Wünsche eines Pfarrers – Eine Predigt

Wünsche eines Pfarrers – Eine Predigt

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Das deprimierende an meinen Beruf ist, dass ich keine Ergebnisse sehe. Selbst wenn ich den ganzen Tag arbeite, habe ich am Ende nichts Greifbares, nichts, was man sehen könnte. Wäre ich besser Tischler geworden, dann könnte ich abends sagen: „Heute habe ich diesen Stuhl hergestellt.“ Ok, ich gebe ehrlich zu, mit meinem handwerklichen Geschick, hätte ich am Ende des Tages nur einen Haufen Sägespäne produziert. 

Naja, es ist dennoch etwas ernüchternd, dass ich keine Ergebnisse meines Schaffens sehe. Ob sich der Segen realisiert, den ich dem Brautpaar zugesprochen habe, weiss ich nicht. Es ist mir auch nicht möglich zu überprüfen, ob meine Predigten im Herzen der Hörer etwas bewirken. Und gelegentlich habe ich auch den Verdacht, dass ich mir bei meinen Schülern und Konfirmanden völlig vergeblich den Mund fusselig rede. Aber dieses Schicksal teile ich vermutlich mit verschiedenen Berufsgruppen wie Lehrern, Psychologen oder Sozialarbeitern. Man tut und macht, aber was all dies bewirkt, erfährt man, wenn überhaupt, erst viel später. Da frage ich mich dann schon gelegentlich, wozu mache ich das alles? Ich sehe keine Auswirkung meines Handelns. Was habe ich dann davon?

Immerhin bleibt mir der Trost, dass ich mich nicht nur mit Psychologen oder Sozialarbeitern vergleichen muss. In 1Petr 1,10-12 werden noch viel prominentere Berufsgruppen genannt, denen es ähnlich geht:

„Nach dieser Rettung suchten und fragten die Propheten. Sie haben die Gabe der Gnade bereits vorausgesagt, die für euch bestimmt ist. Die Propheten fragten danach, auf welche Zeit und welche Umstände der Geist hinwies. In ihnen wirkte ja der Geist Gottes, den Christus gab. Er zeigte den Propheten im Voraus die Leiden, die auf Christus warteten – und er zeigte ihnen die Herrlichkeit, die darauf folgt. Gott offenbarte den Propheten, dass diese Botschaft nicht ihnen selbst dienen sollte. Sie sollte euch dienen. Denn euch ist sie jetzt verkündet worden – und zwar durch diejenigen, die euch die Gute Nachricht gebracht haben. Dafür hat Gott ihnen vom Himmel her den Heiligen Geist geschickt. Sogar die Engel würden gerne mehr darüber erfahren.“

Selbst die Propheten des Alten Testaments sind laut Aussage von Petrus nicht ganz zufrieden mit ihrem Job: Sie wissen, dass das, was sie verkündigen, nicht ihnen selbst helfen wird. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht ganz befriedigend ist. Aber da sind wir ja schon wieder bei den Psychologen und Sozialarbeitern. Die arbeiten ja auch nicht, dass es ihnen besser geht, sondern ihren Klienten. Wenn ich es so recht bedenken, arbeitet wohl fast niemand nur für sich selbst, sondern immer zum Wohle anderer.

Da auch Propheten keine reinen Altruisten sind, fragen sie bei Gott nach, auf welche Zeit ihr Handeln denn zielt: „Wann sehen wir endlich Ergebnisse?“ Diese Frage stellt sich vermutlich auch so mancher Psychologe, Sozialarbeiter und auch Pfarrer.

Ich kann ja nur von mir reden. Und ich muss gestehen, ich frage mich gelegentlich, wann kann ich endlich Resultate sehen. Jetzt biete ich seit längerem Glaubenskurse an, predige – zumindest nach eigener Einschätzung – so, dass es ein „normaler Mensch“ versteht, ausserdem Versuche ich die Wünsche von Brautpaaren und Taufeltern weitestgehend zu erfüllen, gestalte Zeremonien modern und kreativ, wann rennen mir die Leute endlich die Bude ein? Das wünscht sich vermutlich jeder Pfarrer eine volle Kirche. Lauter Menschen, die ihm gebannt an den Lippen kleben. Verdient hätte das natürlich jeder einzelne Pfarrer. Denn – jetzt verrate ich euch ein Geheimnis – tief in seinem Innersten ist jeder Pfarrer überzeugt: „Ich bin der Beste. Ein passionierter Prediger, erstklassiger Seelsorger usw.“. Bescheidenheit ist nicht die Stärke dieser Berufsgruppe. Entschuldigung: Ich verallgemeinere schon wieder. Bescheidenheit ist nicht meine Stärke!

