Warum wir kirchlich bzw. frei heiraten – Paare berichten

Warum wir kirchlich bzw. frei heiraten – Paare berichten

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Ich habe Paare, die bereits geheiratet haben oder zeitnah heiraten werden, befragt, was sie für das Entscheidende bei einer Trauzeremonie halten. Sowohl Paare, die kirchlich geheiratet haben, als auch Paare, die sich bewusst für eine freie Trauung entschieden haben, haben mir Rede und Antwort gestanden. Ich danke allen Beteiligten ganz herzliche für die Zeit, die sie sich genommen haben, sowie die Offenheit und den Spass an der Arbeit.

Ich werde die Paare unkommentiert zu Wort kommen lassen. Eine kurze persönliche Stellungnahme erfolgt zum Abschluss des Artikels. Viel Spass beim Lesen!

(Ich freue mich, wenn sich noch weitere Paare bereit erklären, sich von mir interviewen zu lassen, da ich für meine Doktorarbeit noch weitere Interviews führen möchte.)

1. Warum entscheiden sich Paare für eine kirchliche Trauung?
Anrecht auf eine kirchliche Trauung hat jedes Paar, bei dem ein Partner Mitglied einer Kirche ist. Wenn beide Partner verschiedenen Konfessionen angehören, kann überlegt werden, ob die Trauung evangelisch oder katholisch stattfinden soll. Eine wirklich ökumenische Trauung ist nicht möglich. Es kann jedoch eine evangelische bzw. katholische Trauung unter Einbezug der anderen Konfession gefeiert werden. (Eingetragen wird die Trauung dann nur in ein Kirchenbuch.)

1.1 Der religiöse Aspekt
Der Glaube der Paare wird heutzutage selbstverständlich nicht mehr überprüft. Dennoch sollte klar sein: In einer kirchlichen Trauung wird der liebe Gott schon eine Rolle spielen. Viele Pfarrer sind bereit, auf Wünsche des Brautpaares einzugehen und beispielsweise weltlichen Gesang in die Feier zu integrieren oder auf einige Gebete zu verzichten, doch ein kompletter Verzicht auf den Gottesbezug wird im Rahmen einer kirchlichen Trauung nicht möglich sein. Der Ablauf einer kirchlichen Trauung hingegen ist viel flexibler, als viele Paare zunächst denken.

Bei Paaren, die kirchlich heiraten, besteht im Idealfall eine gewisse Verbundenheit zu Glaube und Kirch: «Ja, für mich ist es. Ich gehe jetzt nicht so oft in Gottesdienste und mit der Bibel habe ich. Für mich ist die Bibel ein Wegweiser, aber für mich ist die Arbeit mit den Kindern das Wichtigste.» (Die Interviewte engagiert sich in der Jugendarbeit ihrer Kirchengemeinde.) Entscheidend für eine kirchliche Trauung ist für viele Paare nicht der regelmässige Gottesdienstbesuch, sondern die lose Verbundenheit mit der Institution. «Katholisch oder evangelisch? Das war ja am Anfang auch nicht in Stein gemeisselt. Und da haben wir beide aber ganz schnell gesagt, dass für uns wichtig ist, da wir beide ja auch nicht so oft in die Kirche gehen.» Aus welchen Gründen sich Menschen mit Kirche verbunden fühlen, können sie oft nicht richtig zum Ausdruck bringen, doch irgendwie gehört die Kirche einfach zu ihrem Leben, obwohl sie quasi nie hingehen. Sie wissen, bei wichtigen Lebensereignissen ist die Kirche da. Da kann ich mich darauf verlassen, dass das Fest würdig zelebriert wird. Ansonsten ist der Kontakt zur Kirche recht beschränkt und auch religiöse Praktiken spielen im Leben der meisten Paare keine grosse Rolle: «Wir feiern zusammen Weihnachten», meinte ein Paar, das sich kirchlich trauen liess.

Selbstverständlich entscheiden sich andere Paare auch ganz bewusst für eine kirchliche Trauung. Für diese Paare stellt die kirchliche Trauung die eigentliche Trauung dar. Dem standesamtlichen Teil hingegen wird keine grosse Bedeutung beigemessen: «Ähm für uns ist es der Glaube, dass Gott das so gesetzt hat. Ähm. Ja, weil, wir sind beide Christen und ich meine vor Gott wäre ja keine zivile Trauung anerkannt. Aber wir möchten bewusst auch den Segen von Gott so erhalten.» Der Segen Gottes wird als entscheidend für eine gelingende, auf Zukunft ausgerichtete Ehe verstanden. Der wichtigste Teil des Gottesdienstes ist folglich das Erbitten des Segens. So wird von einigen Paaren auch der Ringwechsel als Segensgeste gedeutet: «Weil die Ringe für uns auch, dass wir zusammengehören, das bedeutet das für uns. Und das war wichtig für uns, weil man da, weil ich damit verbinde, ich habe ihm jetzt den Ring angesteckt und das ist quasi abgesegnet. Da hält Gott seine Hand drüber, darüber werden wir beschützt. Daher fand ich den Ringwechsel für mich bedeutend.»

