Gott ist kein Psychoanalytiker

Gott ist kein Psychoanalytiker

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Ich bilde mir ein, ein reflektierter Mensch zu sein. Um diese These zu stützen, lese ich des Öfteren psychologische Literatur zu Themen wie «Selbstfindung». Neulich habe ich begonnen, mir ein Buch zu diesem Thema zu Gemüte zu führen. Die Autorin ist Psychoanalytikerin. Meine Güte habe ich mich über den Inhalt des Buches aufgeregt. Für jedes Problem, das ein Mensch mit sich oder der Gesellschaft hat, wird die Lösung in der Kindheit gesucht. Du bist nicht beziehungsfähig, dann hast du ungesunde Muster deiner Eltern übernommen. Du fühlst dich von anderen abgelehnt, dann haben deine Eltern dir nicht genug Liebe gegeben. Und so weiter und so fort.

Ich möchte überhaupt nicht bestreiten, dass unsere Eltern einen riesengrossen Einfluss auf uns und unser späteres Leben haben. Und ich bin auch wirklich froh, dass ich nicht so einen Vater hatte wie Franz Kafka, der sich in seinem «Brief an den Vater» an Aussprüche wie «Ich zerreisse dich wie einen Fisch» oder «Er soll krepieren, der kranke Hund» erinnert. Wer solche Eltern hat, klagt im Nachhinein mit Berechtigung an. Allerdings empfinde ich es nicht als legitim, jedes persönliche Problem auf die Eltern zu schieben. Damit rücke ich meine Eltern in eine quasi göttliche Stellung. Es mag schon sein, dass ein Kind in gewissen Situationen Verhaltensmuster seines Vaters an den Tag legt. Doch der Vater ist doch kein übermenschliches Wesen. Er kann mein Verhalten nicht beeinflussen. Und an Punkten, an dem ich ihm ähnlich bin, kann ich mich selbst ändern, wenn mich das Verhalten denn stört. Ich glaube nicht, dass es ein Gesetz in meiner Seele gibt, das mich dazu zwingt, mich den Wünschen meiner Eltern gemäss zu verhalten. Ich kann selbst über mein Leben bestimmen. Und davon bin ich überzeugt, ich kann eigenständig Entscheidungen treffen. Das heisst nun nicht, dass ich all das, was meine Eltern mir beizubringen versuchten, über Bord werfen muss. Gelegentlich kann es ja durchaus hilfreich sein, sich an die gute Erziehung zu erinnern:

«Darum macht euch bereit und gebraucht euren Verstand. Bewahrt einen klaren Kopf. Setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch zuteilwird, wenn Jesus Christus wieder erscheint. Ihr seid doch gehorsame Kinder. Lasst euch nicht von Begierden beherrschen wie früher, als ihr noch unwissend wart. Vielmehr sollt ihr in eurer ganzen Lebensführung heilig werden – so wie der heilig ist, der euch berufen hat. In der Heiligen Schrift steht: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.« Ihr betet doch zu Gott als eurem Vater. Er beurteilt jeden nach seinem Tun, ohne Ansehen der Person. Führt deshalb ein Leben in Ehrfurcht vor Gott, solange ihr noch hier in der Fremde seid» (1Petr 1,13-17).

Darum kann ich mich mit dem ersten Abschnitt des Textes voll identifizieren. Ich glaube, dass es wichtig ist, einen kühlen Kopf zu bewahren und den Verstand zu benutzen. Als vernunftbegabter Mensch ist es mir möglich, meine Handlungen zu überdenken. Und zwar ist mir das möglich, bevor ich handle. Ich kann abwägen, was mein Tun bewirkt. Ich bin dazu in der Lage, ein Verhalten an den Tag zu legen, das mir selbst als angebracht erscheint. Ich bin in diesen Situationen nicht von meinen Eltern abhängig. Ich halte es vielmehr für eine schlechte Ausrede, wenn jemand meint: «Mein Vater war schon Choleriker. Ich kann in solchen Momenten einfach nicht anders, als auszurasten.» Wir Menschen sind dazu in der Lage, dazuzulernen und uns zu emanzipieren. Selbstverständlich haben Vorbilder und allen voran unsere Eltern Einfluss auf uns. Ich bin der, der ich bin, weil ich von meinen Eltern erzogen und in eine bestimmte Gesellschaftsschicht hineingeboren wurde. Aber vor allem bin ich der, der ich bin, weil ich mir dieser Umstände zumindest ansatzweise bewusst bin. Ich bin, der ich bin, weil ich an mir selbst arbeite, mich reflektiere und mir überlege, wer ich bin und wer ich sein möchte. Ich bin doch kein blosses Produkt meiner Eltern und der Gesellschaft. Klar, es strömen lauter Einflüsse von aussen auf mich ein. Doch gerade deshalb bin ich dazu verpflichtet, mich mit diesen Einflüssen auseinanderzusetzen. Denn ich muss für mich selbst herausfinden, was für ein Mensch ich sein möchte. Ich glaube, dass das die uns von Gott gesetzte Lebensaufgabe ist: Herauszufinden, wer wir sein möchten.