Gott sei Dank gibt es Bibelpassagen, die mich wieder etwas erden: Selbst die Propheten waren nicht so charismatisch, dass sich die Menschen sofort geändert haben. Auch die Propheten hatten Zweifel, ob ihre Botschaft etwas bewirkt. Und wenn ich mir so manche Passage bei den Propheten durchlese, dann tun sie mir schon fast etwas leid. Denn die Propheten wussten, dass sie die Menschen ihrer Zeit nicht erreichen können: „Gott sagte: »Geh und sprich zu diesem Volk:›Hört nur zu – doch kommt nicht zur Einsicht!S eht nur hin – doch erkennt nichts!‹ Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopfe seine Ohren und verklebe seine Augen! Es soll mit seinen Augen nicht mehr sehen und mit seinen Ohren nicht mehr hören. Sein Herz soll nicht zur Einsicht kommen. Es soll sich nicht ändern und nicht wieder heil werden«“ (Jes 6,9-10).

Die absolute Horrorbotschaft für jeden Pfarrer: Deine Predigten werden genau das Gegenteil von dem bewirken, was du erreichen möchtest. Deine Kirche wird von Tag zu Tag leerer. Niemand kommt zu deinen Angeboten. 

Gott sei Dank, ist es bei mir nicht ganz so schlimm. Obwohl nicht den grossen Erfolg sehe, habe ich das Gefühl, dass „meine Gemeindeglieder“ mich mögen, mir gerne zuhören. Bleibt nur die Frage, ob sich mein Pfarrerwunsch erfüllt und ich irgendwann Resultate meiner Arbeit sehe. Aber vielleicht ist das ja irgendwie auch zweitrangig.

Die Propheten haben ihren Auftrag nicht in Zweifel gezogen. Sie haben nachgefragt, sich überlegt, was sie bewirken. Das ist ja auch legitim. Denn jeder Mensch möchte mit seinem Tun ja etwas bewirken. Aber selbst die Antwort Gottes, dass ihr Handeln zunächst einmal das Gegenteil des Erhofften bewirken wird, hat die Propheten nicht zweifeln lassen. Sie sind trotz allem in ihrer Arbeit aufgegangen.
Petrus begründet das folgendermassen: „Der Geist von Christus wirkte ja in ihnen.“ Die Propheten sind im wörtlichen Sinne von ihrem Beruf begeistert. Sie sind überzeugt, einen wichtigen Beitrag für das Leben anderer Menschen zu leisten. Das treibt sie an. Das motiviert sie.

Und wenn ich ganz tief in mein ruhmsüchtiges Herz hineinhorche, höre ich dort eine Stimme, die mir zuruft: „Es ist wichtiger seiner Bestimmung zu folgen und einer Tätigkeit nachzugehen, die das eigene Leben mit Sinn erfüllt, als jeden Sonntag vor Tausenden von Menschen zu predigen.“

Ja, ich bin davon überzeugt, das ist das, was wirklich im Leben zählt: Dem eigenen Tun Sinn abgewinnen. Ich sehe zwar nicht immer Ergebnisse meines Tuns. Ich weiss nicht, welcher Hörer sich Gedanken über meine Predigt macht und etwas für den Alltag mitnimmt. Ich weiss nicht, wie viel bei meinen Konfirmanden und Schülern hängen bleibt. Doch ich empfinde mein Tun als sinnvoll. Denn ich kann zumindest eines sagen: Ich stehe Menschen zur Seite, die ein freudiges Ereignis feiern. Und ich bin für Menschen da, wenn es hart auf hart kommt. Es freut mich, Menschen ein Stück auf ihrem Lebensweg zu begleiten, in dem Moment, in dem sie mich brauchen, ganz für sie da zu sein. Es ist ein wundervolles Gefühl, jemandem zur Seite stehen zu dürfen. Und ein noch besseres Gefühl ist es, zu spüren, dass dieser Mensch auf seinem Lebensweg ein Stück weitergekommen ist und meine Nähe nun nicht mehr benötigt.

Ich bin kein Tischler, der am Ende des Tages sagen kann: „Diesen Stuhl habe ich heute hergestellt.“ Doch ich bin mir sicher, meine Tätigkeit ist genauso sinnvoll. Ich kann keinen kunstvollen Gegenstand vorweisen. Doch ich habe immer das Gefühl, etwas sinnvolles getan zu haben. Ich weiss nicht, ob man als Pfarrer mehr erwarten darf. Ich tue es jedenfalls nicht.
Was begeistert dich und lässt dich dein Leben als sinnvoll erleben?

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