1.2 Tradition und Ästhetik
Weitere Gründe, sich kirchlich trauen zu lassen, sind die Tradition und die feierliche Wirkung des Kirchengebäudes. So antwortete ein aus der Kirche ausgetretener, dennoch kirchlich verheirateter, Ehemann, auf meine Frage, was er von freien Trauungen halte: «Ist auch schön, aber Kirche ist natürlich noch schöner.» Religiöse Elemente der Trauung werden dabei uminterpretiert und der eigenen Weltdeutung angepasst: «Joa, ist halt schön, wenn sie ein schönes Kleid anhat und ich einen Anzug. Und wenn Bibelzitate vorgelesen werden und so ist schon noch speziell. Und wenn man so Wörter wie Gott und Jesus einfach ersetzt durch Liebe, dann ist es das eigentlich sehr schön.» Eine rein standesamtliche Trauung empfinden Paare als zu wenig: «weil für mich halt nur Standesamt wäre mir persönlich nicht festlich genug gewesen.»

Die Tradition der kirchlichen Heirat wird von vielen hochgehalten, auch wenn sie mit sonstigen kirchlichen Traditionen nicht viel Anfangen können: «Ähm, ja vor allem das Gebäude ist halt sehr festlich und hat etwas Traditionelles.» Die Tradition gibt im Rahmen eines emotionalen Festes Sicherheit, man fühlt sich geborgen und gut aufgehoben, da man einem bekannten Ritual folgt.

Ferner scheint vielen Paaren, das grosse, majestätisch wirkende Kirchengebäude des feierlichen Anlasses würdig zu sein. Es wirkt eben doch imposanter in einer lichtdurchfluteten Kirche ja zu sagen, als sich lediglich in einem kleinen Saal des Standesamtes einen Ring anzustecken.

2. Aus welchen Gründen bevorzugen Paare eine freie Trauung?
2.1. Das schlechte Image der kirchlichen Trauung
Immer mehr Paare entscheiden sich für eine freie Trauung und das, obwohl sie noch Mitglied einer Kirche sind. Die Beweggründe sind sehr unterschiedlich.

Einige Paare haben sich trotz Mitgliedschaft so weit von der Kirche entfernt, dass für sie eine kirchliche Trauung unpassend erscheint. Die Glaubensinhalte des Christentums sind ihnen fremd und der Institution Kirche stehen sie kritisch gegenüber. So kommentiert ein Paar seine Entscheidung: «Wir fanden es dann etwas heuchlerisch kirchlich zu heiraten, wenn wir eigentlich selbst nicht daran glauben. Wenn ich was mache, dann mach ich es richtig und mit voller Überzeugung. Wenn ich dann nicht gläubig bin, finde ich es blöd vor Gott irgendwas zu schwören, wenn man nicht so dahintersteht». Die Trauung soll der Lebenswelt des Paares entsprechen. Für ungewohnte religiöse Gebräuche ist bei der eigenen Trauung kein Platz. Für die Kirchen erschreckend ist die Tatsache, dass sich auch zahlreiche Paare, deren Herkunftsfamilien kirchlich sozialisiert sind, religiöse desinteressiert sind und sich daher für eine freie Trauung entscheiden: «Trotz dass unsere beiden Familien relativ gläubig sind: sein Vater ist sogar Religionslehrer und bei mir ist es in der Familie auch sehr kirchlich und sehr christlich.» Im eigenen Leben scheint kein Platz mehr für Religiosität zu sein. Daher wird ihr konsequenterweise auch kein Raum in der Trauzeremonie eingeräumt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die beiden Volkskirchen mit einem Imageproblem zu kämpfen haben. Kirchliche Trauungen gelten als steif und werden leider auch immer wieder so erlebt. Ein Fotograf berichtet: «Das ist jetzt natürlich nur ne persönliche Meinung, aber auf allen kirchlichen Hochzeiten bis jetzt, auf denen ich war – das waren witzigerweise meistens katholische – standen statt dem Brautpaar eher die Religiösität und Gott und die Verbindung im Vordergrund.» Oftmals haben Gäste das Gefühl, einem «normalen Gottesdienst» beizuwohnen, bei dem zufällig ein Brautpaar anwesend ist. Der Pfarrer leiert sein Programm ab und kann mit dem Paar scheinbar nichts anfangen. Eine Interviewpartnerin bringt es auf den Punkt: «Und das fehlt mir persönlich in der Kirche, dass man auch mal nach links und rechts schaut, dass man auch mal überlegt, wie komme ich wieder ran an meine Schäfchen. Wie komme ich denn wieder hin zu mehr Vertrautheit und mehr persönlicher Betreuung, dass ich eben nicht zu jeder Trauung und Taufe bloss meine Schublade aufziehe und mein Textgerüst da rauszerr und den Namen und das Geburtsdatum austausche.»

