Weitere Fragen an den Herrn Pfarrer

Weitere Fragen an den Herrn Pfarrer

  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Was wolltet ihr schon immer von einem evangelischen Pfarrer und freien Redner wissen? Ich habe mir selbst ein paar Fragen überlegt, die euch interessieren könnten. Selbstverständlich freue ich mich über weitere Fragen.

Was fasziniert dich am Freien-Redner-Sein?
Zunächst einmal empfinde ich es als äusserst angenehm, mein eigener Chef zu sein. Ich kann Termine flexibel planen und habe so genügend Zeit für meine Gesprächspartner und natürlich auch für meine Familie.

Besonders erfreue ich mich an der Offenheit, dem Vertrauen und der Wertschätzung, die die Menschen, die ich begleite, mir entgegenbringen. Egal ob im Trauerfalle oder einem freudigen Anlass wie einer Trauung oder Taufe, ich stosse immer auf sehr grosses Entgegenkommen. An sich fremde Menschen erzählen mir von ihrem Leben, was sie bewegt und worauf sie hoffen. Ich habe grossen Respekt vor diesem Vertrauensvorschuss und bemühe mich ihm gerecht zu werden.

Dazu kommt, dass ich es für mich selbst als bereichernd empfinde, von den Lebenserfahrungen anderer Menschen zu lernen. In jeder Begegnung erfahre ich, wie andere (teilweise ältere) Menschen die Welt erfahren, deuten und was sie aus dieser Deutung machen. Das hilft mir dabei, mein eigenes Leben anzupacken und für Veränderungen offen zu bleiben.

Und last but not least ist es ein schönes Gefühl, jemand anders etwas Gutes zu tun, für ihn dazu sein, Trost zu spenden oder Freude mit ihm zu teilen.

Was machst du lieber Trauungen oder Beerdigungen?
Das kann ich so pauschal kaum beantworten.

An Trauungen zieht mich die Freude an. Als Pfälzer bin ich selbst ein lebensfroher Mensch und es beglückt mich, die Freude anderer zu teilen bzw. meinen Teil dazu beizutragen, dass der besondere Tag eines Paares unvergesslich (im positiven Sinne!) wird.

Doch auch Trauergespräche und Trauerfeiern empfinde ich als wertvoll. Nie sind Menschen offener als im Trauergespräch. So empfinde ich das zumindest. Es ist wertvoll, sich mit den Hinterbliebenen an das Leben des Verstorbenen zu erinnern, zu erforschen, was er zum eigenen Leben beigetragen hat und zu eruieren, wie ein Leben ohne die geliebte Person nun aussehen könnte.
Beerdigungsfeiern sind für mich immer bewegende Momente. Und ein besonders Gutes Gefühl stellt sich bei mir ein, wenn ich feststelle, dass ich die richtigen Worte getroffen habe und den Angehörigen zumindest einen kleinen Abschnitt ihres Trauerweges begleitet und mit dazu beigetragen habe, dass dieser gangbar wurde.

Bist du als Pfarrer nicht so ein konservativer, langweiliger Typ?
Zunächst einmal gehöre ich der Gattung Mensch an. Pfarrer bin ich von Berufswegen und nicht qua Geburt.
Meine frohe und lebensbejahende Art hat mir auch das Pfarramt nicht ausgetrieben. Ich würde sogar sagen, es hat sie bestärkt. Denn als Pfarrer ist es meine Aufgabe, Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Das gelingt sicher besser, wenn man das Leben nicht immer ganz ernst nimmt und auch in scheinbar ausweglosen Situationen lachen kann.
An sich sollten alle Pfarrer weltoffen und lebensfroh sein. Denn Jesus selbst wurde ja als «Fresser und Weinsäufer» bezeichnet, der sich auch gerne auf Partys herumtrieb.
Kurz und gut: Der Glaube gehört ins Leben. Wenn er für den Alltag keine Bedeutung hat, kann man ihn auch aufgeben… Damit das nicht geschieht, bin ich ja als Pfarrer und freier Theologe da.

Wie gehst du mit Hinterbliebenen und Brautpaaren um, die selbst keinen Bezug zum Glauben haben?
Ich nehme den Menschen an, wie er ist. Als Theologe sehe ich mich eher als Helfer zum Leben denn als wahrer irgendwelcher Traditionen. Natürlich ist es für einen Theologen immer ein Glücksfall, wenn Lebenshilfe zu Glaubenshilfe wird, das ist aber nicht das Ziel meiner Arbeit.
Ich möchte für Menschen egal ob gläubig oder nicht, da sein. Bei jeder Feier, ob nun Trauerfeier oder freudiger Anlass, der Mensch steht im Mittelpunkt. Als Redner bin ich Gast in der Welt des Anderen. Ich nehme wahr, frage nach, aber ich manipuliere bzw. missioniere nicht. Es geht mir darum, mein Gegenüber zum Leben zu ermutigen, und ich glaube ganz fest, dass jeder für sich selbst weiss, wie er am besten durchs Leben kommt.
Zusammengefasst: Wer einen Transzendenzbezug wünscht, bekommt ihn bei mir. Mit den übrigen Brautpaaren feiere ich das Leben. Bei Trauerfeiern würdige ich das Leben des Verstorbenen mit oder ohne Gottesbezug.

Schreibe einen Kommentar