Sind Theologen Heilige?

Sind Theologen Heilige?

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Als Theologe fragt man sich ja gelegentlich, – zumindest tue ich das – ob man eigentlich ein guter Mensch ist. Das ist vermutlich auch für einen «normalen Menschen» eine wichtige Sache. Denn man möchte ja einen guten Eindruck auf andere machen. Ausserdem ist es nie verkehrt, gelegentlich nett zu sein, das empfehlen sogar führende Ethiker.

Bei einem Theologen liegt die Messlatte natürlich noch etwas höher, denn ein Theologe möchte ja ein Heiliger sein. Das fällt den meisten Theologen auch nicht schwer, so lange sie in ihrem Elfenbeinturm leben. Da hat man seine Ruhe! Zwecks Familiengründung musste ich meinen Elfenbeinturm leider verlassen. Und zu meinem grossen Entsetzen habe ich festgestellt: Auf der Erde laufen eine Menge Menschen rum. Und diese Menschen machen es mir nicht gerade leicht, ein Heiliger zu sein! Zumindest nicht so, wie ich mir einen Heiligen vorstelle. Ich bin zwar evangelischer Theologe. Doch bei dem Wort «Heiliger» fällt mir so ganz spontan der gute Laurentius ein. Ein Musterbeispiel eines Heiligen:

Laurentius war um 250 n. Chr. Diakon, als Handlanger des Bischofs, in Rom. Zu dieser Zeit herrscht Valerian als Kaiser des römischen Reiches. Und Valerian ist ein knallharter Verfolger des Christentums. Neben den üblichen Vorurteilen gegenüber der neuen Religion leitet ihn die Gier nach dem Geld der jungen Kirche. Papst Sixtus II. hat Valerian gerade köpfen lassen. Nun leitet Laurentius die römische Gemeinde. Kurzerhand lässt Valerian den Diakon gefangen nehmen und geisseln, um ihn so dazu zu bewegen, den Kirchenschatz herauszurücken. Nun steht Laurentius vor einer schwerwiegenden Entscheidung: Den Kirchenschatz rausrücken und so das eigene Leben retten oder als Märtyrer sterben. Und als wahrer Heiliger entscheidet er sich selbstverständlich für das Martyrium. Aber er tut noch mehr: Kurzerhand verteilt er den gesamten Kirchenschatz an notleidende Menschen. Als er nach drei Tagen wieder vor den Kaiser geführt und nach dem Kirchenschatz gefragt wird, zeigt Laurentius auf die mittellosen Menschen, die ihm gefolgt sind: «Das ist der wahre Schatz der Kirche», sagt er und lächelt in die Runde. Der Kaiser tickt daraufhin völlig aus. Er lässt Laurentius foltern und versucht ihn zum heidnischen Opferdienst zu zwingen. Doch Laurentius bleibt standhaft. Daraufhin befiehlt der Kaiser, Laurentius auf einem Grillrost langsam zu Tode zu martern. Selbst in dieser Situation bewahrt Laurentius seinen Glauben und seinen Humor. Nach einiger Zeit bittet er seinen Henker, ihn zu wenden, denn auf der einen Seite sei er schon gar.

Boah, das einzige, was ich mit diesem unerschrockenen Heiligen teile, ist wohl sein Humor. Das blöde Gesicht des Kaisers hätte ich gerne gesehen. Aber auch dieser Gedanke scheint mir nun nicht sehr heilig zu sein…

Also: Schlimm genug, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich tatsächlich für meinen Glauben sterben würde. Wobei sich da die Frage auftut, ob es nicht schwieriger ist, seinen Glauben und seine Überzeugungen zu leben…

Wie auch immer: Ein guter und vor allem freiwilliger Märtyrer ist an mir nicht verloren gegangen. Aber noch schlimmer ist, dass ich auch sonst kein besonders heiliges Leben führe. Laut Aussage meines Sohnes bin ich der schlimmste Vater der Welt. Gut, ihm fehlt wohl der Vergleich, aber ich bin wohl wirklich ein schlechter Mensch. Denn ich auch mit Laurentius Freigiebigkeit kann ich nicht mithalten. Mangelndes Vertrauen auf Gott, der durch Jesus ja sagt: «Macht euch keine Sorgen um euer Leben, – was ihr essen oder trinken sollt, oder um euren Körper – was ihr anziehen sollt. Ist das Leben nicht mehr als Essen und Trinken? Und ist der Körper nicht mehr als Kleidung? Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte in Scheunen. Trotzdem ernährt sie euer Vater im Himmel. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?» (Mt 6,25ff.). Ich bin da doch ziemlich kleingläubig. Ich möchte ja nicht gleich Millionär werden, aber so ein bisschen Absicherung für die Familie kann ja nicht schaden. Und das versteht vermutlich auch jeder. Aber wenn ich ein Heiliger sein wollte, dürfte ich künftig wohl nicht mehr achtlos an Bettlern vorbeigehen.

Ausserdem kommt noch hinzu, dass ich auch nicht mit allen Menschen kann. Ganz ehrlich: Ich finde viele Menschen wirklich merkwürdig, vor allem die Geschwister im Glauben können manchmal extrem nerven! Dabei sollten die doch heilig sein. Es ist ja schon schlimm genug, dass sie so völlig scheitern. Doch durch ihr Versagen bringen sie auch noch mich zum Straucheln. Zugegeben: Es ist natürlich zu einfach, die Schuld einfach auf andere abzuwälzen. Ich bin schlicht und ergreifend kein Heiliger!

Doch damit die ganze Geschichte nicht so traurig endet ein auferbauender Bibeltext: «Petrus, Apostel von Jesus Christus. An alle Menschen, die Gott erwählt hat und die in der Fremde verstreut leben: in Pontus, Galatien, Kappadozien, in der Provinz Asia und in Bithynien. Eure Erwählung geschieht durch den Heiligen Geist, der euch zu Heiligen macht. So hatte Gott es vorherbestimmt. Denn er wollte, dass ihr sein gehorsames Volk werdet – reingewaschen durch das Blut von Jesus Christus. Ich wünsche euch Gnade und Frieden in immer größerem Maß!» (1Petr 1,1-2).

Wie kommt der heilige Petrus dazu, uns alle als heilig zu bezeichnen? Ganz einfach: Petrus macht Heiligkeit nicht von eigenen Charaktereigenschaften oder besonders guten Handlungen abhängig. Heiligkeit bedeutet für Petrus, mit Gott verbunden sein. «Eure Erwählung geschieht durch den Heiligen Geist, der euch zu Heiligen macht.» Wir alle sind heilig, weil wir mit Gott verbunden sind. Jeder, der in seinem Leben auf Gott vertraut, mit ihm unterwegs ist, ist heilig, auch wenn seine Taten nicht vollkommen sind. Gott rechnet uns unsere Unvollkommenheit nicht an. So wie Petrus es ausdrückt: Wir sind «reingewaschen durch das Blut von Jesus Christus».
Und so kann ich wieder einmal triumphieren: Ich bin zwar kein Heiliger, ich mir das so allgemein vorstelle und doch bin ich in meiner Unheiligkeit heilig.
Das ist doch mal etwas für einen Theologe: Heilig sein, ohne etwas dafür tun zu müssen!

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