Bei einigen Paaren stehen tatsächlich schlechte Erfahrungen im Hintergrund, andere Paare «wissen» nur vom Hörensagen, wie weltfremd die Kirche ist und wie lieblos kirchliche Trauungen zelebriert werden. Ob diese Vorurteile nun zutreffen oder nicht, die Kirche droht, eine Vielzahl von Mitgliedern zu verlieren, wenn sie es nicht schafft, ihr Image zu verbessern.

2.2 Die gefühlten Vorteile einer freien Trauung
Andererseits entscheiden sich viele Brautpaare bewusst für eine freie Trauung. Freie Trauungen gelten allgemein als locker, emotional und persönlich. Dieses positive Image finden viele Brautpaare durch die Teilnahme an freien Zeremonien sowie die Berichte von Freunden bestätigt. So suchen viele Heiratswillige nicht mehr das Gespräch mit dem Ortspfarrer, sondern entscheiden sich gleich für eine freie Trauung.

So sind viele Verheiratete im Rückblick mit ihrer freien Trauung auch sehr zufrieden: «Und für mich waren die Vorteile, dass es wirklich mehr um uns geht und das Paar mehr im Mittelpunkt steht als jetzt irgendwelche kirchlichen Bibelauszüge und so. Von der Musikauswahl ist man freier, von der gesamten Musikauswahl waren wir freier.» Im Gegensatz zur kirchlichen Trauung – so die Meinung – steht bei der freien Trauung immer das Brautpaar mit seinen Wünschen im Mittelpunkt. Alles ist möglich: Musik von Rammstein, ausgefallene Rituale oder auch schamanistische Elemente, ganz wie das Paar es gerne hätte.

Und selbstverständlich kann eine freie Trauung von jedem geleitet werden: «Besonders wichtig: Eigentlich unsere Trauredner. Das sind ihre Mutter und mein Vater, die uns da trauen oder uns sozusagen zusammenführen. Finde ich schön, dass die beiden das auch machen wollen. Und ihre Mutter mich in ihrer Familie willkommen heisst, und mein Vater sie in meiner Familie willkommen heisst.» Die Feier kann im Rahmen einer freien Trauung sehr familiär gestaltet werden. Das Bedürfnis nach Individualität und Zusammengehörigkeit wird durch die Übernahme wichtiger Bestandteile der Zeremonie durch Familienangehörige oder enge Freunde unterstrichen. Das ist in der Kirche (derzeit) tatsächlich nicht möglich.

Insgesamt überwiegt bei Frei-Verheirateten das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Die eigene Liebe konnte in einer als persönlich und individuell erlebten Zeremonie gefeiert werden. Abgerundet wurde alles durch eine einzigartige Trauansprache, bei der nicht das Gefühl aufkam, dass da irgendein Pfarrer seine Standardansprache gehalten hätte.

