Das Leben ist kein Ponyhof

Das Leben ist kein Ponyhof

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Das Leben ist kein Ponyhof, auch als Christ nicht. Also ehrlich gesagt, bin ich da auch ein bisschen froh. Denn so ein Ponyhof macht sicher jede Menge Arbeit. Egal. Vermutlich ist mit dem Sprichwort ein Ponyhof aus Sicht eines Kindes gemeint: Den ganzen Tag Bespassung, keine Sorgen, Unbeschwertheit, Freude und gute Laune.

Nein, das Leben ist kein Ponyhof. Als gläubiger Mensch habe ich zwar jemanden, den ich mit allem belästigen kann. Denn Jesus sagt: «Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken» Mt 11,28). Das mit dem zu Jesus hinkommen und ihm alle Probleme vor die Füsse ko… äh legen, funktioniert auch ganz gut. Auf die Erquickung muss ich gelegentlich allerdings relativ lange warten. Das Gebet beruhigt mich zwar. Aber es ist nicht so, dass sämtliche Probleme dadurch verschwinden oder mich gar nicht erst behelligen. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass mein Leben voller Probleme und Leid ist. Na ja, in Psalm 34 heisst es ja auch: «Der Gerechte muss viel leiden.» Das ist dennoch ein schwacher Trost.

Wenn ich mir überlege, was ich die letzten Jahre so alles durchgemacht habe, dann frage ich mich wirklich, ob das denn alles sein musste. Ich weiss: «Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt» (Spr 16,9). Aber könnte er da nicht etwas ordentlicher lenken und zumindest das ein oder andere Leid links liegen lassen?
Ich möchte jetzt nicht rumheulen, aber das Unwohlsein auf meiner ersten Arbeitsstelle war schon eine grosse Herausforderung. Aber die darauffolgende zweijährige Krankheitsphase hat das Ganze noch getoppt. Und auch danach kamen immer wieder Situationen, in denen ich gelitten habe. Es gab viele Situationen, in denen meine Frau und ich gezweifelt haben. Das gehört wohl irgendwie zum Leben dazu.

«Darüber könnt ihr euch freuen. Aber es ist trotzdem nötig, dass ihr jetzt noch eine kurze Zeit leidet. Denn ihr werdet auf verschiedene Arten geprüft werden. Dadurch soll sich zeigen, ob euer Glaube echt ist. Denn er ist wertvoller als vergängliches Gold, das im Feuer gereinigt wird. Dafür werdet ihr Lob, Herrlichkeit und Ehre erhalten, wenn Jesus Christus wieder erscheint. Ihr liebt ihn, obwohl ihr ihn nicht gesehen habt. Ihr glaubt an ihn, obwohl ihr ihn jetzt nicht seht. Deshalb könnt ihr jubeln in unaussprechlicher Freude, die schon von der künftigen Herrlichkeit erfüllt ist. So erreicht ihr das Ziel eures Glaubens: eure endgültige Rettung» (1Petr 1,3-9).

Meine Euphorie hält sich da leider etwas in Grenzen. Ich hätte doch lieber das Leben auf dem Ponyhof als «verschiedenen Prüfungen» und die «nötigen Leiden». Wie in meiner letzten Predigt ausgeführt, kann ich mit einer Vertröstung auf das Jenseits relativ wenig anfangen. Nicht falsch verstehen: Es ist für mich tröstlich zu wissen, wo ich letzten Endes hingehe. Aber die Leiden im Hier und Jetzt müssen doch einen tieferen Sinn haben. Ich glaube nämlich nicht, dass es demjenigen, dem es auf dieser Erde besonders dreckig ging, im Himmel besonders gutgeht. Ich glaube an ein glückliches Leben nach dem Tod, egal was auf dieser Erde war. Durch irdisches Leid kann ich kein himmlisches Glück erwerben.

