wir sind aus all den Schubladen befreit, in die wir uns selbst oder andere uns gesteckt haben. Gott traut uns zu, dass wir unseren Weg gehen und dass wir uns auf diesem Weg verändern. Und das Wichtigste: Gott begleitet uns auf diesem Weg. Er bleibt uns selbst dann treu, wenn wir in alten Mustern stecken bleiben oder uns selbst nicht mehr im Spiegel anschauen können. Am Kreuz hat Gott gezeigt, dass ihm unsere Beziehung wichtiger ist als alles andere.

Mir gibt das Mut und Hoffnung dranzubleiben. Auch wenn ich in diesem Leben niemals zur Perfektion gelangen werde, weiss ich doch, dass es da jemanden gibt, der mich so annimmt, wie ich bin. Denn Gott beurteilt mich nicht nach dem, was ich bin. Er sieht in mir das, was ich sein könnte und eines Tages auch sein werde.

«Denn jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild. Aber dann sehen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke. Aber dann werde ich vollständig erkennen, so wie Gott mich schon jetzt vollständig kennt» (1Kor 13,12).
Eines Tages werden du und ich uns selbst erkennen. An diesem Tag erkennen wir, wozu Gott uns geschaffen hat und was er uns an Rüstzeug für das Leben mitgegeben hat. Und an diesem Tag wird nichts mehr zählen als nur die Erkenntnis, dass wir wunderbar geschaffen sind und einen Gott haben, der uns liebt, obwohl wir unser Potenzial nicht völlig ausgeschöpft haben.
Amen.

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