Auch mit dem zweiten Teil der Aufforderung des Petrus bin ich einverstanden: Als Mensch sollte ich mich nicht von meinen Begierden leiten lassen. Und höchstwahrscheinlich spielt da auch die Erziehung eine gewisse Rolle. Doch auch hier gilt: Ich muss selbst entscheiden, was ich möchte und was ich nicht möchte.

Ein Problem habe ich allerdings mit der Konsequenz, die Petrus aus seiner Ausführung zieht: «Ihr betet doch zu Gott als eurem Vater. Er beurteilt jeden nach seinem Tun, ohne Ansehen der Person.» Da ist er wieder der Übervater, der alles beurteilt. Wir sollen genauso sein wie er. Dabei übersieht Petrus, dass wir per Definition gar nicht so sein können wie dieser Vater. Denn wir sind Mensch und nicht Gott. Und so sehr wir uns bemühen, so heilig wie Gott werden wir niemals werden. Und ich glaube, das müssen wir auch gar nicht. Denn Gott ist wie ein Vater. Allerdings nicht wie so ein pedantischer Vater, wie es hier den Anschein hat. Denn ein Vater, der möchte, dass sein Kind genauso wird, wie er ist, ist kein guter Vater. Einem guten Vater ist daran gelegen, dass ein Kind sich seinem Charakter und seinen Begabungen gemäss entwickelt. Er zwingt sein Kind nicht zum Medizinstudium, nur weil er selbst mit Leib und Seele Arzt ist. Er lässt seinem Kind die Freiheit, sich selbst zu entscheiden. Und er akzeptiert die Wahl seines Kindes, ob es nun Fliessenleger oder Malermeister wird oder sein Glück im Studium der Kunstgeschichte sucht. Ein liebender Vater ermutigt sein Kind. Er ist für es da, wenn es Hilfe braucht. Er befähigt sein Kind. Und er hofft, dass es seinen Weg findet. Nur eines tut er nicht: Sein Kind bevormunden oder es verurteilen.

Jesus erzählt dazu ein passendes Gleichnis. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn:
Ein Vater hat zwei Söhne. Eines Tages kommt der jüngere Sohn und sagt: «Vater zahl mir mein Erbe aus. Ich möchte mein Glück in der Fremde suchen.» Der Vater ist traurig, doch der zahlt den Sohn aus und lässt ihn ziehen.
In der Fremde verschleudert der Sohn das Geld. Als er nichts mehr hat, ist er gezwungen die erniedrigendste Arbeit anzunehmen, die er finden kann. Er wird Schweinehirt. Sein Lohn ist schlecht und so beneidet er sogar die Schweine um ihr Futter. In seiner Not entschliesst er sich eines Tages, nach Hause zurückzukehren. Er möchte als Arbeiter in den Dienst seines Vaters treten. So macht er sich auf den Heimweg.

Und es geschieht Folgendes: «Sein Vater sah ihn schon von Weitem kommen und hatte Mitleid mit ihm. Er lief seinem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.Aber sein Sohn sagte zu ihm: ›Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Holt schnell das schönste Gewand aus dem Haus und zieht es ihm an. Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Sandalen für die Füße.Dann holt das gemästete Kalb her und schlachtet es: Wir wollen essen und feiern!Denn mein Sohn hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden. ‹Und sie begannen zu feiern» (Lk 15,20-24).

Der Vater macht dem Sohn keine Vorwürfe. Er sagt nicht: «Wärst du doch so wie ich. Dann wäre das alles nicht passiert.» Und so ist es auch mit Gott. Gott ist kein Übervater, der von uns erwartet, dass wir uns genauso verhalten wie er. Er erwartet von uns keine Perfektion. Gott hat nur eine einzige Erwartung. Nämlich, dass wir unseren Weg gehen. Gott erwartet, dass wir dranbleiben, dass wir uns in unserem Leben weiterentwickeln. Wenn wir selbst erkennen, dass wir einen falschen Weg eingeschlagen haben, ist das vollkommen ok, solange wir aus unseren Fehlern lernen. Und wir dürfen uns mit unseren Sorgen und Problemen jederzeit an Gott wenden. Denn er verurteilt uns nicht, sondern ermutigt uns, unseren Weg zu gehen. Er gibt uns den Mut und die Kraft den Weg, der vor uns liegt, eigenverantwortlich zu gehen. Mit dem Risiko Fehler zu begehen und der Hoffnung, dass wir an diesen Fehlern wachsen und das beste aus unserem Leben machen.
Amen.

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