3. Was sind für Brautpaare die wichtigsten Elemente einer Trauzeremonie?
Überrascht hat mich, dass die Erwartungen an die Trauzeremonie sich bei den Paaren kaum unterscheiden. Egal, ob die Verliebten kirchlich oder frei heiraten, an erste Stelle steht die persönliche Note der Trauzeremonie. Zwei kirchlich verheiratete Paare fassen zusammen: «dass es für uns eben wichtig ist, wenn wir kirchlich heiraten, dann hätten wir das gerne mit einem persönlichen Bezug, eben weil wir beide normalerweise nicht so oft in die Kirche gehen. Und dann war für uns beide klar, einfach mit dir, Daniel, weil wir dich schon so viele Jahre kennen» und «also ich finde es wichtig, das Brautpaar miteinzubeziehen, es auch zu animieren, sich einzubringen, denn es ist ja schliesslich die Hochzeit des Paares und einer der wichtigsten Tage im Leben des Paares selbst». Es ist auffällig, wie viele Verheiratete für ihre Trauzeremonie auf eine Pfarrperson zurückgreifen, die entweder aus ihrem Freundeskreis stammt oder die sie lange Zeit als Gemeindepfarrer begleitet hat. Auch ein junger Mann, der frei geheiratet hat, schwärmt von seinem alten Gemeindepfarrer: «Den kannte ich von Kindheit an. Der hat mich getauft, meine Kommunion gemacht. Der hat mich begleitet über die ganze Zeit und das war eher so ein Kumpeltyp. Mit dem hat man auch Fussball gespielt. War einfach ein cooler Pfarrer…» Wäre dieser Pfarrer noch im Dienst, hätte er sich auch vorstellen können, kirchlich zu heiraten. Denn das Vertrauen in die Qualität einer Trauung wächst, wenn der Pfarrer und seine Art bekannt sind. Paare fühlen sich eher unwohl, wenn da «irgendeiner von der Gemeinde, den wir noch nie gesehen haben», kommt und die Trauung irgendwie abfrühstückt. Zu Fragen wäre, warum einem Trauredner, der das Paar vor der Vorbereitung der Hochzeit nie gesehen hat, grössere Kompetenz, mehr Empathie und Kreativität zugeschrieben wird als Gottes Bodenpersonal. Scheinbar verbinden Brautpaare mit einem freien Redner Spritzigkeit, hohes Einfühlungsvermögen und Engagement, während sie einen Pfarrer eher als unflexibel, konservativ und wenig ideenreich betrachten.

Und auch eine, in einer Freikirche beheimatete Braut, hält fest: «Ja, ich finde es eigentlich immer die besten Traupredigten sind, wenn sie wirklich man merkt, der Pastor, der kennt die Leute und nimmt auch wirklich einen Bezug zu ihrem Leben und spricht nicht einfach nur etwas nur über die Ehe, sondern wirklich nimmt solche Elemente aus ihrem Leben und ich erinnere mich z.B. gut an eine Predigt, wo der Redner, es war der Grossvater der Kollegin, die geheiratet hat.»
Das Entscheidende bei einer Traufeier ist für alle Paare die gefühlte Nähe des Pfarrers/ Redners sowie die Ausrichtung der gesamten Zeremonie auf ihr Leben. Die Trauung soll die Art des Paares widerspiegeln, die individuelle Liebe bildet den Mittelpunkt der Zeremonie, egal ob dabei Gottes Segen erbeten wird oder nicht.

4. Persönliches Fazit
Augenfällig ist, dass viele Heiratswillige kaum Berührung zu ihrer Ortskirchengemeinde und Kirche im Allgemeinen haben. Hinzu kommen das schlechte Image der Kirche, welches junge Menschen über alternative Trauzeremonien nachdenken lässt. Besonders dramatisch ist es, wenn noch persönliche Enttäuschung hinzukommt: «Ich hab`s jetzt auch wieder vom Patenonkel von meinem Sohn gehört, seine Schwester hat die kirchliche Trauung gehabt und sie haben ungelogen den Pfarrer zwei Wochen später in Starnberg getroffen, also der sie vor zwei Wochen getraut hatte und der konnte sich nicht einmal mehr an sie erinnern.» Hinzukommen lieblos erfahrene Beerdigungen oder das Gefühl, dass es Gottes Bodenpersonal bei Kasualien (Trauung, Taufe, Beerdigung) lediglich darum geht, kirchliche Lehren zu verbreiten.

Meiner Meinung nach hat Kirche ein echtes Imageproblem. Leider werden diese Vorurteile immer wieder bestätigt. Dennoch möchte ich Brautpaaren Mut machen, eine kirchliche Trauung zumindest in Erwägung zu ziehen und ein Treffen mit ihrem Ortspfarrer zu vereinbaren. Denn viele Pfarrer, Diakone und Priester entsprechen bei weitem nicht dem Klischee des uncoolen, überfrommen Predigers. Auch Geistliche sind Menschen wie du und ich. Und man soll es nicht glauben, aber viele Kirchenbedienstete üben ihren Beruf aus Überzeugung aus, nehmen sich Zeit für Menschen und sind offener für deren Wünsche als man gemeinhin denkt. Wer ohne grosse Erwartungen in das Gespräch geht, kann ohnehin nicht enttäuscht werden und wer weiss, vielleicht überrascht Kirche ja auch einmal im positiven Sinn.

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