Dennoch glaube ich, dass das Leid, das wir erfahren, nicht sinnlos ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leid und Probleme immer einen innerlichen Prozess des Wachstums anstossen. Ich kann mit Fug und Recht behaupten: Ich wäre heute nicht der Mensch, der ich bin, wenn ich nicht durch schwere Zeiten gegangen wäre. All das Unerfreuliche, was mir im Leben begegnet ist, hat mir dabei geholfen, mich selbst zu verändern. Ich habe jede Menge über mich selbst gelernt. Ich habe viel über den Umgang mit anderen Menschen gelernt. Ich bin empathischer geworden, ein besserer Zuhörer und ich will mich nicht selbst beweihräuchern, aber ich würde auch sagen: Die ganzen Erfahrungen haben mich zu einem besseren Pfarrer gemacht. Ich habe mehr Verständnis für Menschen, die eine schwierige Zeit durchmachen, kann besser nachempfinden, wie es ihnen gehen könnte. Jedes Leid, das uns im Leben trifft, kann hilfreich für uns sein. Aber – und das ist ganz wichtig – kommt es auf unsere Einstellung an. Wir müssen bereit sein, das Leid als Herausforderung zu betrachten, es annehmen, uns ihm stellen, um so das Beste daraus zu machen. Wer teilnahmslos verharrt oder resigniert, wird durch die Herausforderungen des Lebens nichts lernen. Es ist der Glaube, der dem Leid Sinn verleiht. Nur wer glaubt, dass das Leben sich mit Gottes Hilfe wieder zum Besseren wenden wird, kann aus dem, was ihn trifft, lernen. Leiden erfordert eine Offenheit für das Leben und die Hoffnung auf ein Weiterkommen.

Spannend finde ich folgende Stelle aus dem Hebräerbrief, die davon ausgeht, dass sogar Jesus durch das Leiden gelernt hat, durch das Leiden zur Vollendung geführt wurde:

«Als Jesus hier auf der Erde lebte, brachte er seine Gebete und sein Flehen vor Gott –mit lautem Rufen und unter Tränen. Denn der konnte ihn vom Tod retten. Und wegen seiner Ehrfurcht vor Gott ist er erhört worden. Obwohl er der Sohn war, hat er es angenommen, wie ein Mensch durch Leiden Gehorsam zu lernen. So wurde er zur Vollendung gebracht. Seitdem ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber ihrer ewigen Rettung geworden» (Hebr 5,7-9).

Ich glaube, dass es unsere Aufgabe ist, in diesem Leben zu wachsen. Alles Leid, alle Probleme, die uns treffen, sind Herausforderungen. An diesen Herausforderungen sollen wir lernen, wir sollen weiterkommen. Jesus wurde, so sagt der Hebräerbrief, durch Leiden vollendet. Und so glaube ich, dass wir durch jeden Schicksalsschlag, den wir verarbeiten, dafür bereit werden, einen Schritt im Leben weiterzukommen. Jedes Leid, das wir überwinden, hilft uns, neue Fähigkeiten zu entwickeln, mit denen wir besser durch das Leben kommen. Ich weiss, es ist nicht schön zu leiden. Und doch glaube ich, dass wir uns ohne Leid nicht weiterentwickeln würden. Wenn uns im Leben kein Leid treffen würde, wären wir heute noch auf einem Ponyhof. Und sind wir einmal ehrlich: Mehrere Jahrzehnte auf einem Ponyhof zu verbringen, das wäre ziemlich langweilig und unbefriedigend.
Ich kann nur für mich sprechen: Aber ich sehne mich danach, im Leben weiterzukommen. Ich meine damit nicht die berufliche Karriereleiter, sondern das innerliche Wachsen. Es klingt paradox, aber gerade durch die Phasen des Leidens hat sich mein Glaube weiterentwickelt. Mein Glaube hat sich sehr stark verändert. Vielleicht habe ich durch das Leid auch Gott besser kennengelernt. Wer weiss? Aber sicher ist: Ich gehe gerade durch das überstandene Leid gestärkt durch das Leben. Ich bin eine andere Persönlichkeit als noch vor 5 Jahren. Und auch mein Vertrauen auf Gott hat sich durch das, was ich erlebt habe, gemehrt. Gott sei Dank lebe ich nicht auf einem Ponyhof, sonst wäre ich heute noch ein Kleinkind.

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